Georg Eckert – Eine biographische Skizze

Georg Eckert (Bild: Friedrich Reinecke Verlag)

Geboren am 14. August 1912 in Berlin, wächst Georg Eckert in einem linksliberalen Elternhaus auf. Schon als Schüler engagiert er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dann altersbedingt in der SPD.  In der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ist er Mitglied, ohne allerdings aktiv zu werden. 1931 erfolgt die Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Fach Deutsch. Da das Studium allerdings noch „frei“ ist und sich die Entscheidung für einen bestimmten Berufsweg erst mit der Meldung zum Examen (oder zur Promotion) vollzieht, belegt er auch Veranstaltungen in den Fächern Geschichte, Geographie, Völkerkunde und Pädagogik. Die Reformpädagogen Siegfried Kawerau und Fritz Karsen zählen in Berlin ebenso zu seinen Dozenten wie der Lassalle-Biograph Hermann Oncken und der marxistisch orientierte Arthur Rosenberg.

Die politischen Verhältnisse der Weimarer Republik bringen den jungen Mann, der seit 1932 auch den Vorsitz der sozialistischen Studentenschaft Berlin inne hat, bald unweigerlich in offene Gegnerschaft zu den an der Universität agitierenden nationalsozialistischen Trupps. Daher verlässt er die Stadt – noch vor dem Verbot der SPD im Juni 1933 - heimlich und wechselt an die Universität im entfernt liegenden Bonn, wo er seit Sommer 1934 in der philologischen Fakultät immatrikuliert ist und sich jetzt vor allem mit der Völkerkunde beschäftigt. In dem Altamerikanisten und Ethnologen Hermann Trimborn (1901-1986) findet Eckert schließlich seinen akademischen Lehrer, der ihn 1935 mit einer Arbeit über Mikronesien promoviert. 1936 folgt das Erste Staatsexamen in den Fächern Deutsch, Geschichte, Geographie, Pädagogik und Volkskunde. Da die Berufsaussichten selbst für promovierte Ethnologen denkbar schlecht sind, entschließt sich Eckert zum Referendariat und wechselt dafür zurück nach Berlin. 1938 legt er dort das zweite Staatsexamen ab.

In Bonn ist er 1934 der Studenten-SA, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) und der farbentragenden Verbindung „Rugia Suevia“ beigetreten. Außerdem hat er sich taufen lassen – Handlungen, die seine später abgegebene Erklärung, sich angesichts seiner sozialdemokratischen Vergangenheit tarnen zu müssen, durchaus glaubhaft machen. Die Kontaktaufnahme mit der Verbindung hat darüber hinaus handfeste wirtschaftliche Gründe gehabt, fand er so doch eine äußerst preisgünstige Bleibe. Auch der NSDAP tritt Eckert bei, gehört jedoch nicht zu den „Märzgefallenen“ des Jahres 1933, sondern wird erst 1937, während des Vorbereitungsdienstes, Parteimitglied. In wie weit es sich dabei noch immer um Tarnung handelt, er von seinem Schulleiter gedrängt wird oder möglicherweise (auch) bessere Einstellungschancen als Lehrer ausschlaggebend sind, ist nicht eindeutig zu klären. In allen nationalsozialistischen Gliederungen bekleidet Eckert jedoch nur unterste Ränge, so dass er 1946, bei dem üblichen Entnazifizierungsverfahren, in die Kategorie 5 („entlastet“) eingruppiert wird.

Seinen Wehrdienst absolviert der junge Akademiker zwischen Februar 1940 und Februar 1941 während des Frankreichfeldzugs. Als er zum Kriegsdienst eingezogen wird, meldet er sich für eine Kurzausbildung zum Meteorologen und wird im Juli 1941, nach der deutschen Besetzung Griechenlands, als Wehrmachtsbeamter nach Saloniki, auf die dortige Wetterwarte, abkommandiert. Im September 1942 übernimmt er ihre Leitung. Aus dieser gehobenen Dienststellung heraus ist es ihm zugleich möglich, der Bevölkerung zu helfen. Mehreren Griechen und Spaniolen kann er die KZ-Haft ersparen oder bei der Flucht aus der deutschen in die sicherere italienische Besatzungszone helfen. Ebenso verhindert er die als Racheakte der Wehrmacht geplante Zerstörung mehrerer Ortschaften. 

Zu Eckerts Dienstaufgaben gehören der Aufbau von Messstationen und die damit einhergehende Erhebung von Wetterdaten. Diese Geländetätigkeit verbindet er mit ethnologischer Feldforschung, und die Abende nutzt er, um diverse völkerkundliche Artikel über Griechenland sowie seine Habilitationsschrift über „Totenkult und Lebensglaube im [vorkolumbianischen]Caucatal“ zu verfassen. 1943, während eines Fronturlaubs, habilitiert sich Georg Eckert im Alter von 31 Jahren an der Universität Bonn in der Altamerikanistik. Dissertation und Habilitation gehören in den Kontext des diffunistischen Ansatzes der Kulturkreislehre und der Kulturgeschichte. Beide Arbeiten weisen jedoch keine (sprachlichen) Anbiederungen an die (Rassen-)Ideologie des Nationalsozialismus auf.

Über die Feldforschungen knüpft Eckert auch Verbindungen zu griechischen Partisanen, und das gescheiterte Attentat vom 20. Juli 1944 ist schließlich ausschlaggebend dafür, dass er mit einigen Kameraden zur „Volksbefreiungsarmee“ (ELAS), dem militärischen Arm der griechischen „Nationalen Befreiungsfront“ (EAM), überläuft, mithin desertiert. Am Vorabend des griechischen Bürgerkriegs, im Februar 1945, begeben sich die meisten dieser Gruppe und mit ihnen Georg Eckert bewusst in britische Gefangenschaft, um nicht zwischen die griechischen Fronten zu geraten. Die Briten beabsichtigen, Eckert nach London zu verbringen, um ihn von dort für den demokratischen Neuaufbau nach Deutschland zu senden. Doch auf dem Weg dorthin zieht er sich in Rom einen lebensbedrohlichen Lungenabszess zu und wird, der Krieg ist inzwischen zu Ende, direkt nach Goslar ins Lazarett transportiert, wo er im August 1945 eintrifft.

Ohne jede berufliche Zukunftsperspektive, sucht Eckert noch vom Krankenbett aus den Kontakt zu ehemaligen Genossen und macht auf diesem Wege die folgenreiche Bekanntschaft mit Alfred Kubel, der ihn auf Empfehlung von Martha Fuchs am Krankenbett besucht. Es muss Sympathie auf den ersten Blick gewesen sein. Im Herbst 1946, noch während seiner letzten Tage als Braunschweiger Ministerpräsident, holt Kubel den inzwischen wieder der SPD beigetretenen Eckert direkt von Goslar an die „Hochschule für Lehrerbildung - Kant-Hochschule“, die spätere Pädagogische Hochschule in Braunschweig. Als Dozent für „Geschichte und Methodik des Geschichtsunterrichts“ - die Ernennung zum Ordentlichen Professor erfolgt erst 1952 – engagiert sich Georg Eckert gemeinsam mit dem Politologen Heinrich Rodenstein für den Aufbau einer nunmehr wissenschaftlich orientierten Lehrerausbildung. Gemäß dem Besatzungsstatut hat dies in den ersten Jahren in enger Abstimmung mit der britischen Militärregierung zu erfolgen; diese überträgt Eckert zugleich die Aufgabe, neue Lehrpläne für den Geschichtsunterricht zu erarbeiten. Schon die ersten Manuskripte zeigen, ungewöhnlich für deutsche Historiker jener Zeit, einen deutlich ausgeprägten sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansatz. Bewusst stellt sich Eckert damit gegen einen unpolitischen Geschichtsunterricht im Sinne einer ausschließlichen Kulturgeschichte. Sehr deutlich spiegelt sich dies in der von ihm ab 1947 herausgegebenen Reihe Beiträge für den Geschichtsunterricht. Gedruckt auf Resten von Zeitungspapier, behandeln die vor allem für die Hand des Lehrers gedachten Quellensammlungen Themen wie „Der Bauernkrieg“, „Die Revolution von 1848/49“ oder „Der Vormärz“. Solche Inhalte gehörten bis dato nicht in den deutschen Geschichtsunterricht und wurden erst recht nicht anhand von Quellen behandelt. Die Schriftenreihe will den Stoff so präsentieren, dass sich die Lehrkräfte ein eigenes historisches und politisches Urteil bilden können. Nicht zuletzt in Ermangelung von Schulbüchern finden die Beiträge reißenden Absatz: Allein bis 1950 werden davon etwa 300.000 Exemplare verkauft.

Wladyslaw Markiewicz und Georg Eckert bei der Unterzeichnung der "Vereinbarung zwischen den UNESCO-Kommissionen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schulbuchrevision" am 17. Oktober 1972 in Braunschweig (Bild: Otto Hoppe, Bs)

Bildung, so Eckerts Überzeugung, darf und kann nicht nur am Beispiel der Geschichte der Eliten erfolgen, sondern muss die Geschichte des Volkes mit seinen kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen einbeziehen. Damit verbindet sich das auch seinen Lehrplanentwürfen vorangestellte Credo, junge Menschen über historische Aufklärung zu möglichst unabhängiger Meinungsbildung zu befähigen. Hier findet sich zugleich ein zentrales Motiv für die Gründung des Internationalen Instituts für Schulbuchverbesserung (1951) und für die von Eckert organisierten und initiierten internationalen Schulbuchkonferenzen. Allein bis Ende der 70er Jahre sollten mehr als 150 Tagungen stattfinden mit dem Ziel, in Geschichts- und Geographiebüchern verborgene Feindbilder und Vorurteile aufzuspüren und durch Revisionen dieser Lehrmittel zur Völkerverständigung beizutragen. Nachvollziehbar, dass das Augenmerk in den ersten Jahren vor allem den ehemaligen deutschen Kriegsgegnern galt. Die deutsch-französischen Vereinbarungen (1951) und die deutsch-polnischen Empfehlungen (1975) bilden bis heute Meilensteine der internationalen Versöhnungsarbeit.

Ab Mitte der 50er Jahre veröffentlicht Eckert dann seine ersten größeren historiografischen Arbeiten. Sie widmen sich zunächst Wilhelm Bracke und der Braunschweiger Sozialdemokratie, bis sich die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts schließlich zu Eckerts originärem Forschungsgebiet entwickelt. Er ist damit in Westdeutschland einer der ersten Historiker, der sich diesem Themenkomplex nach 1945 zuwendet. Aber trotz und auch wegen seines nachweislich starken sozialgeschichtlichen Engagements steht Eckert in der scientific community nicht in vorderster Reihe. Ursächlich dafür sind die vielen Tätigkeitsfelder, die er parallel zu bestellen hat. Zu eigenen Publikationen kommen Lehrverpflichtungen und die Herausgeberschaft nicht nur des 1961 von ihm ins Leben gerufenen Jahrbuchs der Friedrich Ebert-Stiftung: Archiv für Sozialgeschichte, sondern auch der Zeitschrift für Ethnologie, die er 1949/50 von Braunschweig aus neu begründet und deren Schriftleitung er bis 1965 innehat. Vor allem aber nimmt seit 1949/51 das Internationale Schulbuchinstitut, das Eckert ehrenamtlich leitet, viel Zeit und Kraft in Anspruch, Parallel dazu ist Eckert seit 1964 Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission. Beides, Schulbucharbeit und UNESCO, zwingen ihn zu permanenter Reisetätigkeit, die er trotz extrem schlechter gesundheitlicher Verfassung und häufiger Erkrankungen pausenlos absolviert. Seine Rastlosigkeit speist sich jedoch nicht aus krankhaftem Ehrgeiz. Die Motivation für sein Tun erwächst vielmehr aus der Überzeugung, dass internationale Völkerverständigung nicht ohne vertrauenswürdige auswärtige Kulturpolitik und stabile demokratische Verhältnisse nicht ohne politische Bildungsarbeit zu erlangen seien. Georg Eckert stirbt am 7. Januar 1974 im Alter von 61 Jahren - während einer Vorlesung über die Geschichte der Arbeiterbewegung.

 

Stark gekürzte und im März 2016 aktualisierte Fassung des Beitrags von Heike Christina Mätzing: „Georg Eckert und die Anfänge des Archivs für Sozialgeschichte“, in: 50 Jahre Archiv für Sozialgeschichte, Gesprächskreis Geschichte, Heft 92, Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie. Bonn 2011. Vgl. dies.: „Wissenschaftler und Botschafter der Völkerverständigung. Georg Eckert (1912 – 1974) zum 100. Geburtstag, Gesprächskreis Geschichte, Heft 102, Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie.  Bonn 2013. Heike Christina Mätzing bereitet derzeit eine Biographie über Georg Eckert vor.