Roma in europäischen Lehrplänen und Schulbüchern

Gerade in ost- und südosteuropäischen Schulbüchern werden Roma nahezu ausschließlich in einer Reihe ethnischer Minderheiten genannt. Ihre interne Diversität, ihre Geschichte im Land, in Europa und der Welt bleiben ebenso unerwähnt wie die Herausforderungen, denen sie gegenwärtig durch Diskriminierung und soziale Marginalisierung ausgesetzt sind.

Stereotype Darstellungen von Musikern, Tänzerinnen und ungewaschenen Kindern als Roma, bilden die Normalität. Das es auch anders geht, zeigt ein ungarisches Geschichtsschulbuch, das nicht nur die Vernichtung von Roma im zweiten Weltkrieg erwähnt, sondern dabei auch den Namen nennt, den der Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus in der Sprache der Roma, dem Romanes hat: Porajmos. Wenn Schulbücher einmal mehr als ein Wort oder einen Satz über Roma schreiben, dann häufig in Passivkonstruktionen. Mit Roma geschieht häufig etwas, selten sind sie in den Darstellungen der Bildungsmedien aktiv. Eine Ausnahme bildet die Erzählung über Johann Wilhelm Trollman, dem deutschen Boxmeister aus dem Jahr 1933, und seinen passiven Widerstand gegen den Ausschluss aus dem Boxsportverband in einem deutschen Geschichtsschulbuch. Nachdem die Kampfrichter den Boxstil des deutschen Sinto als ‚artfremd‘ und ‚nicht deutsch‘ charakterisiert hatten, sollte er ausgeschlossen werden und zuvor noch einen letzten Kampf durchführen. „Johann Trollmann färbte sich die Haare blond und stellte sich wehrlos in den Ring. Deutlicher hätte niemand den Protest zum Ausdruck bringen können.“

Anschaulich folgt das Schulbuch der Lebensgeschichte des 1942 als ‚Zigeuner‘ aus der Wehrmacht ausgeschlossenen jungen Mannes, der 1944 in einem Außenlager des KZ Wittenberge ums Leben kam. Deutlich wird dabei eine Distanzierung des Autors von den Abwertungen gegenüber Sinti und Roma und gleichzeitig sind die diskriminierenden Begrifflichkeiten für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar. Auch wenn Schulbücher in den meisten europäischen Ländern Roma sehr spärlich und in stereotypisierender Form thematisieren, gibt es eine Reihe von Ansätzen, die sich davon abhebt.

In Kooperation mit dem Council of Europe und dem Roma Education Fund untersucht das GEI mit einem partizipativen Forschungsansatz seit 2016 aktuelle Lehrpläne und Schulbücher der Fächer Geschichte, Sozialkunde/Politik und Geographie aus 22 europäischen Ländern auf die Repräsentation von Roma hin.

Ein Workshop im Juli 2018 in Braunschweig vermittelte jungen Nachwuchswissen­schaft­ler­Innen aus Albanien, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Rumänien, Serbien, Tschechien und Ungarn Kenntnisse und Fertigkeiten der Schulbuchanalyse und leiteten sie bei der Erstellung kritischer Diskursanalysen zur Repräsentation von Roma in Schulbüchern verschiedener europäischer Länder an. Im November kamen die jungen Forschenden in Budapest ein zweites Mal mit VertreterInnen des Council of Europe, des GEI und des Roma Education Fund sowie geladenen ExpertInnen zusammen, um erste Untersuchungsergebnisse vorzustellen und Strategien für diskriminierungssensiblere Darstellungen gesellschaftlicher Minderheiten zu erörtern. Im Rahmen des Workshops präsentierten die jungen ForscherInnen an der Central European University in Budapest ihre Ergebnisse auf einer öffentlichen Veranstaltung.

© Roma Education Fund
© Simona Torotkoi

 

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2016-2019


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