Arbeitsbereich Bilder - ausführliche Beschreibung
Bilder des Eigenen und des Anderen und symbolische Grenzbildungen - Europa und muslimische Gesellschaften
Die Erforschung von wechselseitigen Wahrnehmungen, gesellschaftlich und kulturell konstruierten Grenzziehungen und Anerkennungskonflikten gehören zum Kernbereich der Institutstätigkeit. Der Arbeitsbereich widmet sich dieser Aufgabestellung in Bezug auf die Beziehungskonstellation zwischen Europa und muslimisch geprägten Gesellschaften. Dies schließt auch die Betrachtung der Anerkennungskonflikte um Muslime in Europa mit ein. Zur Verwirklichung der Zielsetzung werden geschichts- und sozialwissenschaftliche Forschungsansätze zusammengeführt, aktuelle Debatten zur Interkulturalität integriert und Anwendungsbezüge von Islamforschung im Umfeld von Bildungsmedien und Schule hergestellt.
Die Forschungsprojekte des Arbeitsbereichs stellen sich die Aufgabe, aktuelle Problemdiagnosen um wechselseitige Abgrenzungen zwischen den vermeintlichen kulturellen Einheiten Europa und „muslimische Gesellschaften“/„Muslime“ in Europa zu hinterfragen. Sie machen die vielfältigen Ebenen der historischen Verwobenheit und die Mehrdimensionalität symbolischer Grenzbildungen sichtbar. Zudem zeigen sie, wie sich „vorgestellte“ Grenzlinien mit wechselnden Aufmerksamkeiten verschieben und aus unterschiedlichen Perspektiven neu formuliert werden.
Dazu thematisieren die schulbuchanalytischen Forschungen des Arbeitsbereichs narrative Strukturen (scripts), die über lange Zeitläufe hinweg stabil geblieben sind. Die Untersuchungen zeichnen die Genese dieser Narrative nach und untersuchen, inwieweit auch gegenwärtige Erzählungen auf „institutionalisierte“ Bilder des Eigenen und des Anderen Bezug nehmen. Daran schließt sich die Frage an, inwiefern diese Bilder offen oder resistent gegenüber Veränderungen sind. Künftige Forschungsarbeiten im soziokulturellen Kontext des Schulbuchs sollen darüber hinaus Dynamiken symbolischer Grenzproduktionen wie Vereindeutigung und Reinhaltung, Verfestigung und Verflüssigung, Transformation oder Verschiebung von Grenzlinien beleuchten.
Der Fokus auf Grenzbildungen wird um die sozialwissenschaftliche Untersuchung der Rezeptions- und Produktionsseite von Schulbuchinhalten in ihrem aktuellen gesellschaftlichen Kontext erweitert. Angestrebt werden dabei einerseits qualitative Erhebungen über Grenzverhandlungen unterschiedlicher Akteure im Umfeld von Schule, und andererseits Forschungen über die Ausprägungs- und Produktionswege von Schulbuchinhalten über Wissensgemeinschaften und Bildungsinstitutionen.
Die vergleichende Untersuchung von Grenzbildungen – Forschung und Transfer
An der Schnittstelle von Geistes- und Gesellschaftswissenschaften fragt der Arbeitsbereich, inwieweit sich symbolische Grenzbildungen in Bildungsmedien selbst und im Verlauf der Herstellung und Vermittlung ihrer Inhalte verfestigen. So können Zugehörigkeiten analytisch beschrieben und schließlich auch soziale Festlegungen (Kulturalisierungen, Ethnisierungen) sichtbar gemacht werden. Analysen sinnstiftender Narrative, kognitiver Muster und verschiedener Grenzdynamiken sollen in projektübergreifender Perspektive und im Zuschnitt neuer vergleichender Vorhaben zusammengebracht werden.
Vergleiche beziehen sich auf Unterschiede der Thematisierung bestimmter Aspekte der Konstruktion von Alterität (Modernität, Religiosität und Religionszugehörigkeit, Geschlechterordnung etc.) oder auch Ungleichzeitigkeiten der Neuinterpretation zwischen Bildungsmedien, Entstehungskontexten der Inhalte oder Klassenraumkommunikation. Darüber hinaus werden kontrastierende Untersuchungen zwischen unterschiedlichen nationalen Kontexten durchgeführt. Dabei werden veränderliche Grenzproduktionen der Außenwahrnehmung Europas in muslimischen Mehrheitsgesellschaften und der Wahrnehmung muslimischer Gesellschaften von europäischer Seite aus, sowie Grenzdynamiken der Situation muslimischer Migranten und indigener Muslime in Europa thematisiert.
Der Transferbereich dient der Verknüpfung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik: Konzepte des multiperspektivischen Lernens werden erarbeitet; das Bewusstsein für unterschiedliche Kontexte der Konstruktion und Auflösung symbolischer Grenzen wird geschärft; Netzwerke zur Schulbuchforschung und Erziehungsreform im Nahen Osten und zum Themenbereich „Islam/muslimische Gesellschaften“ auf europäischer Ebene werden erweitert. Die Transferaktivitäten entwickeln auf der Grundlage der Forschungsergebnisse Dialogperspektiven weiter, die einseitigen Wahrnehmungen entgegenwirken und Grenzdurchlässigkeit befördern. Insgesamt realisiert der Arbeitsbereich eine „angewandte Islamforschung“ als Lücke im deutschen Wissenschaftsfeld, indem er in seinen Forschungs- und Transferprojekten die wechselseitigen Deutungen und Dynamiken der symbolischen Grenzziehungen zwischen Europa und muslimisch geprägten Gesellschaften als veränderliche und in Bewegung bleibende kulturelle Konstrukte in den Blick nimmt.


