Das ‚Pruzzenland’ als gebrochene Erinnerungsregion. Konstruktion und Repräsentation eines europäischen Geschichtsraums in Deutschland, Polen, Litauen und Russland seit 1900

Kinder vor dem Schulhaus in Plauten, Fot. unbekannt, um 1900, in: Fotograf przyjechał! Mieszkańcy dawnych Prus Wschodnich na fotografiach pochodzących ze zbioru Urzędu Konserwatora Zabytków w Królewcu / Der Fotograf ist da! Die Bewohner des ehemaligen Ostpreußens auf alten Aufnahmen des Denkmalamtes Königsberg, Warszawa 2005, S. 65.

Gegenstand

Ostpreußen – Warmia i Mazury (Ermland und Masuren) – Oblast‘ Kaliningrad (Gebiet Kaliningrad) – Mažoji Lietuva (Klein-Litauen): Bereits die unterschiedlichen Benennungen zeigen an, dass es sich um eine ungewöhnliche Region im nordöstlichen Europa handelt. Erstens existierte sie in mehreren historischen Perioden als Exklave und beeinflusst als solche heute auch das Verhältnis der Europäischen Union zu Russland. Zweitens verschoben sich in der Fol­ge des Zweiten Weltkriegs nicht nur die national­staatlichen Grenzen, vielmehr kam es auch zu einem nahezu vollständigen „Austausch“ der Bevölkerung. Dies zog drittens tiefgreifende Brüche in den Erinne­rungskulturen nach sich.

Obgleich derzeit erste Ansätze zu einer Über­windung von gängigen Feindbildern erkennbar sind, stehen sich die nationalen Deu­tun­gen der Region und ihrer Geschichte doch bis heute überwiegend konfrontativ gegenüber. Das Schulbuch ist ein Ort, an dem dies markant zum Ausdruck kommt, denn diesem frühen „Massenmedium“ spricht die Forschung für alle Nationalstaaten eine spezifische identitätsbildende Funktion zu.

Das Projekt nutzt Schulbücher als Quelle, um für die Zeit seit 1900 zu unter­suchen, wie eine europäische Region mit multiplen Zu­schrei­bungen und einer äußerst gebrochenen jüngeren Geschichte über unter­schied­liche erinnerungskulturelle Narrative konstruiert, national vereinnahmt und repräsen­tiert worden ist. Die international vergleichende Schulbuchanalyse ist ein erster Schritt, um die nationalstaatliche Fixierung von Schulbüchern aufzubrechen, denn die verschiedenen Sehweisen auf die Region sollen daraufhin untersucht werden, inwieweit sie grenzüberschreitende und integrative Elemente aufweisen. Dies ist umso notwendiger, als die Frage, wie der Geschichts­unterricht entnationa­lisiert werden und einen Zugang zu transnationalen Perspektiven schaffen kann, in ganz Europa leidenschaftlich diskutiert wird. Die wissenschaftliche Ana­lyse soll in einem zweiten Schritt in den Aufbau einer multilingualen Inter­net-Platt­form münden. Hier werden Quellen präsentiert, die Facetten der Geschichte dieser multikulturellen Region neu beleuchten und Impulse für eine dialogische Erarbeitung europäischer Geschichte im Unterricht geben können. 

Ziele

1) Erinnerungskulturen werden überwiegend national konstruiert und bislang auch in einem nationalstaatlichen Kontext analysiert. Am Beispiel einer multiethnisch geprägten, in der staatlichen Zuordnung wechselhaften und historisch daher besonders dynamischen Region untersucht das Projekt die Konstruktion von  Erinnerungskulturen und ihre Repräsentation im Schulbuch erstmals mit einem inter­na­tional angelegten und symmetrischen Vergleich über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg – bis hin zur Gegenwart.

2) Die Analyse historischer und aktueller Schulbücher bezieht den historischen und bildungspolitischen Kontext in den Untersuchungsländern Deutschland, Polen, Litauen und Russland bzw. Sowjetunion durchgängig ein. Dabei ist die häufig anzutref­fende Sichtweise, wonach im Westen Europas nationale Meistererzählungen kritisch reflektiert und sukzessive demontiert werden, während im Osten Wuropas eine Nationalisierung des kollek­tiven Ge­dächt­nisses vorherrscht, zu hinterfragen.

3) Das Projekt soll drei Produkte hervorbringen: An erster Stelle steht die Erar­bei­tung einer Monographie, die nicht nur für die Bildungsmedienforschung, sondern auch für die zeitgeschichtliche bildungshistorische Forschung weiterführende Erkenntnisse verspricht:  Aufbauend auf einer international vergleichenden Schulbuchanalyse geht es um die Erarbeitung von weiterführenden Konzepten, wie die Geschichte einer europäischen Region im Schulunterricht jenseits national determinierter Erinne­rungs­­kulturen vermittelt werden kann. Dies beispielhaft in die Praxis umzusetzen ist Ziel des zweiten Produkts: eine theoretisch reflektierte, multilinguale Auswahl von Unterrichtsmaterialien, die auf Edumeres, dem vom GEI entwickel­ten und in einem Erweiterungsmodul seit 2009 von der DFG geförderten Informations- und Kommunikationsportal zur internationalen Bildungs­medien­for­schung, vorgelegt werden. Abschließend wird drittens eine internationale wissenschaftliche Konferenz stattfinden, auf der die Projektergebnisse vorgestellt und Perspektiven für Geschichtsschreibung und Didaktik diskutiert werden.  

Methodik

Das Projekt verbindet in seinem Grundlagenteil eine qualitative, inhaltsorientierte Schulbuch­ana­lyse mit Forschungen zu Erinnerungskultur und Erinnerungspolitik und mit der Historiographie­geschichte zum „Pruzzenland“. Während bei der Auswahl der Quellen, der Schulbücher, angesichts der zahlreichen Brüche in der Geschichte der Region politische Zäsuren zu berücksichtigen waren, soll die inhaltliche Analyse verstärkt strukturgeschichtlichen Linien nachgehen und zur Bestimmung zentraler Topoi führen, die – ergänzt durch eine Einleitung, kurze Kommentare und relevante Quellen – für Unterrichtszwecke im Rah­men einer multilin­gu­alen Open Access Internet Edition aufbereitet werden. Damit ist im Sinne anwendungsorientierter Forschung (applied research) ein originärer Beitrag zur internationalen didaktischen Ent­wicklung verbunden, denn grenzüberschreitend angelegte und auf eine gemeinsame europäische Region bezogene Lernmaterialien stellen noch weitgehend ein Desiderat dar.

Projektleitung

Simone Lässig, Robert Maier

Laufzeit

September 2010 – August 2012

Kooperation

Projektpartner ist das Institut für Geschichte und Internationale Beziehungen an der Ermländisch-Masurischen Universität (Uniwersytet Warmińsko-Mazurski, UWM) in Olsztyn.

Finanzierung

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Polnisches Wissenschaftsministerium (Ministerstwo Nauki i Szkolnictwa Wyższego)

Veröffentlichungen

• Stephanie Zloch: Vergessen und neu entdeckt: Das ehemalige Ostpreußen als imaginierter Raum im Geschichtsunterricht. Eine vergleichende Analyse historischer Narrative und didaktischer Konzepte am Beispiel Deutschlands, Polens und Russlands, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 10, 2011, S. 22 - 42.

• Stephanie Zloch: Jüdische Geschichte im preußischen Osten, in: Eckert. Das Bulletin, H. 10, Winter 2011, S. 18 - 19.

Workshops

• "Das ,Pruzzenland' als gebrochene Erinnerungsregion. Konstruktion und Repräsentation eines europäischen Geschichtsraums in Deutschland, Polen, Litauen und Russland seit 1900", 1. Arbeitstreffen der Partnergruppen Braunschweig und Olsztyn, 2. bis 4. März 2011, Braunschweig 

• "Zwischen Nogat und Memel. Was erfahren Schüler in Deutschland, Russland, Polen und Litauen über diesen gemeinsamen historischen Begegnungsraum?", 28. bis 30. November 2007, Braunschweig (siehe Tagungsberichte in Eckert und auf H-Soz-u-Kult)

Vorträge

• Stephanie Zloch: Ostpreußen im Schulunterricht. Deutsche, polnische, russische und litauische Perspektiven, 13. 11. 2011 in Sankelmark (Seminar "Ostpreußen ohne Legende" der Academia Baltica im Akademiezentrum Sankelmark)

• Stephanie Zloch: Jüdische Geschichte in Ostpreußen als Thema im Schulunterricht, 3. 11. 2011 in Berlin (Internationale Konferenz ",Das war mal unsere Heimat...' Jüdische Geschichte im preußischen Osten" der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Zusammenarbeit mit der HU Berlin, dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Willy Brandt Zentrum der Universität Wrocław)

• Stephanie Zloch: Pruzzenland – ein Experimentierfeld für regionale und transnationale Geschichtsschreibung? Vorschläge zur Behandlung dieser europäischen Region im Schulunterricht jenseits nationaler Erinnerungskulturen, 18. 10. 2008 in Marburg (Tagung "Europäisierung von unten. Das ,Projekt Europa‘ in seiner Geschichte, Wahrnehmung und Wirkung im östlichen Europa (II)" des Herder-Instituts Marburg und des Johann Gottfried Herder-Forschungsrats)

Kontakt

Stephanie Zloch
Aussenstelle #2 Raum 1.02
Tel.: +49 (0)531 123103-284

[Wissenschaft]
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Letzte Änderung: 15.12.2011