Das europäische (Schul)Haus: Politische Räume, historische Konstruktionen und kulturelle Identitäten
Forschungsgegenstand und -ziele
Die reibungsvollen politischen Konsolidierungsprozesse innerhalb der Europäischen Union werfen immer wieder die Frage auf nach dem gesellschaftlichen und geistigen Zusammenhalt der in ihr vereinten europäischen Bürger. Die Erweitungsdabatten hinterfragen zugleich überkommene Selbstgewissheiten im Hinblick auf gemeinsame historische Wurzeln sowie verbindende Werte und treffen sich mit Selbstfindungsprozessen in den angrenzenden Ländern, die sich ebenfalls Europa verbunden fühlen.
Vor diesem Hintergrund reetabliert sich „Europa“ derzeit als zentraler Gegenstand verschiedener Forschungsdisziplinen, was sich immer stärker auch im historisch-politischen und geographischen Unterricht auswirkt. Europa fungiert schon immer als geographische Arena und politischer Rahmen, ist Projektionsfläche für kulturelle Identifikationen und Tertium Comparationis, erscheint als Chiffre, Mythos oder Fluchtpunkt, ist Gegenstand von Idealisierung und Abgrenzung. In Verbindung mit konkurrierenden Leitmotiven kann der Europagedanke einer schier beliebigen Instrumentalisierung unterliegen, aber auch als Auftrag und teleologische Bestimmung im Zentrum stehen. In Schulbüchern lässt sich dies auffinden und vergleichen; es lassen sich Wechselwirkungen, Gegenläufigkeiten und gemeinsame Trends erkennen. In den dort vermittelten Europakonzeptionen spiegeln sich diachron die jeweils akuten Probleme der Zeit.
Das politische Projekt „Europa“ ist ein offenes: weder seine Außengrenzen, noch seine innere Verfasstheit oder seine Stellung in der Welt sind festgelegt. Gestalt- und Identitätsfindung bleiben die Aufgabe auch der künftigen Generationen. Von daher ist die politisch-historische Bildung zu diesem Thema unerlässlich.
Der Titel des Arbeitsbereichs „Das europäische (Schul)haus“ rekurriert metaphorisch auf die sich abzeichnenden Konturen eines virtuellen gemeinsamen Bildungsraumes. Unverkennbar richten die Bildungsinstitutionen in den europäischen Ländern die politisch-historische Bildung auf Europa hin aus und versuchen, ihre Curricula Europa-kompatibel zu gestalten. Innerhalb der Europäischen Union treffen sich keineswegs immer erfolgreiche Normierungsabsichten mit dem Willen, die historisch gewachsenen Entitäten in Europa zu bewahren. Der Slogan von der „Einheit in Vielfalt“ betrifft auch die Geschichtsbilder. Diese bleiben wirkungsmächtig. Eine sich geschichtspolitisch nicht vereinheitlichende Europäische Union bleibt auch offen gegenüber den geschichtlichen Vorstellungen ihrer Anrainer. Der Titel des Arbeitsbereiches nimmt bewusst Bezug auf eine Metapher (Gorbatschows „Europäisches Haus“), die europäische Gemeinsamkeit nicht als westeuropäisches Programm definiert.
Im Arbeitsbereich „Das europäische (Schul)haus“ wird punktuell beobachtet und beschrieben, wie sich der von zahlreichen Akteuren betriebene, sich z.T. aber auch spontan vollziehende Prozess der Herausbildung europäischer Identitäts- und Bewusstseinsstrukturen im Rahmen pädagogischer Praxis vollzieht. Dabei werden die Veränderungen in den Bildungsprogrammen der europäischen Länder in den Blick genommen, die europäisierenden Tendenzen, aber auch die retardierenden Momente fokussiert. In den jeweiligen Projekten wird insbesondere untersucht, unter welchen historischen Rückgriffen dieser Diskurs stattfindet, wie Europa-Konzepte revitalisiert und modifiziert werden und wo neue Elemente auftreten. Es werden die Versuche konstatiert, Europa aus seinen alten Kernen und abendländischen kulturellen Beständen heraus zu definieren. Eingedenk der beschränkten Reichweite dieses Modells werden die prägenden Veränderungsimpulse im Kontaktraum mit der eurasischen, transatlantischen und arabisch-islamischen Welt geortet. Es wird also davon ausgegangen, dass sich Europa stark von seinen Rändern aber auch inneren Peripherien (kulturellen Enklaven) her konstituiert. Der Arbeitsbereich untersucht gleichfalls, wie sich europäische Identitäten und Mentalitäten von Außen gesehen darstellen.
Der Arbeitsbereich will durch Analyse, Entwicklung und Beratung den Diskurs zur Europa-Pädagogik wissenschaftlich fundieren und kritisch begleiten. Insbesondere sollen die Forschungsergebnisse begründen, inwiefern es problematisch ist, wenn sich „Europa“ analog zu den Nationsbildungsprozessen der Vergangenheit formiert, imperiale Vorstellungen mit dem Projekt „Europa“ verschmelzen oder der traditionelle Eurozentrismus die Suche nach einem adäquaten Platz in der Welt verhindert.
Thematische Zugänge
Europa und der nationale Faktor
Die Visionen von Europa reichen von einer Konföderation der Nationalstaaten bis hin zu einem einheitsstaatlichen Gebilde, in dem „Nation“ kaum mehr in Erscheinung tritt. Einerseits ist die Tendenz klar erkennbar, Befugnisse des Nationalstaats einzuschränken; ökonomische Entwicklungen wirken in dieselbe Richtung. Andererseits registrieren wir Tendenzen, die zeigen, dass der nationale Gedanke wohl noch lange Zeit mit „Europa“ konkurrieren oder zumindest die Europavorstellungen prägen wird. Mit dem EU-Beitritt ostmitteleuropäischer Länder hat dieses Phänomen weiteren Auftrieb erhalten. Hinzu kommt, dass schulische Bildung in Europa traditionell unter staatlicher Regie betrieben wird. Dadurch eingeschliffene Traditionen sind geeignet, nationale Sichtweisen strukturell zu perpetuieren. Es gehört zu den zentralen Aufgaben des Bereiches, diese Spannung zwischen nationaler Selbstvergewisserung und nationalen Erinnerungskulturen auf der einen Seite und der stetigen Neubestimmung der eigenen Europäizität auf der anderen zu analysieren und in ihrem Unterrichtsbezug zu thematisieren.
Diesem Komplex ordnet sich gegenwärtig ein Großteil der Projekte des Arbeitsbereiches zu. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Arbeit der bi-nationalen Schulbuchkommissionen durch innovative Vorhaben noch einmal stark belebt wurde. Die deutsch-polnische Kommission hat das Projekt „Deutsch-polnisches Geschichtsbuch“ angestoßen. Die neugegründete deutsch-israelische Kommission hat ihre Arbeit 2010 aufgenommen. Die hybride Struktur der Schulbuchkommissionen, einerseits selbstredend in nationalen Ausgangspunkten zu wurzeln und diese andererseits im Rahmen der Binationalität zu transzendieren, erweist sich als ein hervorragender Ausgangspunkt um transnationale Momente und internationale Verflechtungen freizulegen.
Europa im Prisma der Region
Wenn Europa weniger von den Nationalstaaten her gedacht wird, stellt sich die Frage nach anderen konstitutiven Elementen. Hier kommen die großen und kleinen Regionen ins Spiel, die meist auf eine längere Geschichte zurückblicken können als die Nationalstaaten. Dies können großräumliche Relikte von Konföderationen oder imperialen Gefügen sein, Gebilde, die auf dynastische Territorialherrschaften zurückgehen, durch Sprache, Kultur, Religion verbundene Regionen bis hin zu naturräumlichen kleinen Landschaften. Allerdings ist ihre Eigenheit häufig überlagert, ihre Geschichte in Vergessenheit geraten, vor allem dann, wenn sie von keiner Nationalgeschichte adoptiert und gepflegt worden ist. Die Aufgabe des Bereichs liegt in der Wiederentdeckung und Neuformatierung dieser Erinnerungsschichten.
Zu diesem „Europa von unten“ gehört auch seine Konstituierung durch Städte und soziale Gruppen mit hohem transnationalen Potential oder – in der Vergangenheit - durch Stände.
Nachgegangen wird dieser Fragestellung zur Zeit vor allem in dem durch die DFG und das polnische Wissenschaftsministerium geförderten „Pruzzenland-Projekt“. Die Mitarbeit in dem federführend von EUROCLIO auf den Weg gebrachten EU-Projekt „Historiana“ stärkt die Expertise auf diesem Feld in Hinsicht auf den Wissenstransfer.
Bruchlinien in und um Europa
Konzepte von Europa erhalten ihre Substanz dadurch, wo sie Europa zentrieren, in welche Zonen sie es einteilen und wo sie es enden lassen. Alle drei Parameter verweisen auf historischen Wandel. Die Frage, was in Europa als Zentrum oder Peripherie wahrgenommen wird, definiert sich auch über die jeweiligen Außenbeziehungen. Die Wanderung der Zentren und der Kraftfelder Europas in transnationaler historischer Perspektive zu verfolgen, ist ein lohnendes Unterfangen. Hinsichtlich der Fragmentierung Europas wird man in der Ost-West-Teilung eine starke Kontinuität erblicken können. Seit der Abspaltung Ost-Roms ist diese historiographisch virulent. Was zum Osten und was zum Westen gehört, wurde stets neu verhandelt. Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums hat in diese Verhandlungen Bewegung gebracht. Zu fragen wäre, warum dieser Ost-West-Gegensatz der Idee „Europa“ nie ihre Lebenskraft genommen hat. Forschungsrelevant sind auch die verschiedenen wechselseitigen Wahrnehmungen in Ost und West: Während Russland im Westen mittlerweile als selbstverständlicher Bestandteil Europas angesehen wird, betrachtet laut einer neuesten Umfrage fast die Hälfte aller Russen die EU als „Gefahr für Russland“. Im Falle der Türkei wären vermutlich ähnliche Ergebnisse zu erwarten, allerdings in der umgekehrten Richtung.
Dies führt zu der Frage der europäischen Außengrenzen zurück. Hier prallen – konkretisiert an der Türkei – Europakonzeptionen heftig aufeinander. Die gegensätzlichen Positionen bedienen sich bei ihrer Argumentation auch des Mediums Schulbuch - ein weiterführendes, vermutlich für noch viele Jahre aktuelles Forschungs- und Arbeitsfeld.
Ventiliert wird die letztere Frage aktuell vor allem im Zentralasien-Projekt des AB. Darin wird zudem das koloniale Thema aufgegriffen, in dem sich Europa sowohl als Ganzes als auch in Gestalt von unterschiedlichen Zentren vielfach spiegelt. Das Projekt „Europa als koloniale Erinnerungsgemeinschaft?“ und die Untersuchung zu Afrikabildern in Europa beleuchten dies systematisch.
Das Vorhaben zum kollektiven akustischen Gedächtnis, das sich der Grundlagenforschung verschreibt, findet gesamteuropäische und supranationale Ansatzpunkte, ist aber auch durch seine nationale Ausformung geprägt und fragt nach regionalen/lokalen Bezügen.
Arbeitsgruppe
Leitung
Robert Maier
Mitarbeit
Ewa Anklam
Dominika Borowicz
Ann Katrin Düben
Lucas Garske
Susanne Grindel
Hania Grzempa
Lars Müller
Susanne Nikonorow
Svetlana Recke
Dirk Sadowski
Steffen Sammler
Swantje Schendel
Kerstin Schwedes
Daniel Stange
Almut Stoletzki
Thomas Strobel
Marcin Wiatr
Stephanie Zloch
Anette Uphoff (Bibliothek)
Assoziierte Wissenschaftler
Andreas Helmedach



