Innovation durch Tradition? Jüdische Bildungsmedien als Zugang zum Wandel kultureller Ordnungen während der ‚Sattelzeit'

Deutsch-Israelisches Kooperationsprojekt

Wie lässt sich die Transformation verfestigter und religiös determinierter Lebenswelten in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche erklären? Sind Lebenswelten wie jene der mitteleuropäischen Jüdinnen/Juden durch ihre habituellen Prägungen und deren religiöse Fundierung resistent gegen durchgreifende Veränderungen und erschweren sie es damit, kulturelle Referenznetze neu zu knüpfen? Oder bietet nicht vielmehr der Rückgriff auf Tradition und damit auch auf Religion als ein solches kulturelles Referenznetz die Möglichkeit, Eigenes und Einendes (neu) zu bestimmen und damit Wandlungsprozesse eher zu gestalten als abzuwehren? Welche Bedeutung kommt verschiedenen Formen des Wissen und Lernens zu und welche Relevanz haben – traditionelle wie neuartige – Bildungsmedien, wenn es um den Wandel kultureller Ordnungen geht?

Ein neues, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Kooperationsprojekt zwischen dem Georg-Eckert-Institut und der Tel Aviv University widmet sich diesen Fragen am Beispiel jüdischer Bildungsmedien während der Sattelzeit. Es folgt der Prämisse, dass die tief greifende Transformation jüdischer Lebenswelten im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts erst durch die Berufung auf scheinbar zeitlos gültige religiös-kulturelle Traditionen ermöglicht wurde und untersucht anhand von Bildungsmedien wie Religions- und Sprachlehrbüchern, Gesangbüchern und Predigten die hierfür grundlegenden und vielfältigen kulturellen Übersetzungsprozesse.

Indem das Projekt Wissen, Bildung und Bildungsmedien in den Fokus rückt, trägt es deren Bedeutung für die Geschichte der mitteleuropäischen Jüdinnen/Juden während der Sattelzeit als Handlungsfeld der Emanzipationspolitik und Gestaltungsfeld innerjüdischer Erneuerungsbewegungen Rechnung und erbringt zugleich einen Beitrag zur Transformationsgeschichte und zur Geschichte des Wissens.

Die Teilprojekte, darunter zwei Postdoktoranden- und ein Promotionsvorhaben, gehen anhand unterschiedlicher Quellen und mit je eigenen disziplinären Zugängen der Frage nach, inwieweit jüdische Bildungsmedien der Sattelzeit Prozesse von Mentalitätswandel und Habitusformierung beförderten. Damit bewegen sie sich an einer hochinteressanten Schnittstelle von Politik und Kultur, Staat, Gemeinde und Individuum sowie Privatem und Öffentlichem.

Das Projekt, in dem Historiker, Judaisten, Kultur- und Musikwissenschaftler zusammenarbeiten, wird von Professor Dr. Simone Lässig (Deutsches Historisches Institut, Washington DC) und der Kulturwissenschaftlerin Professor Dr. Zohar Shavit (Tel Aviv University) geleitet.

Projektlaufzeit

Das Projekt wurde in einer ersten Projektphase von Januar 2014 bis Dezember 2015 am Georg-Eckert-Institut in Kooperation mit der Tel Aviv University durchgeführt. Eine zweite Projektphase von Januar 2016 bis Dezember 2018 wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt. Das Projekt wird am Deutschen Historischen Institut in Washington in Kooperation mit der Tel Aviv University fortgesetzt. Darüber hinaus bleibt eine Kooperation mit dem GEI bestehen.

Projektwebsite

  • Die aktuelle Website innovation-through-tradition.ghi-dc.org informiert über das Projekt und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • In den beiden ersten Jahren (2014-2015) berichtete die Website jbm.gei.de über das Projekt. Dieser Webauftritt wird nicht mehr aktualisiert.

Projektleitung

Projektteam