Schulbuchrevision im Nahen Osten (Ausführliche Beschreibung)
Ausgangspunkt des Projekts
Um einen Dialog über verschiedene Dimensionen von Bildungspolitik in den MENA-Ländern und mit Aktueren aus unterschiedlichen nationalen Kontexten beginnen zu können, war die Erforschung der unterschiedlichen Bildungssysteme in der MENA-Region Grundvoraussetzung. Konzeptioneller Hintergrund und Ausgangspunkt der Projektarbeit waren in diesem Zusammenhang internationale Bilanzierungen der Bildungssysteme arabischer Länder der MENA-Region – etwa der MENA-Entwicklungsbericht der Weltbank von 2008 und die Arab Human Development Reports (AHDR) des UN-Entwicklungsprogramms, die Defizite im Feld von Erziehung und Bildung ausmachen und dabei bleibende Armut und den Erfolg undemokratischer politischer Systeme als Folgen der Missstände betrachten.
Stark debattiert wurde in den vergangenen Jahren die Frage nach wirksamen Gegenmaßnahmen, denn von außen angeforderte und finanzierte Reformprozesse werden von nationalen Bildungseliten oft als neo-kolonialer Eingriff in das Zentrum des Eigenen empfunden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Anforderungen an Veränderung bis zu den Inhalten der Bildung in Curricula und Schulbüchern hineinreichen. Internationale Bildungsakteure haben spätestens seit den Anschlägen vom 11. September nicht nur didaktische, sondern auch inhaltliche Reformen der Bildungssysteme in der MENA-Region angefragt, damit Differenzwahrnehmungen und negative Bilder über den „Anderen“ hier vor allem Europa und den Westen langfristig überwunden werden.
Die mit Unterstützung internationaler Geldgeber und Berater umgesetzten Maßnahmen fallen in den verschiedenen postkolonialen arabische Staaten je nach eigener Ressourcenlage sehr unterschiedlich aus. Während internationale Bildungsakteure eine Dezentralisierung und Liberalisierung der Bildungssysteme für notwendig halten, sehen sich einige arabische Regierungen in dem Dilemma, mit der Liberalisierung des Bildungssystems auch politische Opposition – zum Beispiel von Seiten des politischen Islam - zu befördern. Die unterschiedlichen Strategien, die von einzelnen Staaten der MENA-Region gewählt wurden, um die Qualität von Curricula und Schulbüchern zu verbessern, stellte Untersuchungsgegenstand der Projektarbeit dar, die auch eine Forschungsdimension zu Selbst- und Fremdbildern in Schulbüchern beinhaltete.
Auswahl der Fallbeispiele
Um eine differenzierende Spannbreite an Ergebnissen zu gewährleisten, wurden für den Bericht Staaten aus der MENA-Region ausgewählt, die sich in ihren Bildungssystemen oder Narrativen in Geschichts- und Sozialkundebüchern unterscheiden. Für die Debatte über ethnisch-religiösen Kommunalismus und weitgehende Selbstorganisation des Bildungssektors stand der Staat Libanon. Ägypten und Jordanien stellten Beispiele dafür dar, wie mithilfe internationaler finanzieller Unterstützung große Reformen im Bildungswesen in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Das Bildungswesen des Sultanats Oman wurde vor allem deshalb ausgewählt, da es in der jüngsten Geschichte eine beschleunigte Reformpolitik betrieben hat, die beispielhaft für die Bildungssysteme der Golfstaaten war.
Ergebnisse
Was curriculare Veränderungen betrifft, so hat sich gezeigt, dass alle vier untersuchten Staaten Verbesserungen angestrebt haben, um auf dem internationalen Arbeitsmarkt mithalten zu können. In diesem Zuge wurde das Fach Sozialkunde eingeführt oder verändert und die Fächer Geschichte und Geographie für den Schulunterricht neu überarbeitet. Über die Reform des Faches Sozialkunde wird oft versucht, loyale Bürgerinnen und Bürger auszubilden und interne Konflikte und Differenzen in der Gesellschaft zu verdecken oder einzuebnen, um für eine einheitliche nationale Identität zu sorgen. Europäische und westliche Staaten kommen in der heutigen Generation der Schulbücher eher positiv vor, werden als Initiatoren und Träger der Moderne und des technologischen Fortschritt dargestellt. Dabei wird betont, dass arabische Muslime einen unabdingbaren Beitrag zur Entwicklung der europäischen Wissenschaften geleistet haben. Klassische Themen wie die Kreuzzüge und Kolonialismus werden nur flüchtig gestreift. Die Konflikte zwischen Israel und Palästina und arabischen Staaten werden eher zurückhaltend thematisiert. Damit haben zwar curriculare Veränderungen statt gefunden, das Curriculum weist jedoch neuartige Lücken auf.
Der zunächst vermutete Zusammenhang zwischen zentral kontrollierten Bildungssystemen und negativen Europawahrnehmungen hat sich anhand der Forschungsergebnisse nicht bestätigt. Vielmehr bestehen komplexe Verbindungslinien zwischen autoritärer oder schwacher staatlicher Kontrolle und der Umgestaltung nationaler Gemeinschaften, die sich gegenwärtig vor allem über normative Aufladungen positive Repräsentationen des „Eigenen“ rekonstituieren. In einigen Fällen wie Ägypten, Jordanien und Oman hat sich gezeigt, dass rigide staatliche Kontrolle von Curricula und Schulbüchern negative Bilder des „Anderen“ verdrängt, das nationale Selbst jedoch ideologisch weiter ausgebaut wird. Darüber hinaus wurden die Schulbücher um Aspekte von Modernität wie z.B. ein verändertes Verständnis von der Rolle der Frau erweitert. Die graduelle Privatisierung des Bildungssektors kann in einigen Fällen – Ägypten, Libanon und Jordanien langfristig zu einer Neuverteilung von Bildungschancen entlang der familiären Einkommenssituation führen. Eine Liberalisierung im Bildungssektor führt nicht stringent zu einer qualitativen Verbesserung und es können Nischen der Aufrechterhaltung negativer Fremdwahrnehmungen in ethno-religiösen Ideologien weiterleben.
Eine Untersuchung von Schulbüchern und Curricula kann jedoch schließlich keine Aussagen darüber machen, wie deren Inhalte im Unterrichtsgeschehen verhandelt werden. Der Dialog mit einigen Vertretern von Bildungspolitik und Wissenschaft und Forschung über Bildungsreformen hat gezeigt, dass lokale und nationale Eliten sich gegen westliche Einmischung verwehren mögen, dabei jedoch vor allem die Veränderungspotentiale ihrer Gesellschaften vor dem Hintergrund von Integrität und Passfähigkeit im Blick haben. Darüber wird in den arabischen Gegenwartsgesellschaften selbst stark diskutiert und die Vielfalt des Meinungsspektrums und der Lösungsvorschläge zeigt eine kritische Selbstverständigung, die einen wichtigen Bestandteil des nachkolonialen Dialogs auf Augenhöhe mit dem Westen aber auch in der Region selbst bildet.






