Bilder des Eigenen und des Anderen und symbolische Grenzbildungen - Europa und muslimische Gesellschaften
Die meisten west-europäischen Staaten haben seit der Mitte des 20. Jahrhunderts einen Bevölkerungszuwachs aus islamisch geprägten Gesellschaften erfahren. Diese wiederum waren zugleich mit vielfältiger politischer und militärischer Einmischung europäischer Länder konfrontiert. Überlieferte Bilder verweisen auf beiden Seiten auf Erinnerungen von Begegnung und Verwobenheit ebenso wie von Gewalt und Dominanz und bewegen sich zwischen Ambivalenz und Abgrenzung. Die wertenden und emotional aufgeladenen Bilder des jeweils Anderen stehen in Zeiten globaler Mobilität und Informationsfülle im Kontext von geographischer und alltagsweltlicher Nähe. Unter diesen Bedingungen entstehen Auseinandersetzungen um Anerkennung und mit ihnen neue komplexe und subtile Muster der Unterscheidung. Solche symbolischen Grenzbildungen verlaufen oft zwischen polarisierenden Kategorien - wie zum Beispiel modern und traditionell oder religiös und säkular. Durch diese werden Zugehörigkeiten bestimmt und wird Anerkennung vergeben.
In der Gegenwart stellt sich die Frage, inwieweit traditionelle Markierungen symbolischer Grenzen in Konzepten wie Orientalismus und Okzidentalismus bereits überholt sind und ob und wie sie durch neue, nicht polarisierende Wahrnehmungsmuster ersetzt werden. Der Schwerpunkt des Arbeitsbereichs liegt auf Europa und muslimischen Gesellschaften. Daraus folgt unter den sich wandelnden Gegebenheiten, dass bei seinen Forschungs- und Transferaktivitäten die Untersuchung und Bearbeitung von Veränderungen kultureller Polarisierungen, Verschiebungen und Durchlässigkeiten von Grenzbildungen im Umfeld von Schule und in Bildungsmedien im Mittelpunkt stehen.
Die Forschungsprojekte des Arbeitsbereichs stellen sich die Aufgabe, aktuelle wechselseitige Abgrenzungen zwischen Europa und muslimischen Gesellschaften und Muslimen in Europa kritisch unter die Lupe zu nehmen. Im Augenblick gibt es drei Schwerpunkte:
- Die historische Forschung untersucht Erzählstrukturen, die in ihren Grundzügen über lange Zeiträume hinweg stabil bleiben. Das Projekt Die Longue Durée der europäischen Islamerzählungen zeichnet deren Entstehungsgeschichte nach. Es untersucht, inwieweit auch die gegenwärtige Bilderproduktion auf seit langem „institutionalisierte“ Bilder des Eigenen und des Anderen zurückgreift.
- Mit kontrastierenden Untersuchungen unterschiedlicher nationaler Kontexte wurde im beendeten Projekt zu Bildungsreformen, Curricula und Schulbüchern in arabischsprachigen MENA Ländern und im laufenden Projekt Mythos Kreuzzüge begonnen. Diese Forschungslinie wird mit einem Projekt zum Jemen und Sudan fortgeführt. Hierbei werden die unterschiedlichen kolonialen Erfahrungen sowie historisch gewachsene innernationale ethnische und konfessionelle Grenzen in Prozessen der Nationenbildung in den Mittelpunkt gerückt.
Das Transferprojekt 1001 Idee erschließt neues Wissen über islamisch geprägte Länder und Muslime in Europa für die Unterrichtspraxis. Die Darstellung des Islam in aktuellen deutschsprachigen Schulbüchern spiegelt weitgehend die europäischen Islam-Wahrnehmungen der vergangenen Jahrhunderte wider. Sie sehen den Islam als eine Quelle von Rückständigkeit und Gewalt. Um diese einseitigen Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen, erschließt das Projekt seit 2005 aktuelle fachwissenschaftliche Forschung und stellt sie in Form von web-basierten Unterrichtsmaterialien (www.1001-idee.eu) Lehrerinnen und Lehrern im deutschsprachigen Raum zur Verfügung. Das Projekt ordnet sich damit in die aktuelle Auseinandersetzung über den Umgang mit Geschichte und Geschichten zwischen Europa und dem Orient sowie zwischen Christentum und Islam ein. Dabei sind zentral der kritische Blick auf Kategorien des Eigenen und des Anderen sowie auf die Darstellung bzw. das Ignorieren vom Austausch zwischen Kulturen. Weitere Forschungs- und Transferprojekte sind geplant oder bereits beantragt worden. Sie sollen Entstehung und Entwicklung symbolischer Grenzbildungen in vergleichender Perspektive untersuchen. Dabei stellen sie Fragen wie: Was ist eigentlich „europäisch“? Wie sonst identifizieren sich Menschen über die Grenzen ihrer Nation hinaus? Wie wird über wahrgenommenes Anderssein gesprochen oder auch geschwiegen? Welches sind die zeitlichen Verschiebungen in der Neuinterpretation „kultureller“ Unterschiede, wie sie unter Anderem zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, aber auch zwischen Darstellungen in Schulbüchern und aktuellen Verhandlungen unter Schülern und Lehrern im Klassenraum zum Ausdruck kommen? [mehr]
Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die Verortung der Einzelprojekte des Arbeitsbereichs entlang der Koordinaten Gegenwartsforschung, historische Forschung, Transfer und Vernetzung.
Abgeschlossene Projekte:
Schulbuchrevision im Nahen Osten (2006-2009)
Projekte
Arbeitsgruppe
Leitung
Susanne Kröhnert-Othman
Mitarbeit
Almila Akca
Inse Böhmig
Sarhan Dhouib
Julia Förster
Gerdien Jonker
Melanie Kamp
Felicitas Iris Klingler
Ines Rülling
Matthias Schwerendt (assoziiert)
Constantin Wagner
Ute Achilles-Klotz (Bibliothek)



