Georg Eckert – eine biographische Skizze

Geboren am 14. August 1912 in Berlin, wächst Georg Eckert in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Schon als Schüler engagiert er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dann in der SPD sowie im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. 1931 erfolgt seine Immatrikulation in den Fächern Geschichte, Geographie, Germanistik, Völkerkunde und Volkskunde an der Universität Berlin. Zu seinen akademischen Lehrern zählen Historiker wie der Lassalle-Biograph Hermann Oncken und der marxistisch orientierte Arthur Rosenberg. Die politischen Verhältnisse der Weimarer Republik bringen den jungen Mann, der seit 1932 auch den Vorsitz der sozialistischen Studentenschaft Berlin inne hat, bald unweigerlich in offene Gegnerschaft zu den an der Universität agitierenden nationalsozialistischen Trupps. 1933 verlässt er heimlich Berlin und wechselt an die Universität Bonn, wo er nun im Hauptfach Völkerkunde studiert in der Hoffnung, seine Studien in einem größeren Abstand zur NS-Ideologie und ihrem Geschichtsbild fortsetzen zu können. Geographie und Geschichte bleiben jedoch seine Nebenfächer. 1935 promoviert ihn der Bonner Amerikanist und Ethnologe Hermann Trimborn mit einer Arbeit über Mikronesien, 1936 folgt das Erste Staatsexamen und 1938 die Pädagogische Prüfung. In dieser Zeit tritt Eckert, zur Tarnung und auf Anraten der Genossen, der NSDAP bei, ohne allerdings jemals aktiv zu werden.
Seinen Wehrdienst absolviert der junge Akademiker zwischen Februar 1940 und Februar 1941 während des Frankreichfeldzugs. Von dort zurückgekehrt, durchläuft Eckert eine Kurzausbildung zum Meteorologen und wird im Juli 1941, nach der deutschen Besetzung Griechenlands, nach Saloniki abkommandiert, um als Wehrmachtsbeamter die Leitung der dortigen Wetterwarte zu übernehmen. Zu Eckerts Dienstaufgaben gehören auch der Aufbau von Messstationen und die damit einhergehende Elevation von Wetterdaten. Diese Geländetätigkeit verbindet er mit ethnologischer Feldforschung, und die Abende nutzt er, um diverse völkerkundliche Artikel über Griechenland sowie seine Habilitationsschrift über „Totenkult und Lebensglaube im Caucatal“ zu verfassen. 1943, während eines Fronturlaubs, habilitiert sich Georg Eckert im Alter von 31 Jahren an der Universität Bonn im Fach Ethnologie.

Die Feldforschungen ermöglichen es ihm jedoch auch, gezielt Verbindungen zu den griechischen Partisanen zu knüpfen. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 läuft Eckert mit einigen Kameraden zur „Volksbefreiungsarmee“ (ELAS), dem militärischen Arm der griechischen „Nationalen Befreiungsfront“ (EAM), über. Am Vorabend des griechischen Bürgerkriegs, im Februar 1945, begeben sich die meisten dieser Gruppe und unter ihnen auch Eckert in britische Gefangenschaft. Die Briten beabsichtigen, Eckert nach London zu verbringen, doch auf dem Weg dorthin zieht er sich in Rom einen lebensbedrohlichen Lungenabszess zu und wird, der Krieg ist inzwischen zu Ende, direkt nach Goslar ins Lazarett transportiert, wo er im August 1945 eintrifft.

Georg Eckert (Bild: Friedrich Reinecke Verlag)

Noch vom Krankenbett aus sucht Eckert den Kontakt zu ehemaligen Genossen und macht auf diesem Wege die folgenreiche Bekanntschaft mit Alfred Kubel, der ihn im Herbst 1946, noch während seiner letzten Tage als Braunschweiger Ministerpräsident, direkt von Goslar an die „Hochschule für Lehrerbildung - Kant-Hochschule“, die spätere Pädagogische Hochschule in Braunschweig holt. Als Dozent für „Geschichte und Methodik des Geschichtsunterrichts“ - die Ernennung zum Ordentlichen Professor erfolgt erst 1952 – engagiert sich Georg Eckert gemeinsam mit dem Politologen Heinrich Rodenstein für den Aufbau einer nunmehr wissenschaftlich orientierten Lehrerausbildung. Gemäß dem Besatzungsstatut hat dies in den ersten Jahren in enger Abstimmung mit der britischen Militärregierung zu erfolgen; diese überträgt Eckert zugleich die Aufgabe, neue Lehrpläne für den Geschichtsunterricht zu erarbeiten. Schon die ersten Manuskripte zeigen, ungewöhnlich für deutsche Historiker jener Zeit, einen deutlich ausgeprägten sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansatz. Bewusst stellt sich Eckert damit gegen einen unpolitischen Geschichtsunterricht im Sinne einer ausschließlichen Kulturgeschichte. Sehr deutlich spiegelt sich dies auch in der von ihm ab 1947 herausgegebenen Reihe Beiträge für den Geschichtsunterricht. Gedruckt auf Resten von Zeitungspapier, behandeln die vor allem für die Hand des Lehrers gedachten Quellensammlungen Themen wie „Der Bauernkrieg“, „Die Revolution von 1848/49“ oder „Der Vormärz“. Solche Inhalte gehörten bis dato nicht in den deutschen Geschichtsunterricht und wurden erst recht nicht anhand von Quellen behandelt. Die Schriftenreihe wollte den Stoff so präsentieren, dass sich die Lehrkräfte ein eigenes historisches und politisches Urteil bilden konnten. Dabei boten die Hefte vor allem solche Materialien an, die angesichts des Schulbuchmangels und infolge der Zerstörung vieler öffentlicher und privater Bibliotheken sonst kaum zugänglich waren. Rund zehn Jahre später, Ende der 50er Jahre, wird dies in abgewandelter Form Eckerts Argumentation für die Gründung des Archivs für Sozialgeschichte sein. Und wie dieses erfuhren bereits die Beiträge zum Geschichtsunterricht reißenden Absatz: Allein bis 1950 wurden davon etwa 300.000 Exemplare verkauft.

Bildung, so Eckerts Überzeugung, durfte und konnte nicht nur am Beispiel der Geschichte der Eliten erfolgen, sondern musste auch die Geschichte des Volkes mit seinen kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen einbeziehen. Damit verband sich das auch seinen Lehrplanentwürfen vorangestellte Credo, junge Menschen über historische Aufklärung zu möglichst unabhängiger Meinungsbildung zu befähigen, und hier lag gleichfalls ein zentrales Motiv für die Gründung des Internationalen Instituts für Schulbuchverbesserung (1951) und für die von Eckert organisierten und initiierten internationalen Schulbuchkonferenzen. Allein bis Ende der 70er Jahre sollten mehr als 150 Tagungen stattfinden mit dem Ziel, in Geschichts- und Geographiebüchern verborgene Feindbilder und Vorurteile aufzuspüren und durch Revisionen dieser Lehrmittel zur Völkerverständigung beizutragen. Nachvollziehbar, dass das Augenmerk in den ersten Jahren vor allem den ehemaligen deutschen Kriegsgegnern galt. Die deutsch-französischen Vereinbarungen (1951) und die deutsch-polnischen Empfehlungen (1975) bilden bis heute Meilensteine der internationalen Versöhnungsarbeit.

Wladyslaw Markiewicz und Georg Eckert bei der Unterzeichnung der "Vereinbarung zwischen den UNESCO-Kommissionen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schulbuchrevision" am 17. Oktober 1972 in Braunschweig (Bild: Otto Hoppe, Bs)

Ab Mitte der 50er Jahre, nachdem er bis dahin nur in der Ethnologie publiziert hatte, veröffentlichte Eckert dann seine ersten historiografischen Arbeiten. Sie widmeten sich zunächst Wilhelm Bracke und der Braunschweiger Sozialdemokratie, bis sich die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts schließlich zu Eckerts originärem Forschungsgebiet entwickeln sollte. Er war damit in Westdeutschland einer der ersten Historiker, der sich diesem Themenkomplex nach 1945 zuwandte.

[Aber] trotz seines nachweislich starken sozialgeschichtlichen Engagements stand Eckert in der scientific community nicht in vorderster Reihe. Ursächlich dafür war die Vielzahl an Tätigkeitsfeldern, die er parallel zu bestellen hatte. Zu eigenen Publikationen kamen Lehrverpflichtungen und die Herausgeberschaft nicht nur des Archivs, sondern auch der Zeitschrift für Ethnologie, die er 1949/50 von Braunschweig aus neu begründete und deren Schriftleitung er bis 1965 innehatte. Vor allem aber war es seit 1949/51 das internationale Schulbuchinstitut, das viel Zeit und Kraft beanspruchte und das er ehrenamtlich leitete. Parallel zu diesen Aufgaben übernahm Eckert 1964 die Präsidentschaft der deutschen UNESCO-Kommission. Beides, Schulbucharbeit und UNESCO, zwangen ihn zu permanenter Reisetätigkeit, die er trotz extrem schlechter gesundheitlicher Verfassung und häufigen Erkrankungen pausenlos absolvierte. Seine Rastlosigkeit speiste sich jedoch nicht aus krankhaftem Ehrgeiz. Die Motivation für sein Tun erwuchs vielmehr aus der tiefen Überzeugung, dass internationale Völkerverständigung nicht ohne vertrauenswürdige auswärtige Kulturpolitik und stabile demokratische Verhältnisse nicht ohne politische Bildungsarbeit zu erlangen seien. Georg Eckert starb am 7. Januar 1974 im Alter von 61 Jahren - während einer Vorlesung über die Geschichte der Arbeiterbewegung.


Stark gekürzte Fassung aus: Heike Christina Mätzing: „Georg Eckert und die Anfänge des Archivs für Sozialgeschichte“, in: 50 Jahre Archiv für Sozialgeschichte, hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Geschichte. Bonn 2011. [Im Erscheinen.] Heike Christina Mätzing bereitet derzeit eine Biographie über Georg Eckert vor.

 
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Letzte Änderung: 12.05.2011