Nationalstaat im Schulbuch

Als in der Tschechoslowakei nach 1989 die marxistisch-leninistischen Schulgeschichtsbücher ersetzt werden mußten, war es für Schulbuchautoren naheliegend, den Faden wieder aufzunehmen, den die nationale Historiographie vor Beginn des Zweiten Weltkrieges aus der Hand legen mußte. Dies hatte inhaltliche Konsequenzen. Auf den wohlwollenden Betrachter wirkten die Schulbuchdarstellungen in ihrem Duktus zumindest antiquiert. Man spürte, dass die nationalgeschichtliche Sichtweise nicht „up to date“ ist, vielleicht auch fragwürdig. Manch kritischer Zeitgenosse war in seinem Urteil unerbittlicher: So formulierte der junge Politologe David Čaněk im Jahre 1995: „Die tschechischen Geschichtslehrbücher propagieren xenophobe bis rassistische Einstellungen, bieten wenig Raum für Pluralität, erheben die ‚Totalität‘ auf den Thron, sind Sprachrohre des Nationalismus des 19. Jahrhunderts“ (Bohemia Heft 1, 1998, S. 67). Das Unbehagen war Grund, das Thema „Nationalstaat und Schulbuch“ zu einem Schwerpunkt der deutsch-tschechischen Schulbucharbeit werden zu lassen.

Grundidee eines ersten Zugriffs war es, dem Nationalstaatsgedanken den Nimbus der Natürlichkeit und Zeitlosigkeit zu entziehen. Dazu wurde der Blick einerseits auf mittelalterliche „nationes“, anderseits auf Nachbarländer gelenkt, deren Einstellungen zum Nationalstaat aktuell und historisch unterschiedlicher nicht sein könnten (Weißrussland, Bayern, Österreich, Frankreich und die Slowakei). Dies sollte klar machen, daß es weder eine Kontinuität noch Selbstverständlichkeiten auf diesem Gebiet gibt. Menschengruppen können sich einen Nationalstaat zulegen, sie können dies aus gutem Grunde aber auch bleiben lassen. Schulbuchanalysen belegten die Bandbreite der Affinität zum Nationalen. Weißrussische Schulbücher der Jahre nach 1991 entrücken die nationale Idee in den Bereich des Heiligen - in österreichischen Schulbüchern findet sich der Nationalismus abgehandelt in der Umgebung von Rassismus und Faschismus.

Um eine Vergleichbarkeit der Untersuchungen herbeizuführen, wurde ein Frageraster entwickelt:

  • Wieviel Raum (Seiten, Illustrationen) wird dem Nationalstaats-Thema im Schulbuch (evtl. im Curriculum) eingeräumt? Wie steht es um das Verhältnis Nationale Geschichte - Weltgeschichte?
  • Wird der Begriff "Nation" definitorisch festgelegt und problematisiert?
  • Werden Sprache, Volkstum und Religion bei der Fundierung der Nation herangezogen? In welcher Form fließen sie in die Begriffsbestimmung ein?
  • Wird der Nationsbegriff historisiert oder retrospektiv in die Vergangenheit projiziert?
  • Wird zwischen mittelalterlichen nationes und neuzeitlichen Nationen unterschieden?
  • Wird auf pränationale Geschichtszeiträume eingegangen? Wann erfolgt die Ethnisierung von Territorium?
  • Wird der Begriff "Nationalismus" als Sonderform, als "Entgleisung" des nationalen Denkens verstanden (in der Funktion als Blitzableiter für Verdächtigungen) oder als innewohnende Tendenz?
  • Bemühen sich die Autoren, die historischen Leistungen des Nationalstaats zu zeigen?
  • Wird der Nationalstaat moralisch gewertet, verteufelt oder hypostasiert?
  • Wird die Nationsbildung im europäischen/internationalen Kontext gesehen?
  • Wird der Entstehung von Nationalstaaten eine "gesetzmäßige Entwicklung" unterlegt?
  • Treten biologistisch/naturalistische Anschauungen zutage (im Sinne von "natürlichen" Prozessen)?
  • Wird der Beitrag der Nation zur Weltkultur im Sinne einer Legitimation (Darwinismus!) hervorgehoben?
  • Erfolgt eine nationale Vereinnahmung großer Geister, die sich an sich einer solchen Inanspruchnahme aus sachlichen Gründen entziehen?
  • Werden die Ausgrenzungstendenzen des Nationalstaats thematisiert? Werden sie als konstitutiv und zentral oder als vermeidbar und beiläufig beschrieben?
  • Wird die Haltung der nationalen Minderheiten beschrieben? Wird sie verständlich gemacht?
  • Werden "ethnische Säuberungen" mit dem Nationalstaatsgedanken in Verbindung gebracht?
  • Welche Eigen- und Fremdstereotypen finden Verwendung?
  • Tritt die Nation verknüpft mit einem Opfer- oder Märtyrermotiv auf, werden ihr messianistische Gedanken unterstellt?
  • Ist eine spezielle Sakralisierung in der Symbolik des Nationalstaats nachweisbar?
  • Inwieweit ist die im Schulbuch übermittelte Denkmalskultur durch das Nationalstaatsdenken geprägt?
  • Wie wird der Nationalstaat ikonographisch vermittelt?
  • Welche Formen der Mythologisierung treten auf?
  • Werden Nationalhelden präsentiert?
  • Werden Alternativen in der Identifikationsgewinnung erwähnt, konkurrierende Identifikationsvarianten sichtbar gemacht?
  • Verwenden die Autoren die Pronomen "wir" und "unser" (ausschließlich) im nationalen Sinne?
  • Werden Überlegungen angestellt, die über den Nationalstaat hinausgehen?

Veröffentlichungen

Beiträgen und Ergebnisse der zwei Konferenzen zum "Nationalstaat" sind veröffentlicht in den Bänden:

  • Robert Maier (Hrsg.): Zwischen Zählebigkeit und Zerrinnen. Nationalgeschichte im Schulunterricht in Ostmitteleuropa, Hannover: Hahn 2004
  • Robert Maier (Hrsg.): Die Präsenz des Nationalen im (ost)mitteleuropäischen Geschichtsdiskurs, Hannover: Hahn 2002

Kommuniqué der Gemeinsamen deutsch-tschechischen Schulbuchkommission

Die Gemeinsame deutsch-tschechische Schulbuchkommission hat auf ihrer konstituierenden Sitzung in Dresden am 29. und 30. November 2002 beschlossen, eine ausführliche Stellungnahme zur Behandlung des Nationalstaats in Geschichtsunterricht und Schulbuch auszuarbeiten. Sie hat sich bereits auf folgende Grundsätze geeinigt, die ihrer zukünftigen Arbeit zu Grunde liegen werden:

"Jugendliche machen speziell im Ausland die Erfahrung, dass sie aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit mit Ablehnung oder mit Wohlwollen bedacht werden. Da diese Emotionen meist mit historischen Erfahrungen oder Deutungen begründet werden, sollte der Geschichtsunterricht dies zum Anlass nehmen, die Wahrnehmung der eigenen nationalen Geschichte durch andere Nationen zu thematisieren. Eine richtig vermittelte kritische Haltung gegenüber der eigenen Nationalgeschichte wird die Schüler befähigen, negative Fremdwahrnehmungen zu verstehen und positiven Zuspruch gegebenenfalls relativieren zu können. Die Gemeinsame deutsch-tschechische Schulbuchkommission stimmt deshalb in folgenden Punkten überein:

  • Der Begriff "Nation" sollte in Geschichtsunterricht und Schulbuch definiert und problematisiert werden. Dabei sollte die Bedeutung von Sprache, Ethnos und Religion, aber auch von Verfassung und politischer Ordnung bedacht werden.
  • Die Ethnisierung von Territorium sollte als historischer Prozess vermittelt und ihre "Legitimität" hinterfragt werden.
  • Ein Geschichtscurriculum sollte sich um ein ausgewogenes Verhältnis von regionaler, nationaler und globaler Geschichte bemühen. Ein integrierter Kursus ist einem separaten Unterricht dieser Aspekte klar vorzuziehen.
  • Es ist notwendig, der Formung der bürgerlichen Identität der Schülerinnen und Schüler den Vorrang vor der Schaffung von nationaler Identität zu geben. Die Erziehung zum mündigen Bürger ist eine geschichtsdidaktische Zielsetzung und soll einer unkritisch-unreflektierten Identifikation mit dem Nationalstaat vorbeugen. Die Frage, vor der Geschichtsdidaktiker stehen, sollte nicht mehr lauten: "Wie kann ein Kanon von (national definierten) Bildungsgütern vermittelt werden?", sondern: "Wie können die Schülerinnen und Schüler die Fähigkeit entwickeln, eigene, begründete historische Urteile zu fällen?"
  • Die historische Leistung des Nationalstaates sollte nicht ausschließlich an der eigenen nationalen Geschichte gezeigt werden. Auch hier gilt die Forderung nach Multiperspektivität.
  • Deutsche und Tschechen gehen im Verhältnis zur Nation von unterschiedlichen Geschichtserfahrungen aus. Diese Differenz historischer Erfahrung muss respektiert werden; sie ist kein Manko."

Dresden, 30. November 2002
Die Gemeinsame deutsch-tschechische Schulbuchkommission

Komuniké Společné česko-německé komise pro učebnice dějepisu 

"Společná česko-německá komise pro učebnice dějepisu se na svém ustavujícím zasedání v Drážďanech 29. a 30. listopadu 2002 usnesla, že zpracuje podrobné vyjádření k otázce, jak ve výuce dějepisu a v dějepisných učebnicích zacházet s pojmem "národní stát". Zatím byly společně formulovány následující these, z nichž bude vycházet další práce:

"Zejména při zahraničních pobytech získávají mladiství zkušenost, že je na ně s ohledem na jejich národní příslušnost pohlíženo buď odmítavě nebo se sympatiemi. Vzhledem k tomu, že tyto emoce jsou většinou zdůvodňovány historickými zkušenostmi nebo kontexty, mělo by se to pro výuku dějepisu stát podnětem pro to, aby bylo tematisováno vnímání vlastních národních dějin jinými národy. Správně zprostředkovaný kritický postoj vůči vlastním národním dějinám otevře žákům možnost, aby porozuměli negativnímu vnímání cizinců, resp. byli v případě potřeby schopni relativisovat positivní sebeinterpretaci. Společná česko-německá komise pro učebnice dějepisu se proto shodla na následujících bodech:

  • Pojem "národa" by měl být ve výuce a v učebnicích dějepisu definován a problematisován. Měl by přitom být brán ohled na význam řeči, etnicity, náboženství, ale také ústavy a politického řádu.
  • Etnifikace národního území by měla být ukázána jako historický proces a měla by se klást otázka po její "legitimitě".
  • Curriculum výuky dějepisu by mělo usilovat o vyvážený vztah regionálních, národních a globálních dějin. Je třeba dát přednost integrovaněmu pojetí před separátní výukou.
  • Je nutno dávat přednost formování občanské identity žákovstva před utvářením jeho identity národní. Cílem dějepisně didaktického procesu je výchova samostatně uvažujících občanů a má zamezit nekritické a nereflektované identifikaci s národním státem. Otázka, před níž stojí didaktikové dějepisu, už nemá znít: "Jak má být zprostředkován kánon (národně definovaných) vzdělávacích obsahů?", nýbrž: "Jak může žáctvo rozvíjet svoji schopnost formulovat své vlastní, zdůvodněné historické soudy?"
  • Historický výkon národních států nemá být ukazován výhradně na vlastních národních dějinách. Také zde platí požadavek multiperspektivity.
  • Češi a Němci vycházejí ve vztahu k národu z rozdílných historických zkušeností. Tato diference historické zkušenosti musí být respektována, nikoliv podceňována.

Drážďany30. listopadu 2002
Společná česko-německá komise pro učebnice dějepisu