Deutsch-Russische Schulbuchgespräche

Vorgeschichte

In den 1980er Jahren war lediglich auf dem Gebiet der Geographie zeitweise eine gedeihliche Zusammenarbeit in der Schulbuchforschung zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland möglich. Gespräche zur Geschichte scheiterten dagegen an der Unvereinbarkeit der gegenseitigen Auffassungen, namentlich am Festhalten der sowjetischen Seite an der orthodoxen marxistisch-leninistischen Geschichtsdoktrin und an der politischen Tabuisierung oder Leugnung historischer Sachverhalte (z.B. der Existenz des Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes).

Nach dem Ende der Blockkonfrontation fand 1991 endlich auch eine Geschichtskonferenz statt. Sie hatte die bilateralen Beziehungen zwischen 1917 und 1933 zum Thema. Atmosphärisch war sie geprägt durch die unsichere aktuelle Lage nach dem gegen den neugewählten Präsidenten Jelzin gerichteten August-Putsch. Die institutionelle und personelle Umbruchsituation in der Sowjetunion in der darauffolgenden Zeit entzog diesem viel versprechenden Anfang schnell den Boden. Nach Stabilisierung und Neuordnung gelang es 1994 den Faden wieder aufzunehmen, der durch Vergabe von Stipendien an russische Schulbuchautoren und beiläufig sich ergebende Gelegenheiten zum Gespräch nie ganz abgerissen war.

Rahmen

Heute ist Russland bemüht, aus dem Schatten seiner sowjetischen Vergangenheit zu treten, den Aufbau einer zivilen Gesellschaft zu fördern und sich nach über sieben Jahrzehnten der Selbstisolierung wieder in die internationale Staatengemeinschaft einzufügen, ohne den Anspruch, Avantgarde einer alternativen Weltordung zu sein, allerdings neuerdings erneut mit nach außen gewandter imperialer Attitüde. Wenn sich Deutsche und Russen über "Vergangenheitsbewältigung" unterhalten, schwingt die tiefgehende und bis heute prägende Erfahrung mit, die gerade diese beiden Völker mit totalitären Regimen im zwanzigsten Jahrhundert gemacht haben. Kann in einer gemeinsamen Rückbesinnung diese Erfahrung als verbindendes Element hervortreten oder dominieren die Gegensätzlichkeiten, welche diese beiden Totalitarismen in ihrer gegenseitigen Frontstellung überhaupt erst hervorgebracht haben?

Die Beantwortung dieser Frage hat auch eine europäische Dimension. Waren und bleiben in vielen westeuropäischen Ländern die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dessen Überwindung ein identitätsstiftendes Phänomen, so sind die "realsozialistischen" Erfahrungen im Osten Europas ein Faktor, der das politische Selbstverständnis in den heute dort reorganisierten oder neu entstandenen Staaten maßgeblich beeinflusst. Der unterschiedliche Erfahrungshintergrund kann nicht ohne Auswirkung auf das gegenseitige Verstehen von "Ost" und "West" bleiben. Das bei allen unseren deutsch-russischen Historikergesprächen durchscheinende Motiv "Bewältigung der sozialistischen Vergangenheit" gewinnt dadurch eine internationale Dimension. Die nicht seltene Anwesenheit von Wissenschaftlern aus Drittländern auf unseren Konferenzen trägt dem Rechnung.

Die deutsche Erinnerungsarbeit hat sich bis zum Jahr 1989 ausschließlich dem Nationalsozialismus zugewandt. Danach geriet sie in ein Spannungsverhältnis zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Seither spricht man in Deutschland von einer "doppelten Vergangenheitsbewältigung", deren Vergleichbarkeit kontrovers diskutiert wird. Diese Erfahrungen kann die deutsche Seite in den osteuropäischen Diskurs über den Umgang mit dem Sozialismus beisteuern. Um die Anknüpfungspunkte hervortreten zu lassen, sollen einige Kernaussagen und Phänomene aus der frühen Phase dieser Arbeit angeführt werden. Parallelität und Unterschiedlichkeit zur "Sozialismus-Bewältigung" treten auf diese Weise klar zutage: 

Eine gute wissenschaftliche Aufarbeitung ist das beste und unabdingbare Fundament einer politischen Beschäftigung mit der Vergangenheit. Nur so kann einer Legendenbildung entgegengewirkt werden.

Die Unterbindung bzw. das Ausbleiben nostalgischer Stimmungen war im Nachkriegsdeutschland sehr hilfreich. Zum einen war die Katastrophe zu offensichtlich; zum anderen wurde Stimmen, die nationalsozialistische Utopien und Ideologeme hätten hochhalten können, im öffentlichen Raum keine Chance zur Artikulation gegeben. Das post-nationalsozialistische Pendant zum Credo: "Der Sozialismus war im Grunde eine gute Idee. Sie wurde nur schlecht ausgeführt," hatte keine Chance auf Gehör.

Eine Gratwanderung zwischen politischer "Säuberung" und Integration ist unvermeidbar. Der innere Frieden kann durch beides gefährdet werden - sowohl dadurch, dass man Teilen der Bevölkerung jede Zukunftschance nimmt, als auch dadurch, dass man Schuldige ungeschoren herumlaufen lässt. Es vergiftet das öffentliche Klima und zerstört jede öffentliche Moral, wenn die Drangsalierer von Gestern ihren Opfern begegnen können, als wäre nichts geschehen. Die Integrationsangebote an die "Täter" können umso umfassender sein, je intensiver den Opfern Genugtuung zuteil wird.

Eine Tabuisierung der Vergangenheit rächt sich. Die Diskussion über die Verstrickungen von Personen in Machenschaften oder gar Verbrechen der Nazi-Diktatur musste historisch gesehen geführt werden, allein schon um diejenigen Kräfte zurückzudrängen, die eine Belastung für den Neubeginn darstellen. Die Veränderung der Wertestrukturen ist für eine sich demokratisierende Gesellschaft, die die Schlacken der Diktatur abwerfen will, unerlässlich. Diskussionen über die Vergangenheit können diesen Veränderungsprozess steuern. Ob die Errichtung einer Demokratie zum guten Teil den reeducation-Bemühungen der Sieger geschuldet ist oder ob das Bedürfnis nach Demokratie aus der bösen Erfahrung ihrer Abwesenheit erwächst, macht einen großen Unterschied.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit hat eine individuelle und eine kollektive Seite. Im ersten Fall geht es bei subjektiv-persönlicher Reflexion um moralische Läuterung. Sie kann nicht erzwungen werden. Ihr können aus dem öffentlichen Bereich nur Impulse gegeben werden. Kollektive Vergangenheitsbearbeitung dagegen kann von einflußreichen Gruppen in der Gesellschaft initiiert und organisiert und so z.B. in den pädagogischen Raum getragen werden. Sie gelingt dann, wenn diese Gruppen stark genug sind, in der Öffentlichkeit die Themen zu bestimmen, die Begriffe zu setzen und die Fragen zu stellen.

Die Akzeptanz des neuen Systems hängt wesentlich von der Distanzierung ab, die gegenüber dem untergegangenen diktatorischen System an den Tag gelegt wird.

Erinnerungsarbeit ist im seltensten Fall eine rein politisch-moralische Veranstaltung, sondern sie ist in der Regel Teil der Tagespolitik. Hinter den jeweiligen Positionen stehen unterschiedliche Interessen, die sich in der politischen Arena legitimieren wollen, die Menschen mobilisieren, Gegner diskreditieren wollen.

Nach 1945 waren in Deutschland Schock, anschließend Selbstmitleid und der Wunsch einen "Schlussstrich" zu ziehen Zustände, mit denen das Verhalten der Bevölkerung umschrieben werden kann. Daneben gab es noch das Phänomen der Überidentifikation mit dem Sieger. Nicht wenige Deutsche idealisierten unvermittelt amerikanische Ideen und Lebensformen, kurz sie traten nach der Niederlage des eigenen Systems auf die Seite des ehemaligen ideologischen Gegners über. Diese "Kippreaktion" (H.-E. Richter), die psychologisch leicht erklärbar ist, scheint eine typische Begleiterscheinung eines zusammenbrechenden totalitären Systems zu sein. 

Aktivitäten

Nach 1994 fanden vier Schulbuchkonferenzen statt. Die erste 1994 in Braunschweig hatte das Thema: "Der Wandel der Bilder und der Platz der Nationalitäten im neuen russischen Bildungssystem" (Bericht in: Internationale Schulbuchforschung, Jg. 17/ 1995, Heft 1, S. 119-122). Die zweite deutsch-russische Schulbuchkonferenz fand 1996 in Moskau statt. Thema: "Das kaiserliche Deutschland und das zarische Rußland. Zwei Imperien an der Schwelle des 20. Jahrhunderts und ihre Aufarbeitung in Historiographie und Schulbuch" (Bericht in: Internationale Schulbuchforschung, Jg. 19/ 1997, Heft 1, S. 87-92). "Der Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit im Schulbuch" war das Thema der dritten deutsch-russischen Konferenz, die 1997 wieder in Braunschweig stattfand. (Bericht in: Internationale Schulbuchforschung, Jg. 19/ 1997, Heft 4, S. 438-445). Vertieft wurde dieses Thema auf einer vierten Schulbuchkonferenz, die vom 26.-30. September 2001 in Wolgograd stattfand. Sie stand unter dem Titel: „Auferstanden aus Ruinen. Mythen – Tabus – Erinnerungen zur Nachkriegszeit als Thema des Geschichtsunterrichts“. Im Mittelpunkt stand die Darstellung der Nachkriegszeit im heutigen deutschen und russischen Geschichtsunterricht. Dabei wurde auf die Problematik der Heranziehung von Zeitzeugen eingegangen. Zahlreiche Lehrer aus Wolgograd und dem Wolgograder Gebiet sowie deutsche Lehrer nahmen daran teil. (Bericht in: Internationale Schulbuchforschung, Jg. 24/ 2002, Heft 1, S. 114-118).

Aktueller Verlauf

Nach dem Jahr 2002 wurde der Modus der deutsch-russischen Schulbuchgespräche abgeändert. Strukturprinzip sind nun nicht mehr aufeinander folgende bilaterale Schulbuchkonferenzen zu bestimmten Themen, sondern die Integration russischen Partner in GEI-Projekte, wobei sich das GEI gegenüber Impulsen aus Russland offen zeigt.

Realisiert wird dieser neue Modus im Wesentlichen auf vier Schienen:

  • im Rahmen der Kooperation mit der Tatarischen Akademie der Wissenschaften in Kazan im Forschungsprojekt „Die longue durée der Islam-Wahrnehmung in europäischen Schulbüchern“

Träger der Gespräche

Auf deutscher Seite werden die Gespräche vom Georg-Eckert-Institut geführt, das dazu universitäre Experten sowie Lehrer hinzuzieht. Als vorrangiger russischer Partner diente dem GEI in den ersten Jahren das MIROS-Institut (Moskauer Institut für die Entwicklung von Lehrmitteln). An allen Konferenzen war auch das russische Bildungsministerium personell beteiligt, in einem Fall zusätzlich durch das ihm untergeordnete "Institut für nationale Bildungsprobleme". Offizieller Mitveranstalter einiger Konferenzen war die Historische Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität. Seit dem Jahr 2000 ist die Akademie für den öffentlichen Dienst (VAGS) in Wolgograd mit seinen  großen logistischen Möglichkeiten an die Stelle des MIROS-Instituts getreten. Eine punktuelle Zusammenarbeit ergab sich mit dem Institut für Weltgeschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Die Zusammenarbeit mit der deutsch-russischen Historikerkommission wird gesucht und durch aktive Teilnahme an einer ihrer Tagungen (Saratov 2005) sowie eine gemeinsame Publikation auch gefunden. In der jüngsten Zeit konzentriert sich die Zusammenarbeit auf die geplante Erstellung von unterrichtstauglichen Materialien zur deutsch-russischen Beziehungsgeschichte. Dazu fand im Januar 2011 am IfZ in München eine Zusammenkunft zur Konzeptionsfestlegung statt.

Veröffentlichungen

  • A.O. Čubar’jan  und Robert Maier (Hrsg.): Istorija Germanii XX veka v novom izmerenii: istočniki, statistiki, chudožestvennye dokumenty. Posobie dlja učaščichsja srednych i staršych klassov škol, gimnazij, liceev, studentov, učitelej [Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in neuer Sicht: Quellen, Statistiken, Bilder. Lehrmaterial für Schüler der Mittel- und Oberstufe, für Studenten und Lehrer]. Moskau: Olma Press 2008, 686 S.
  • Robert Maier und G.G. Slyškin (Hrsg.): Pamjat' o Vtoroj mirovoj vojne v sovremennych kommunikativnych technologijach [Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in modernen Kommunikationstechnologien]. Wolgograd: Paradigma 2009, 100 S.
  • Robert Maier: Dolžno li gosudarstvo konstruirovat’ prošloe? [Welche Rolle spielt der Staat bei der Bearbeitung von Geschichte und Geschichtsbildung?] In: Juri Senokosov (Hrsg.): Vestnik Moskovskoj školy političeskich issledovanij [Schriftenreihe der Moskauer Schule für Politische Studien 2008] 4 (43), Moskau 2007, 74-80
  • Robert Maier: Learning about Europe and the World. Schools, Teachers and Textbooks in Russia after 1991. In: The Nation, Europe, and the World. Textbooks and Curricula in Transition, ed. by Hanna Schissler and Yasemin Soysal, Berghan Publishers, New  York u.a. 2005, S. 138-162
  • Robert Maier: Čto otličaet chorošij učebnik? [Was zeichnet ein gutes Schulbuch aus?] In:Istoričeskoe obrazovanie v sovremennoj škole. Al’manach No. 1. Moskva: Russkoe slovo 2004, S. 45-48
  • M.A. Sukiasjan (Hrsg.): Vozroždenie iz ruin: vospominanija, mify i tabu v prepodovanii istorii poslevoennogo vremeni v Rossii i Germanii [„Auferstanden aus Ruinen“. Erinnerungen, Mythen und Tabus im  Geschichtsunterrichts zum Thema  Nachkriegszeit in Russland und Deutschland]. VAGS Wolgograd: VAGS 2002, 178 S.
  • Isabelle de Keghel und Robert Maier (Hrsg.): Auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Der Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit. Hannover: Hahnsche Buchhandlung 1999, 203 S.
  • Robert Maier: "Kräfte der Demokratisierung in Rußland am Beispiel von Geschichtsunterricht und Schulbuchschreibung", in: Ludger Kühnhardt und Alexander Tschubarjan (Hrsg.): Rußland und Deutschland auf dem Weg zum antitotalitären Konsens. Baden-Baden: Nomos Verl.-Ges. 1999, S. 169-186 [der Band ist auch auf Russisch erschienen]
  • Alexander Shevyrev (Hrsg.): Russija (1856-1917); Germanija (1871-1918) [Rußland (1856-1917) und Deutschland (1871-1918): Die Darstellung zweier Imperien in Historiographie und Schulbuch]. Moskau: MIROS 1999, 172 S.
  • Rußland im Umbruch. Internationale Schulbuchforschung, Jahrgang 17, Nr. 4 (1995)

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Robert Maier

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