Europabilder im Wandel

Prof. Bodo von Borries, Prof. Jurij Schapowal und Prof. Frank Golczewski diskutieren über Irrwege und Potenziale von ‚Europa‘ im Geschichtsunterricht

In dem Projekt konnten wir erkunden, wie „Europa“ in der Ukraine, Belarus, Moldau, Georgien, Armenien und Aserbaidschan in Vergangenheit und Gegenwart gesehen wurde und wird. Welche Vorstellungen von Europa gibt es? Wie haben diese sich gewandelt? Inwiefern konkurrieren oder konvergieren sie mit Europavorstellungen in anderen Ländern? – Diese und ähnliche Fragen sind für das Selbstverständnis Europas ebenso wichtig wie für die Länder der Östlichen Partnerschaft, die ihre Zugehörigkeit zu Europa seit der Perestrojka-Zeit neu bestimmen.

Die unterschiedlichen Vorstellungen von Europa werden anhand der nationalen Schulbücher erhoben, weil diese Selbst- und Fremdbilder sehr deutlich und über Generationen wirksam und verbindlich entwerfen.

Kern des Projektes war eine internationale Konferenz (Programm) zum Thema „Europabilder im Wandel“, die das GEI zusammen mit Partnern aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft in Kiew vom 25. bis 26. November 2016 veranstaltete. Es nahmen daran SchulbuchforscherInnen, BildungspraktikerInnen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft teil – aus Deutschland, Polen, der Ukraine, Belarus, Moldau, Georgien, Armenien und Aserbaidschan und aus Russland.

HistorikerInnen, SchulbuchforscherInnen, BildungspraktikerInnen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft aus den genannten Ländern wurden gebeten, in ihren Schulbuchanalysen sowohl auf die Veränderungen in den Narrativen zu Europa zu achten, als auch auf die Kontextualisierung von Europa. Ist ‚Europa‘ ein normativer Bezugspunkt? Wie wird es gerahmt? Wie sind die Bezüge zur Nation? Welche Imaginationen und Raumvorstellungen werden vermittelt? Welche Mechanismen der Inklusion und Exklusion werden mittels „Europa“ in Gang gesetzt? Die Tagung zeitigte mit Blick auf diese Fragestellungen spannende Ergebnisse. So waren sich die Tagungsteilnehmer weitgehend darin einig, dass angesichts seiner weiterhin hohen gesellschaftlichen Relevanz ‚Europa‘ ein hochaktuelles Forschungsfeld darstellt. Lange Zeit sei Europa als ein normativer und essentialistischer Begriff verstanden worden. Generationen von Gelehrten versuchten zu ergründen, worin das Wesen, worin der Kern Europas besteht, wie seine Grenzen zu definieren sind und wo sie im geografischen, kulturellen und politischen Sinne zu verorten sind, wer dazu gehört und wer (noch) nicht bzw. nicht mehr. Heute stimmt die Forschung weitgehend darin überein, Europa als ein variables, historisch wandelbares Ensemble von Zuschreibungen zu begreifen.

Aus den einzelnen Schulbuchanalysen gingen überaus deutliche Befunde hervor, dass Europa in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten ein Gegenstand überaus kontroverser gesellschaftlicher Debatten war, was seinen Niederschlag in den Bildungsmedien der Länder der östlichen Partnerschaft ebenso wie in russischen Schulbüchern findet. Während aber in den 1990er Jahren der Begriff des „Europäischen Hauses“ stark präsent war, der die Überlegungen zunächst im Osten, aber sehr schnell auch im Westen Europas beflügelte und auch auf gemeinsame Wertevorstellungen hin orientierte, ist diese Metapher des „Europäischen Hauses“ aus der Diskussion (und aus den Schulbüchern) so gut wie verschwunden. Trotz dieses Umstands ist „Europa“ mehr denn je in den Schlagzeilen – allerdings je nach Standort in unterschiedlicher Weise. In Westeuropa machen sich Desillusionierung und Absetzbewegungen von einigen europäischen Projekten wie dem „Euro” breit, obwohl viele sich vor allem als EU-Kritiker, aber klar als Europäer begreifen; in Russland verfällt man in alte Antagonismen und leitet davon dementsprechend gebundene bildungspolitische Anweisungen ab. Doch in Ländern der östlichen Partnerschaft verband und verbindet man mit Europa immer noch Aufbruchsstimmung und die Hoffnung auf Auswege aus verfahrenen geopolitischen Konstellationen, politischen Begebenheiten und Konflikten sowie belastenden geschichtlichen Erfahrungen.

Mit einem Wort: Europa als Bezugsgröße behält seine Relevanz, auch wenn es angesichts der eigenen Selbstzerfleischung und Selbstzerlegung (Brexit, Entsolidarisierung und Menschenrechtsvergessenheit in der Flüchtlingskrise) nicht mehr als „unhinterfragtes Sehnsuchtsziel“ fungiert. Gerade in den Bildungsmedien erscheint Europa – so der zentrale Befund der Schulbuchforscher – als nichts Statisches, sondern wird je nach politischer Agenda, aber auch in sozialen Interaktionen und Wahrnehmungen konstruiert und konstituiert. Dies treffe, so die Teilnehmer der Tagung, auf die geschichtspolitische „Europa-Agenda“ der Länder der östlichen Partnerschaft durchaus zu.

Um eine breitere Dissemination der Ergebnisse sicherzustellen, werden die Beiträge bald in einem Sammelband auf Englisch elektronisch publiziert werden.

Das Projekt umfasste darüber hinaus sechs einmonatige betreute Stipendien. Der Forschungsaufenthalt am GEI eröffnete jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft (Serhiy Konyukhov / Ukraine, Nodar Shoshiashvili / Georgien, Andrei Antonoy/ Moldova, Denis Larionoy /Belarus, Dr. M. Zolyan / Armenien, Georgy Zakharov/ Russland) die Möglichkeit, in einen engen internationalen wissenschaftlichen Austausch zu den Bereichen Europa, Schulbuchforschung und Schulbuchgespräche zu treten.

Laufzeit 

  • April - Dezember 2016

Projektleiter

Bearbeiter

 Partner

  • All-Ukrainian Association of Teachers of History and Social Studies “Nova Doba”;
  • GAHE (Georgian Association of History Educators);
  • History Department, "Ion Creanga" State University;
  • Mitglieder der Historischen Fakultät, Staatliche Universität Minsk;
  • Armenian-Azerbaijani organization “Imagine – Center for Conflict Transformation”
  • Institut für Politische Wissenschaften, Universität in Rzeszów

 Förderung

  • Auswärtiges Amt

Kontakt

Marcin Wiatr

Abteilung Europa

Außenstelle B1.22
Tel.: +49 531 59099-320
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