Streitgeschichte im Unterricht

Fragestellung

Welche Geschichte ist heute für uns relevant und welchen Sinn sollen wir ihr zuschreiben? Welche Deutungen werden als kulturell selbstverständlich akzeptiert, welche stoßen auf Unverständnis und welche werden kontrovers diskutiert? Diesen Fragen geht das Projekt nach, indem es analysiert wie Streitgeschichte in schulischen Bildungsmedien und im Geschichtsunterricht verhandelt wird.

Gesellschaftliche Relevanz

Die Gesellschaften der Gegenwart sind im Zuge von Globalisierung und Migration vielfältiger geworden. Kollektiv verbindliche Vorgaben haben es im Zeitalter der Individualisierung schwer, fraglos anerkannt zu werden. Schnell wechselnden und unübersichtlich gewordenen Gegenwarten, die unseren Blick auf die Vergangenheit formen, lassen sich kaum noch auf den einen konsensfähigen Begriff bringen. Geschichte findet nicht mehr nur im Museum, im bildungsbürgerlichen Feuilleton, im Schulbuch oder auf dem Historiker-Tag statt. Überall auf der Welt haben sich die medialen Kanäle, auf denen über Geschichte nachgedacht und gestritten wird, vervielfältigt. Überall haben die kulturellen Deutungseliten Konkurrenz bekommen. Diese Konstellation stellt den Geschichtsunterricht vor neue Herausforderungen.

Empirischer Fokus

Das Projekt untersucht in systematisch vergleichender Perspektive, wie Lernende und Lehrende mit dieser Herausforderung umgehen.

  • Thematisch konzentriert es sich auf den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, den Sozialismus und die Umbruchsjahren in den 1990er Jahren.
  • Methodisch betreibt es Schulbuchanalyse, führt Interviews mit Lehrenden und Lernenden und beobachtet Geschichtsunterricht.
  • Geographisch analysiert es ost- und westeuropäische Gesellschaften.

Theoretischer Mehrwert

Konzeptionell ist das Projekt in dreierlei Hinsicht innovativ. Bei der Analyse von Schulbüchern richtet es das Augenmerk v.a. auf Ambivalenzen als Indikatoren für gesellschaftliche Deutungsunsicherheiten. Mit Blick auf den Geschichtsunterricht interessiert es sich v.a. für die vielen Momente, in denen Kommunikation nicht reibungslos funktioniert. Schülern und Schülerinnen nähert es sich als Neulinge auf dem Terrain der Erinnerungskultur, die kulturelle Selbstverständlichkeiten noch nicht internalisiert haben und deshalb oft über Ambivalenzen und Ungereimtheiten stolpern.