Deutsch-Polnisches Geschichtsbuchprojekt "Europa- unsere Geschichte"

Fotos: Bettina Ausserhofer

„Europa – unsere Geschichte“ setzt als von Deutschen und Polen gemeinsam erarbeitete Schulbuchreihe einen Dialog fort, den Historiker, Geographen und Geschichtsdidaktiker beider Länder seit Jahrzehnten führen – vor allem im Rahmen der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Die aktuell entstehende, auf vier Bände ausgelegte Lehrwerkreihe ist für den regulären Einsatz im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I in Deutschland und der entsprechenden Schulstufe in Polen bestimmt. Band 1 „Von der Ur- und Frühgeschichte bis zum Mittelalter“ wurde im Juni 2016 in zwei inhaltlich und gestalterisch identischen Sprachfassungen der Öffentlichkeit vorgestellt und steht seitdem für den Einsatz im Geschichtsunterricht in Deutschland und Polen bereit. Die Bände 2-4 werden sukzessive bis 2020 folgen. Die durch Verlagstandem und Projektgruppe erarbeitete Reihe erscheint bei Eduversum (DE) und Wydawnictwa Szkolne i Pedagogiczne (WSiP, PL).

ZIELE

Ziel des gemeinsamen Geschichtsbuchs ist es, Schülerinnen und Schülern in Polen und den deutschen Bundesländern zeitgemäße und neue Zugänge zur Geschichte zu eröffnen, ihr Verständnis für problemorientiertes historisches Denken zu fördern und die Rolle von Geschichte bei Identitätsbildungen zu thematisieren.

Im Fokus steht die europäische und Globalgeschichte unter besonderer Berücksichtigung deutsch-polnischer Perspektiven. Das Lehrwerk soll somit einen veränderten Blick auf Europa ermöglichen: Es soll die immer noch bestehende Fokussierung auf die EU-Gründungsstaaten aufbrechen und einen Beitrag dazu leisten, das historische Bewusstsein deutscher Jugendlicher nach Osten zu erweitern – und umgekehrt. Europa und die Welt sollen jenseits einer überwiegend nationalen Deutung historisch neu entdeckt, anders vermessen und differenzierter wahrgenommen werden, indem die Vielgestaltigkeit Europas und die Pluralität europäischer Erinnerungskulturen sichtbar gemacht werden und in altersgemäßer Weise der Blick dafür geschärft wird, wie Geschichte geschrieben und historische Erinnerung konstruiert wird.

Die Schülerinnen und Schüler erwerben Kompetenzen im Umgang mit der historischen Materie und werden zum Perspektivwechsel angeregt. Auf diese Weise strebt das Lehrwerk danach, basierend auf einem breiten Wissen über den jeweils Anderen und die im doppelten Wortsinn geteilte Geschichte (shared and divided) gegenseitiges Verstehen und Empathie zu fördern.

GESCHICHTE UND PLANUNGEN

Bereits im Herbst 2006 hatte der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch angeregt. Im Januar 2008 griffen die Außenminister Deutschlands und Polens die Idee auf und beauftragten die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, ein Konzept hierfür zu entwickeln.

Im Mai 2008 hat das Projekt offiziell begonnen. Es konstituierte sich eine deutsch-polnische Projektgruppe, bestehend aus wissenschaftlichen und politischen Akteuren beider Länder. Am 1. Dezember 2010 hat die Projektgruppe in Warschau Empfehlungen für die Erarbeitung eines gemeinsamen Geschichtsbuchs an hochrangige Vertreter der Politik aus Polen und Deutschland übergeben. Der Expertenrat des Projekts macht darin konzeptionelle Vorschläge für die Gestaltung der Schulbuchreihe. Diese Vorschläge umfassen ein didaktisches Rahmenkonzept sowie fünf Epochenteile von der Antike bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts und nähern sich zentralen Fragen der europäischen und der globalen Geschichte aus deutsch-polnischer Perspektive.

Seit 2012 arbeitet die Projektgruppe mit dem deutsch-polnischen Verlagstandem Eduversum und Wydawnictwa Szkolne i Pedagogiczne (WSiP) zusammen, für deren Arbeit die Empfehlungen wichtige Grundlagen liefern. Folgend auf die Präsentation von Band 1 durch die beiden Außenminister Steinmeier und Waszczykowski im Sommer 2016 werden die Bände 2-4 (Frühe Neuzeit bis 1815, 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert) sukzessive 2017, 2019 und 2010 vorgestellt. Das Erscheinen der Bände wird durch gezielte Lehrkräfteschulungen, Workshops und Präsentationen begleitet.

ORGANISATION

Neben einem deutsch-polnischen Steuerungsrat wurde ein binationaler Expertenrat eingerichtet, der den Arbeits- und Publikationsprozess wissenschaftlich begleitet. Dem Expertenrat sitzen Prof. Michael G. Müller (Halle) und Prof. Robert Traba (Berlin/Warschau) vor. Die wissenschaftliche Koordination des Projekts wurde auf der deutschen Seite Prof. Eckhardt Fuchs, dem Direktor des Georg-Eckert-Instituts übertragen, auf der polnischen Seite fungiert Prof. Igor Kąkolewski (Berlin/Warschau) als wissenschaftlicher Koordinator. Darüber hinaus gehören dem Expertenrat insbesondere die Präsidiumsmitglieder der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission an.

Im Steuerungsrat vertritt auf der deutschen Seite der Kultusminister des Landes Brandenburg Günter Baaske die Interessen der Kultusministerkonferenz. Auf der polnischen Seite fungiert die Vize-Ministerin im Bildungsministerium Marzenna Drab als nationale Projektbeauftragte. Alle Gremien sind paritätisch besetzt. Das Projekt wird gleichermaßen von den Regierungen der beiden Länder, auf der deutschen Seite auch von der Kultusministerkonferenz, finanziert.

BEDEUTUNG

Das Projekt ist von hoher bildungs- und wissenschaftspolitischer Bedeutung für die deutsch-polnischen Beziehungen. Beide Seiten zeigen damit ihren Willen, die geschichtlichen Erfahrungen des Nachbarlandes in der schulischen Vermittlung von Geschichte mit einfließen zu lassen und den Wissenschaftsdialog über historische Themen vertiefen zu wollen.

DIE ROLLE DES GEORG-ECKERT-INSTITUTS UND DER GEMEINSAMEN DEUTSCH-POLNISCHEN SCHULBUCHKOMMISSION

Das Projekt eines gemeinsamen Geschichtsbuchs profitiert in hohem Maße von der Erfahrung der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Die Entscheidung für die Konzeption des Schulbuches basiert über weite Strecken auf einer von der Kommission veranlassten und am Georg-Eckert-Institut durchgeführten Machbarkeitsstudie, in der die Lehrpläne Polens sowie aller 16 deutschen Bundesländer für die als Zielgruppe ins Auge gefassten Schulstufen analysiert wurden. Im Expertenrat des Projekts spielen Vertreterinnen und Vertreter der Schulbuchkommission eine prägende Rolle. Am Georg-Eckert-Institut ist das deutsche Projektbüro angesiedelt.

PUBLIKATIONEN

  • Europa – unsere Geschichte Band 1: Von der Ur- und Frühgeschichte bis zum Mittelalter. Herausgegeben von der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in Zusammenarbeit mit dem Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung Braunschweig und dem Zentrum für historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Wiesbaden: Eduversum 2016.
  • Europa – nasza historia Tom 1, podręcznik: Od prahistorii do średniowiecza. Pod redakcją merytoryczną Wspólnej Polsko-Niemieckiej Komisji Podręcznikowej Historyków i Geografów, w kooperacji z Centrum Badań Historycznych Polskiej Akademii Nauk w Berlinie oraz Instytutem Międzyarodowych Badań Podręcznikowych im Georga Eckerta w Brunszwiku (Członek Stowarzyszenia Leibniza). Warszawa: WSiP 2016

Gefördert durch

Kontakt

Christiane Brandau / Abteilung Europa

Dr. Marcin Wiatr / Abteilung Europa

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