Binationale Unterrichtsmedien. Geschichte, Evaluation, Beratung

Traditionell werden Geschichtscurricula und schulische Geschichtsnarrative in starkem Maße für die Ausbildung nationaler Identitäten genutzt und beansprucht. Selbst dort, wo versucht wurde, diese Indienstnahme zu überwinden, zeigte sich, dass nationale politische und kulturelle Codes einer ausgewogenen, sensiblen Wiedergabe und Interpretation beziehungsgeschichtlichen Geschehens im Wege stehen. Deswegen wurde schon seit langem damit experimentiert, mit national gemischten Autorenteams diesem Dilemma Herr zu werden. Auch wenn die so entstandenen Texte, Unterrichtsmaterialien und neuerdings sogar Schulbücher ein Nischendasein im Medienangebot für die Schule einnehmen, kommt ihnen ein hoher innovativer Stellenwert zu. Die Vielfalt entsprechender gemeinsamen Initiativen und Unternehmungen hat sich enorm erweitert und in differenzierten und ausgefeilten Modellen binationaler sowie transnationaler Zusammenarbeit niedergeschlagen.

Das Forschungsprojekt verfolgte das Ziel, diese Modelle zu systematisieren, ihre Kontexte und theoretische Prämissen offenzulegen sowie Stärken und Schwächen zu analysieren. Die daraus resultierende Expertise wurde in Form von Evaluationsangeboten und Beratung laufenden Vorhaben Dritter zur Verfügung gestellt. Das Projekt war eng verbunden mit der Arbeit der binationalen Schulbuchkommissionen und korrespondierte mit der Tätigkeit von internationalen NGOs, die auf diesem Feld engagiert sind.

So fungierte der Projektbearbeiter im Jahr 2016 als Ko-Editor einer internationalen Schulbuchausstellung des EU-Russia Civil Society Forum mit dem Titel "Different Wars - National School Textbooks on World War II". In einer transnationalen Blickachse wurden russische, deutsche, italienische, tschechische, polnische und litauische Darstellungen des Krieges präsentiert und verbindende und gegenläufige Aspekte herausgestellt. Die Ausstellung wandert seit 2016 durch die Hauptstädte der beteiligten Länder. Am 18. Januar 2018 eröffnete sie Robert Maier in Berlin, in den Räumen des Museums Karlshorst.

Eine Spielart binationaler Unterrichtsmedien stellen Schulbücher dar, die versuchen, die Geschichte nationaler Minderheiten mit dem Narrativ der Titularnation in Verbindung zu setzen. Verfolgt man diesen Ansatz weiter, gelangt man in manchen räumlichen Konstellationen zu multiethnischen Beziehungsgeschichten, die als neue, transnationale Form einer Regionalgeschichte anzusprechen sind. Entsprechende Überlegungen wurden im Kontext deutscher Minderheiten entwickelt.

Das Projekt fand seinen Abschluss in einem vom GEI organisierten Panel auf  der Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für historische und systematische Schulbuch- und Bildungsmedienforschung e.V. (IGSBi ) in Brixen vom 5. bis 7. Oktober. Dieses firmierte unter dem Titel „Europäische bi- und multilaterale Schulbuchaktivitäten – historisch und gegenwärtig“. Robert Maier  gab dabei einen Überblick über die Vielzahl der Formate bi- und multinationaler Zusammenarbeit, mit denen in den letzten Jahrzehnten experimentiert wurde. Daran anknüpfend sprach Christiane Brandau über die Herausforderungen und Chancen, die das aktuell entstehende reguläre gemeinsame deutsch-polnische Geschichtsschulbuch mit sich bringt. Beata Mikołajczyk ergänzte als Rezensentin diese Produzentenperspektive durch eine linguistisch angelegte Analyse. Der Blick auf Projekte wie „Pruzzenland“, „Historiana“ und „Hi-Story Lektionen. Lehren & Lernen über Europa“, an denen das GEI maßgeblich beteiligt war bzw. ist, machte deutlich, dass insbesondere die elektronischen Medien eine Ausweitung des Kreises der Akteure über die Bilateralität hinaus begünstigen. Das zuletzt genannt „Hi-Story“-Vorhaben, vertreten von Marcin Wiatr, wurde in das Panel-Programm aufgenommen. Vladimir M. Kaljavić steuerte einen Erfahrungsbericht über das „Joint History Project“ bei, einer vierbändigen, auch elektronisch verfügbaren, multilingualen Quellenedition durch 14 Autoren aus elf südosteuropäischen Ländern zur Geschichte des Balkan für den Schulunterricht. Abgerundet wurde das Panel durch einen historischen Beitrag von Anne Bruch und Steffen Sammler zu Europäischen Initiativen in Lehrfilm und Schulfernsehen seit 1948, welche die Schulbuchdarstellung des europäischen Einigungsprozesses herausforderten.

Der Projektbearbeiter übernahm auf Ersuchen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen die didaktische Beratung bei der Erstellung des deutsch-russischen Geschichtsbuches „Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung“. Die drei Bände erschienen im Zeitraum 2014 bis 2019.

Förderung      

  • Grundständig durch GEI

Laufzeit

  • 2015–2018

Kooperation

  • Internationale Gesellschaft für historische und systematische Schulbuch- und Bildungsmedienforschung e.V. (IGSBi)
  • EU-Russia Civil Society Forum
  • Gemeinsame Deutsch-Tschechische Schulbuchkommission
  • Academia Baltica e.V.
  • Gemeinsame Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch- russischen Beziehungen
  • Stiftungsprofessur für deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Europa an der Universität Pécs

Veröffentlichungen

Vorträge

  • Maier, R.: „Transnationale Bildungsmedienprojekte als Vehikel der Schaffung eines Bewusstseins europäischer Zusammengehörigkeit“, Jahrestagung der IGSBi, Brixen 07.10.2018.
  • Maier, R.: „Transnationale Unterrichtsmaterialien – Chancen, Herausforderungen, Umsetzungen“ auf 26. Sommerkurs der Academia Baltica, Akademiezentrum Sankelmark 13.07.2017
  • Maier, R.: „Acht Momente des Erstaunens, wenn Jugendliche aus Polen und Deutschland ihr Schulbuchwissen über den Zweiten Weltkrieg austauschen“, Impulsreferat in der Sektion II – Schulen der Konferenz “Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Spaltung Europas. Aspekte einer europäischen Erinnerungskultur.; Konrad-Adenauer-Stiftung, 03.11.2015.
  • Maier, R.: Moderation des Fachgesprächs “Grenzen überwinden durch binationale Schulbücher” im Rahmen der Veranstaltung “Weltempfang“, Buchmesse Frankfurt/M. 18.10.2015.
  • Maier, R.: Typologie transnationaler Unterrichtsmedien, Sankelmark, Internationale Sommerschule der Academia Baltica, 02.07.2015
  • Maier, Robert (2014): Binationale Unterrichtsmaterialien als Chance zur Überwindung nationaler Geschichtsbilder? Sommerkurs für Studenten aus Ostmitteleuropa "Region - Nation - Europa". Academia Baltica. Sankelmark, 03.07.2014.

Publikationen

  • Maier, R.: Junge Deutsche und Polen lernen dieselbe „Geschichte“. Von der internationalen Schulbuchrevision zum binationalen Schulbuch, in: Vier Viertel Kult, Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Nr. 28/29, 2018, S. 14-17.
  • Maier, R.: Tools in Teaching Recent Past Conflicts: Constructing Textbooks beyond National Borders, in: Mario Careterro, Stefan Berger, Maria Grever: Palgrave Handbook of Research in Historical Culture and Education. London: Palgrave Macmillan 2017, S. 673-695. [ISBN: 978-1-137-52907-7]
  • Maier, R.: Binationale Lehrerhandreichungen – Wegbereiter oder Alternative zu einem gemeinsamen Geschichtsschulbuch? Deutsch-polnische Erfahrungen, in: Историческая память и стратегии российско-немецкого межкультурного диалога: сборник научных трудов / Под ред. М.В. Ковалева и И.Р. Плеве. Саратов: Изд-во СГТУ имени Ю.А. Гагарина, 2015. С. 226-245.
  • Maier, R.: Vsemirnaja vystavka v Pariže 1937. Germanskij i Sovetskij pavil’ony. In: O.A. Čubarjan, H. Möller, V.V. Iščenko, H. Altrichter (Hrsg.): Rossija – Germanija. Tom 3. XX vek. Vechi sovmestnoj istorii v kollektivnoj pamjati. Moskva: GAUGN-press 2015. S. 103-116 (Institut Vseobščej Istorii RAN - ISBN: 978-5-904914-08-0)
  • Gerhard Seewann und Robert Maier (Hg.): Deutsche Minderheiten im Fokus. Schulbücher und Schulbuchprojekte zur Geschichte der Deutschen in einzelnen Ländern Europas, Braunschweig: Eckert.Dossiers 2015
  • Maier, R.: Deutsche in Russland. Die Repräsentation der deutschen Nationalität in aktuellen russischen Geschichtsschulbüchern, in: Gerhard Seewann und Robert Maier (Hg.), Deutsche Minderheiten im Fokus. Schulbücher und Schulbuchprojekte zur Geschichte der Deutschen in einzelnen Ländern Europas, Braunschweig: Eckert. Dossiers 2015
  • Maier, R.: Overcoming the national framework of teaching media: binational teacher's books and multinational teaching materials. In: Karina V. Korostellina und Simone Lässig (Hg.): History Education and Post-Conflict Reconciliation. Reconsidering Joint Textbook Projects. London, New York: Routledge 2013, S. 69–89.
  • Maier, R.: Kooperation mit der Academia Baltica: Reisen mit Übergepäck. In: Eckert. Das Bulletin 2012 (12), S. 34–35.

 Ausstellung

  • Maier, Robert (Ed.): Internationale Ausstellung des EU-Russia Civil Society Forum "Different Wars - National School Textbooks on World War II", 2016-2019; Eröffnung in Berlin-Karlshorst am 18.01.2018

Tagung

  • Panel „Europäische bi- und multilaterale Schulbuchaktivitäten – historisch und gegenwärtig“ auf der Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für historische und systematische Schulbuch- und Bildungsmedienforschung e.V. (IGSBi ), Brixen, 7. Oktober 2018
  • Schulbücher und Schulbuchprojekte zur (Minderheiten)Geschichte der Deutschen in einzelnen Ländern Europas“, 31. Mai bis 2. Juni 2015, Bad Kissingen

Kontakt

Robert Maier

Assoziierter Wissenschaftler /