Dekolonisierung und Erinnerungspolitik. Schulbücher im Kontext gesellschaftlicher Konflikte in Frankreich (1962-2009)

Im Zentrum des Projekts stand eine diachrone Analyse der französischen Geschichtsschulbücher für die Abschlussklassen (terminales) seit den 1960ern. Den allgemeinen Ausgangspunkt bildete dabei erstens die Untersuchung der An- und Einordnung des Themas der Dekolonisierung im schematischen Aufbau der Schulbücher, um damit die grundlegenden Teilungsprinzipien der Repräsentation zu erfassen. Daran anschließend wurden zweitens die vorherrschenden Selbst- und Fremdbeschreibungen und drittens die narrative Rationalisierung von Konflikt und Wandel analysiert, die mit der Darstellung der Dekolonisierung einhergehen. Schließlich erfolgte viertens eine Kontextualisierung des Schulbuchwissens zur Geschichte des Kolonialismus und der Dekolonisierung, wie es jeweils in Schulbüchern und Lehrplänen im Untersuchungszeitraum konstituiert und verändert worden ist, im Rahmen zeitgenössischer Referenz-Diskurse und historiographisch-erinnerungs­​politischer Debatten. Daran unmittelbar anschließend erfolgte eine weitergehende diskursanalytische Einordnung des untersuchten Schulbuchwissens im Rahmen übergreifender diskursiver Formationen in Frankreich seit den 1960ern.

Zunächst wurde die Einordnung des Themas der Dekolonisierung in den schematischen Aufbau, die Gliederung, untersucht. Daran schloss sich eine Analyse der verschiedenen thematischen Zusammenhänge an, in denen diese Darstellungen stehen. Daran anschließend erfolgte eine Analyse dominanter Aussagemuster, und zwar vor allem im Hinblick auf Selbst- und Fremdbeschreibungen von Metropole und Kolonien sowie narrative Strategien der Thematisierung von Konflikt und Gewalt. Außerdem erfolgte eine Untersuchung der narrativen Rationalisierung des Ereignisses der Dekolonisierung insbesondere innerhalb der historischen Selbstbeschreibung Frankreichs. Abschließend wurden auf der Basis dieser Untersuchungen und ausgehend von einer Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur weiterführende Forschungshypothesen insbesondere hinsichtlich der Kontextualisierung des Schulbuchwissens formuliert. Im Schulbuchwissen erscheinen nicht nur vorherrschende Repräsentationen der Welt, sondern damit verbunden artikuliert sich eine jeweils vorherrschende Subjektposition, von der aus das Wissen um die Welt versammelt und vermittelt wird, um dergestalt „zugehörige“ Subjekte anzurufen. Das korrespondierende Weltbild des 20. Jahrhunderts war insbesondere in Frankreich durch die republikanisch-universalistisc​hen mission civilisatrice geprägt. In der mission civilisatrice, wie sie vor allem im Schulbuchdiskurs der Dritten Republik repräsentiert und legitimiert wurde, setzte sich die republikanische Nation als universalistisches Subjekt, das im Rahmen des französischen Kolonialreiches die Errungenschaften der Zivilisation in weite Teile der Welt brachte. Dieser politisch-epistemologische Einklang zwischen Nation und civilisation erfuhr mit dem Ereignis der Dekolonisierung schließlich eine fundamentale Herausforderung, die sich auch und gerade im Diskurs der Geschichtsschulbücher in Frankreich seit den 1960ern niederschlug. Dieser politisch-epistemologische Problemzusammenhang bildet, so die hier entfaltete These, den Rahmen und die Möglichkeitsbedingung sowohl für die Frage nationaler Identität als auch für den wuchernden Diskurs postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich.

Die seit der III. Republik institutionalisierte postrevolutionäre Erinnerungspolitik konstituierte die Nation dezidiert als eine republikanische Erinnerungsgemeinschaft. Die darin inhärente historisch-politische Begründung und republikanische Legitimation nationaler Identität prägte weitgehend auch noch die Erinnerungspolitik zu den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Allerdings wurde dies seit den 1980ern im Zuge der schmerzhaften Auseinandersetzung mit der Geschichte des Vichy-Regimes bereits zunehmend problematisch. Schließlich hat diese – mit dem Rekurs auf die Geschichte und Werte der Revolution begründete – emphatisch republikanische Konstitution nationaler Identität seitdem eine tiefgreifende Krise erfahren, und zwar nicht zuletzt durch die kontroversen Auseinandersetzungen zunächst vor allem um die Geschichte des Algerienkrieges sowie sukzessive der kolonialen Vergangenheit insgesamt. Zweifellos korrespondiert dieser Wandel der Erinnerungspolitik mit der wahrgenommenen politischen Herausforderung der nationalen Identität Frankreichs durch die postkoloniale Immigration. Allerdings verweist dieser neuartige kritische Fokus innerhalb der republikanischen Selbstbeschreibung der Nation darüber hinaus auch auf eine grundlegende politisch-epistemologische Krise infolge des historischen Ereignisses der Dekolonisierung und des damit verbundenen Endes Frankreichs als koloniale Weltmacht. Insgesamt handelt es sich hier um ein diskursives re-entry der Unterscheidung Metropole/Kolonien in der Metropole, die damit eine grundlegende Herausforderung der politisch-epistemologischen Repräsentation des Subjekts der Nation darstellt. Eine zentrale These lautet daher, dass sich in diesem Zusammenhang seit der Dekolonisierung eine politisch-epistemologische „Krise der Repräsentation“ und sukzessive eine erinnerungspolitische Verschiebung vom postrevolutionären zum postkolonialen Subjekt der Nation ereignet (hat).

Laufzeit

  • 01.08.2010–31.12.2014

Finanzierung

  • Das Projekt wurde von der DFG gefördert.

Kontakt

Marcus Otto

stellv. Leiter / Abteilung Europa

Außenstelle B1.09
Tel.: +49 531 59099-298
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Veranstaltungen

  • Workshop "Postkoloniale Erinnerungspolitik in Europa - Medien, Diskurse, Konflikte", 19./20. April 2012 am GEI

Veröffentlichungen

Monographie

  • Marcus Otto: Krisen der Repräsentation in der condition postcoloniale - Schulbuchwissen zwischen kolonialem Weltbild und postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich seit den 1950ern. (in Vorbereitung)

Herausgeberschaft

  • Eckhardt Fuchs/Marcus Otto: Postcolonial Memory Politics in Educational Media, Special Issue Journal of Educational Media, Memory, and Society (JEMMS), Vol. 5, 1, 2013.

Beiträge

  • Marcus Otto (zusammen mit Felicitas Macgilchrist): Schulbücher für den Geschichtsunterricht, Version 1.0. In Docupedia-Zeitgeschichte, 18. 2.2014, URL: www.docupedia.de/zg/Schulbuecher.
  • Marcus Otto: Dezentrierung des Weltbildes? Die Krise der westlichen Zivilisation, das Ereignis der Dekolonisierung und die Frage des Subjekts im Diskurs der Geschichtsschulbücher in Frankreich in den 1960ern, In: Comparativ - Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsordnung, Vol. 23, 3, 2013.
  • Eckhardt Fuchs/Marcus Otto: "Introduction: Educational Media, Textbooks, and Postcolonial Relocations of Memory Politics in Europe", in: Postcolonial Memory Politics in Educational Media, Special Issue Journal of Educational Media, Memory, and Society (JEMMS), Vol. 5, 1, 2013.
  • Marcus Otto: "The Challenge of Decolonization, School History Textbooks as Media and Objects of the Postcolonial Politics of Memory in France since the 1960s", in: Postcolonial Memory Politics in Educational Media, Special Issue Journal of Educational Media, Memory, and Society (JEMMS), Vol. 5, 1, 2013.
  • Marcus Otto: "Das Subjekt der Nation in der condition postcoloniale. Krisen der Repräsentation und der Widerstreit postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich", in: Lendemains. Etudes comparées sur la France, 39, N° 144, 2011.
  • Marcus Otto: "Guerres de Mémoires – Postcolonial Politics of Memory and the Conflict on le fait colonial in History Education in France", in, Luigi Cajani/Simone Lässig/Maria Repoussi (Hg.): History Education under Fire. Curricula and Textbooks in International Perspective (forthcoming).
  • Marcus Otto: "Interdisciplinary Research on Textbooks and Educational Media - Challenges and Perspectives", in: José Duarte (Hg.): Os manuais escolares e os jovens: tédio ou curiosidade pelos saberes? Lissabon 2012.
  • Marcus Otto: "Guerres de Mémoires - Zur widerstreitenden Gegenwart der kolonialen Vergangenheit in Frankreich", in: Eckert. Das Bulletin, 11, 2012.
  • Marcus Otto: "Von der Musealisierung zur Erinnerungspolitik. Der Diskurs der Geschichtsschulbücher in Frankreich seit den 1960ern", in: Eckert. Das Bulletin, 10, 2011.

Vorträge

  • Marcus Otto: "From Representation to Inclusion? Interpellation of Postcolonial Subjects in French History Textbooks since the 1980s", Tagung: "Colonialism, Decolonization and Post-colonial Historical Perspectives – Challenges for History Didactics and History Teaching in a Globalizing World", 16.-18. September 2013 in Tutzing, Jahrestagung der "International Society for History Didactics"(ISHD).
  • Marcus Otto: "Herausforderung Dekolonisierung. Schulbücher als Medien und Gegenstand der Erinnerungspolitik in Frankreich", Workshop "Postkoloniale Erinnerungspolitik in Europa - Medien, Diskurse, Konflikte", 19./20.04.2012 am GEI.
  • Marcus Otto: „Von der mission civilisatrice zur condition postcoloniale? Das Ereignis der Dekolonisierung und Krisen der Repräsentation in Frankreich: Der Diskurs der Geschichtsschulbücher der terminale seit den 1960ern.“ Vortrag, Kolloquium des GEI, Braunschweig, 02.11.11.
  • Marcus Otto: "Wie die Welt zum Bild wird: Der Diskurs französischer
    Geschichtsschulbücher seit den 1960ern." Vortrag, Wien, 30.09.11; Tagung "Historische Diskursanalyse - Bilder in historischen Diskursen".
  • Marcus Otto: „La condition postcoloniale? Das Unvernehmen postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich“ - XXVI. Jahrestagung des Deutsch-Französischen Instituts (Ludwigsburg) "Frankreichs gegenwärtige Geschichte – Nationale Dimension, universeller Anspruch“, 24. – 26.6.2010 in Ludwigsburg.