Raumnutzungskonflikte in Deutschland und Polen - Bericht über die Sitzung der Sektion Geographie der XXXIII. Deutsch-polnischen Schulbuchkonferenz
Im Rahmen der XXXIII. deutsch-polnischen Schulbuchkonferenz in Łódź stellte die Sektion Geographie der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission am 4. und 5. Juni ihre Sektionssitzung unter das Thema „Raumnutzungskonflikte zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichen Interessen in Deutschland und Polen“. Dies ist ein Thema, das im Geographieunterricht beider Länder von Relevanz ist, wobei durchaus unterschiedliche gesellschaftliche Positionierungen vorgenommen werden.
Einführend ging Ekkehard Buchhofer (Kiel) in seinem Beitrag zum „Landschaftsverbrauch in Deutschland und Polen“ auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen ein, unter denen es hier zu Landnutzungskonflikten kommt: Der Flächenverbrauch ist in beiden Ländern durchaus unterschiedlich. Während in Deutschland 156 ha Agrarland pro Tag anderer Nutzung zugeführt werden, sind es in Polen nur 116 ha. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche nimmt in Deutschland um 154 ha pro Tag zu, in Polen nur um 29 ha. Zwar ist die Vergleichbarkeit der Statistiken problematisch, und auch die europäische Datenbank „CORINE Land Cover“, bei der Deutschland in Verzug ist, konnte bislang keine Abhilfe leisten. Polen ist aber mit seiner geringeren Bevölkerungs- und Siedlungsdichte und seinem höheren Anteil landwirtschaftlich genutzter Flächen wohl nicht dem gleichen „Druck“ auf die Ressource Boden ausgesetzt wie Deutschland, was unterschiedliche Positionen im Umweltmanagement begründen mag. Der Flächenverbrauch geht neben der Versiegelung eines Teils der Flächen mit Emissionen und Immissionen einher. Im Kontext von Emissionen führte Buchhofer die Kategorie „Hässlichkeit“ an, ein Bewertungs-Aspekt, der bei zahlreichen Landnutzungskonflikten zum Tragen kommt. Auch der Kategorie des „Flächenverbrauchs“ selbst besitzt eine negative Konnotation. Darauf, dass in anderen (kulturellen) Kontexten die gleichen Prozesse positiv als „Inwertsetzung“ beschrieben werden, wurde in der Diskussion hingewiesen.
Die unterschiedlichen Voraussetzungen in der Landnutzung und ihrer Bewertung mögen sich auch auswirken auf die unterschiedlichen Planungskonzeptionen in beiden Ländern, die Olaf Kühne (Saarbrücken) später herausarbeitete. Man mag Planung definieren als „Übertragung des vorsorgenden Vorausdenkens auf den Raum“, deren Aufgabe die Ordnung räumlicher Strukturen ist. In Abwendung von der zentralistischen Planungskonzeption des Deutschen Reiches verankerte die Bundesrepublik mit ihrem Städtebaugesetz (1960) und dem Raumordnungsgesetz (1965) Planungskompetenzen föderal auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene. Der Bund ist für den rechtlichen Rahmen zuständig, die Länder für die Landesplanung und die Gemeinden für Flächennutzungs-, Bebauungs- und Bauleitpläne, wobei infolge des „Gegenstromprinzips“ untere Instanzen nicht nur als Umsetzer der Anordnungen von Oben betrachtet werden dürfen. Seit den 1990er Jahren ist eine Deregulierung mit Privatisierung vieler Planungsaspekte zu verzeichnen. In Polen dagegen war nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs im Zuge forcierter Industrialisierung Raumordnung als „Erfüllungsgehilfe“ des Staates eingesetzt, der eine planmäßige Raumbewirtschaftung anstrebte. Erst 1986 wurden erste Elemente einer Öffentlichkeitsbeteiligung eingeführt. Nach dem Systemwechsel wurde zwar die kommunale Selbstverwaltung wiederhergestellt (1990) und in einer Verwaltungsreform die Zahl der Wojewodschaften verringert und Kreise wieder eingeführt (1999). Die Verhältnisse zwischen den Ebenen sind jedoch zentralistischer als in der Bundesrepublik. Beide Länder, Deutschland und Polen, sind heute demokratisch, in den EU-Rahmen (EUREK) und global eingebunden, und ihre Standorte stehen in internationalem Wettbewerb. Die sich hieraus ergebenden internationalen Kapitalverflechtungen stellen aufgrund der territorialen Fixiertheit der Politik für Planungsprozesse ein Problem dar, wobei die stärkere Zentralisierung in Polen einerseits durchaus als Vorteil zu werten ist. Andererseits scheint in Polen – vielleicht als Konsequenz der Erfahrungen unter dem Sozialismus – eine „Planungsphobie“ zu bestehen, und die personellen Kapazitäten sind beschränkt, eine Koordination ist nur schwach ausgeprägt. Dies scheint besonders problematisch vor dem Hintergrund einer nachholenden Suburbanisierung, dem forcierten Strukturwandel und dem veralteten Verkehrswesen, das derzeit mit Konzepten des vergangenen Jahrhunderts modernisiert wird (Bevorzugung des Individual- (Autobahnbau) vor dem öffentlichen Personen- und Güterverkehr). Für beide Länder, Deutschland wie Polen, mahnte der Referent neue Legitimationsquellen für die Planung an, die sich aus einer stärkeren Ausrichtung auf eine moderierende Funktion, einer Berücksichtigung (und Reflexion) von Machtinteressen und einer Berücksichtigung der Interessen der Mindermächtigen ergeben könnten – Aspekte, die bei Landnutzungskonflikten eine entscheidende Rolle spielen können.
Weitere Konferenzbeiträge befassten sich mit konkreten Vorhaben und Nutzungskonflikten. Arkadiusz Niewiadomski (Łódź) stellte als Fallstudien die Tagebaue Bełchalów und Machów vor. Der seit 1981 fördernde Braunkohletagebau Bełchalów, einer der größten Tagebaue Europas, erstreckt sich über mehr als 3200 ha bei einer Tiefe von 300 m. Eine Erweiterung über 2340 ha ist geplant, der Tagebau Szczerow. Mit der Braunkohle wird ein großes Kraftwerk betrieben. Da heute neueste Technologie eingesetzt wird, konnten die Emissionen seit den 1980er Jahren reduziert werden. Der stillgelegte Schwefeltagebau Machów in Südostpolen nimmt 800 ha ein und verfügt über ein Absatzbecken sowie einen schwefelverarbeitenden Betrieb mit entsprechender Verschmutzung von Luft und Oberflächenwasser, Grundwasserdegradierung und Bodenzerstörung. Bodenuntersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass die Böden nicht nachhaltig zerstört sind und Renaturierungsmaßnahmen erfolgreich durchgeführt werden können. Solche Rekultivierungsmaßnahmen des Tagebaus durch Wald, landwirtschaftliche Nutzung, Wasser- und Freizeitflächen mit entsprechender Infrastruktur sind in Fortgang begriffen. Der Referent schätzte das Konfliktpotential, das mit der Errichtung des Tagebaus wie mit der Renaturierung verbunden war, als relativ gering ein, da Entschädigungen, neue Wohnungen und Arbeitsplätze die Veränderungen für die betroffenen Anwohner wie für die Gemeinden attraktiv machten.
Andrzej Witkowski (Szczecin) ging auf verschiedene Flächennutzungskonflikte in der Euroregion Pomerania ein, die grenzüberschreitend zu Konfliktfällen gerieten: Windparks in West-Pommern, eine Umgehungsstraße westlich Szczecins, den Havel-Oder-Wasserweg, das Gas- und Ölterminal in Swinemünde, das Steinkohlekraftwerk in Lubmin sowie die Müllverbrennungsanlage in Schwedt. Die Diskussionen fanden vor allem auf deutscher Seite statt; in Polen war der Medienwiderhall weit geringer. Der Ausbau von Windparks in Polen beispielsweise trifft weitgehend bei der Bevölkerung auf Zustimmung, und auch die Kommunen profitieren von Steuereinnahmen. Es macht sich allerdings das Fehlen von Bewirtschaftungsplänen negativ bemerkbar. Der Ausbau des Havel-Oder-Wasserwegs ist nur als deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt durchzuführen. Während die deutschen Befürworter eine ganzjährige Schiffbarkeit ermöglichen wollen, befürchtet die polnische Seite die Zerstörung der idyllischen Flusslandschaft sowie eine Beeinträchtigung des Hochwasserschutzes. Im Fall des Kraftwerks im deutschen Lubmin, das früher als Standort eines Atomkraftwerks geplant war, werden auf polnischer Seite Umweltschäden durch die Emissionen befürchtet. Auf deutscher Seite stehen Hoffnungen auf die vom dänischen Investor versprochenen 150 Arbeitsplätze Befürchtungen gegenüber, dass Lubmin als Touristenort Schaden nehmen könnte. Zum größten grenzüberschreitenden Konfliktfall entwickelte sich jedoch die Müllverbrennungsanlage in Schwedt, deren Baugenehmigung trotz polnischer Bedenken und Lage am Nationalpark Unteres Odertal erteilt wurde.
Tadeusz Stryjakiewicz und Alexander Toelle (Poznań) thematisierten Probleme der regionalen und lokalen Zusammenarbeit im deutsch-polnischen Grenzgebiet, die sich auch im Falle von Umweltmanagement und bei der Beilegung von Flächennutzungskonflikten bemerkbar machen. Die Bedingungen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit haben sich im vergangenen Jahrzehnt geändert. Mit der Einführung von EU-Standards verbessert sich tendenziell der Umweltschutz, und in diesem Bereich gibt es durchaus grenzüberschreitende Initiativen wie auch institutionelle Zusammenarbeit, so die „Oder-Partnerschaft“ seit 2006. Die Industrie, die auch hier vor Umstrukturierungsproblemen steht, stellt bisher allerdings nur in wenigen Teilen des Grenzraums einen belastenden Umweltfaktor dar. Andererseits bremst der nur schleichende Ausbau der Verkehrsinfrastruktur weiterhin auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit; der wachsende, meist durch die Siedlungen fließende LKW-dominierte Verkehr belastet und gefährdet die Einwohner. Die Schrumpfungsprozesse der Bevölkerung stellen zudem eine Herausforderung für die Stadtentwicklung dar. Positiv stimmt, dass die Zustimmung zur europäischen Integration im deutsch-polnischen Grenzraum besonders hoch ist und sich auf polnischer Seite auch die Kenntnisse der Sprache des deutschen Nachbarn verbessern.
Am Beispiel von Frankfurt/Oder – Słubice wurden allerdings auch Probleme der Zusammenarbeit deutlich. Die Städte wachsen nicht zusammen, sondern orientierten sich nach dem Kriege beide mit ihren Zentren von der Oder weg. Seit 1990 gibt es zwar ein gemeinsames Stadtentwicklungsdokument, und 2003 wurde eine Strategie Frankfurt/Oder-Słubice entwickelt mit der Oder als zentralem, gemeinsamem, grünem Stadtraum. Dennoch führt jede Stadt ihre eigenen Projekte durch. Private Investitionen werden nicht eingebunden. Auch ein gemeinsamer grenzüberschreitender ÖPNV kam infolge der Lobbyarbeit von Taxiunternehmen und einer großteils ablehnend eingestellten Bevölkerung bislang nicht zustande. Auf individueller Ebene fehlen weitgehend die Kontakte. Handel und Dienstleistungen beginnen sich jedoch, auf Kunden der anderen Seite einzustellen. Und eine Initiative, „Słubfurt“, propagiert mit Aktionen die beiden Städte als gemeinsamen Kommunikationsraum, „Einkaufsraum“ und touristisches Ziel. Insgesamt ist weiterhin eine beträchtliche Diskrepanz zwischen den Einstellungen der Eliten und anderer lokaler Bevölkerungsgruppen zu beobachten. In dieser Umgebung findet auch eine grenzüberschreitende Diskussion von Raumnutzungskonflikten nicht statt.
Als Reverenz an den Konferenzort befassten sich Sebastian Kinder und Anja Erdmann (Tübingen) mit aktuellen Tendenzen der gewerblichen und urbanen Restrukturierung der Industrieregion Łódź. Als altindustrieller Raum hat die Region mit einem äußerst schlechten Image zu kämpfen. Hierzu tragen neben einem Rückgang industrieller Produktion – Textilproduktion wird nur noch von klein- und mittelständischen Unternehmen betrieben – und einem Rückgang der Einwohnerzahlen die hohe Arbeitslosigkeit, erhebliche bauliche Mängel aufgrund geringer Erhaltungsinvestitionen sowie ökologische Probleme bei. Ein Rückgriff auf alte Mythen („Dialog der vier Kulturen“) und eine eventuelle Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2016 sollen dieses Image verbessern. Die im Landesvergleich bedeutende Łódźer Sonderwirtschaftszone, die, auf verschiedene Standorte verteilt, auch über die Wojewodschaft hinausgreift, setzt auf eine Diversifizierung der Produktion, Schaffung neuer Arbeitsplätze, Know-How-Transfer und eine Stabilisierung des lokalen Humankapitals. Als Investitionsanreize dienen wahlweise eine Erstattung der Einkommenssteuer oder von Lohnkosten. Als Standortvorteile bietet die SWZ die - derzeitig aufgrund schlechter Verkehrsanbindung nicht voll nutzbare - zentrale Lage und die Kostengunst des Produktionsstandorts. Ausländisches Kapital wurde investiert v.a. im Großhandel, in Betrieben der Haushaltsgeräteproduktion, allgemeiner in lohnkostenintensiven Bereichen. Ein neues Entwicklungskonzept setzt auf verstärkte ausländische Direktinvestitionen als Großinvestitionen, Business Process Outsourcing, z.B. der Buchhaltung, Haushaltswaren, die Logistik- und IT-Branchen. Desgleichen wird angestrebt, auch die Bedingungen für die Entwicklung eines einheimischen Unternehmertums zu verbessern.

- Sanierung an der Piotrkowska Straße, Łódź
Der Transformationsprozess hat auch die Organisation des städtischen Raumes verändert. Es kam zur Segregation von Gewinnern und Verlierern der Transformation. In Łódź kam es aber kaum zur Aufwertung ganzer Stadtviertel, nur zur gelegentlichen, steuerlich geförderten Block- oder Fassadensanierung. Es entstanden verschiedene Gated Communities: Ausländische Investoren finanzierten den Umbau alten Fabrikgeländes. Trotzdem mangelt es an einer Umstrukturierung der zahlreichen Industriebrachen. Łódź steht im Schatten von Warschau. Sowohl die Stadt Łódź wie der suburbane Raum verlieren an Einwohnern, veränderte Familienstrukturen führen aber dennoch zu einer erhöhten Nachfrage nach Wohnraum. Im Wohnungsbau ist jedoch v.a. das Hochpreissegment präsent. Der Altstadtkern und Gründerzeitviertel verfallen weitgehend. Außerdem verkompliziert eine komplexe Eigentums- und Besitzstruktur, bei der sich oftmals Gebäude und Grundstück in verschiedenen Händen befindet, die Sanierung. Eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik und entsprechende rechtliche Instrumente sind nicht in Sicht. Der „freie Markt“ wird als Entwicklungsmotor betrachtet und selbst EU-Grundsätze werden nicht übernommen. So gibt es auf der einen Seite kaum Flächennutzungspläne mit Vorgaben für Bauherren, andererseits auf EU-Seite aber auch ein nur geringes Interesse an der polnischen Stadtentwicklung.

- Manufaktura, Łódź
Eine anschließende Exkursion führte die Konferenzteilnehmer in die „Manufaktura“, ein „Revitalisierungsprojekt“ auf dem Gelände eines ehemaligen Textilgrossbetriebs mit Shopping Mall, Entertainment, Restaurants, Hotel, Fabrikmuseum usw., das die Verlagerung von der Produktion zum Dienstleistungssektor im Zuge der Transformation von Industriebrachen auch an einem polnischen Beispiel deutlich werden lässt.
Am folgenden Tag warf schließlich Bodo Freund (Berlin) einen Blick auf einen – paradigmatischen – deutschen Flächennutzungskonflikt. Er untersuchte den „Ausbau des Flughafens Frankfurt a.M. im Spannungsfeld lokaler, regionaler und nationaler Interessen“. Der Flughafen ist seit 1936 als „Weltflughafen Rhein-Main“ im deutschen Luftverkehr von höchster Bedeutung. Negativ macht sich allerdings bemerkbar, dass es in Deutschland keine zentrale Flughafenplanung gibt und erst Ende Mai 2009 ein „Konzept“ der Bundesregierung beschlossen wurde, das v.a. wohl deklamatorischen Charakters ist. Landesregierungen sind als Genehmigungsbehörden und Hauptaktionäre v.a. an den Flughafen-Standorten ihrer eigenen Bundesländer interessiert. Außerdem sind Planungsverfahren in Deutschland extrem langwierig (München: 31 Jahre, Startbahn West 19 Jahre) und – laut Referent – nur als „rechtsverbissen“ zu charakterisieren. Die Bauarbeiten zur Startbahn West mussten z.T. unter Polizeischutz stattfinden; im Zuge des Ausbaus wurde ein Minister ermordet und zwei Polizisten wurden im Rahmen einer Demonstration erschossen. Nach diesem konfliktreichen Ausbau nahm die hessische Landesregierung einen restriktiven Kurs ein, ohne Reserveflächen für weitere Maßnahmen vorzusehen. Da die Kapazitätsgrenzen jedoch bereits 1996/97 wieder erreicht und Verbindungen nach München bzw. ins Ausland verlegt wurden, wurde 1998 doch eine Erweiterungsplanung mit einem Mediationsverfahren eingeleitet. Proteste kamen von den in den Einflugschneisen liegenden, der Lärmbelastung ausgesetzten Gemeinden, während die am Ausbau Interessierten nicht in den belasteten Gemeinden ansässig waren. Das Interesse an diesen Anhörungen, an denen diverse „Träger öffentlicher Belange“ incl. der Kirchen beteiligt waren, war allerdings gering, mit ständig wechselnden Teilnehmern. Maßnahmen, die Konflikte zu reduzieren, waren frühzeitige planerische Maßnahmen, die Festlegung der Flugschneisen mittels Isophonen, um die geringstmögliche Zahl Betroffener zu ermitteln, die Begrenzung der Flugzeiten durch ein Nachtflugverbot, die Erhebung von entsprechend der Lärmemission differenzierten Gebühren. Fraport kaufte zudem ein ganzes Gewerbegebiet und ein Chemiewerk auf. Auf den 2500 Seiten starken, mit 600 Karten angereicherten Planfeststellungsbeschluss hin reichten diverse Akteure Klage ein: die Lufthanse (gegen das Nachtflugverbot), Gemeinden und Privatpersonen. Nach einer vorläufigen Zurückweisung wurde mit dem Bau begonnen, obwohl das Verfahren in der Hauptsache noch aussteht. Die Situation ist auch dem Planungsrecht in Deutschland anzulasten. Schon 1955 sah ein Planungsvorschlag vor, durch ein Verbot die Bebauung in Flugschneisen restriktiv zu handhaben. Hierzu kam es aber nicht, und die Gemeinden entwickeln sich immer weiter auf den Flughafen hin. Individuen nutzen die billigen Grundstückspreise – und klagen anschließend gegen den Flughafen. Für die Mobilisierung im Konflikt mögen ein irrationale Verhältnis der Deutschen zum Wald und eine hedonistische, wohlstandsbedingte Hinwendung zu nichtkäuflichen Werten („Umwelt“) eine Rolle spielen, wie auch der Versuch, auf diese Weise höhere Entschädigungen zu erreichen.
Dass das Thema „Flächennutzungskonflikte“ von der Kommission aufgegriffen und zum Konferenzgegenstand gemacht wurde, ist in seiner Schulrelevanz begründet. Daher untersuchte abschließend Georg Stöber (Braunschweig), welchen Niederschlag Raumnutzungskonflikte in aktuellen deutschen Schulbüchern finden, eine Thematik, die - wie auch Konfliktthemen insgesamt - seit den 1970er-Jahren in den Unterricht Eingang fand. Landnutzungskonflikte werden z.T. angerissen, wenn es um Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt geht, heute meist im Rahmen der – „Eine-Welt“ orientierten – Nachhaltigkeitsdiskussion. Hier findet sich der Verweis auf Nutzungskonflikte in meist außereuropäischen Beispielen wie dem tropischen Regenwald, Aralsee usw. bei z.T. exotisierender Herangehensweise (Yanomami-Indianer als Beispiel für „Nachhaltigkeit“). Ein weiterer Rahmen ist der der Raumordnung, in dem die Problematik an unterschiedlichsten deutschen Fällen, meist aus dem Bundesland der Schulbuchzulassung, abgehandelt wird, aber auch im Kontext des Alpentourismus. Die Interessenlage der diversen Akteure, der – geregelte – Gang der Verfahren werden angesprochen und die Schüler z.T. in Pro-und-Kontra-Diskussionen eingeübt. Hierbei vermitteln die Bücher teilweise ein Gesellschaftsverständnis, das eher die (raum-)ordnende Funktion des Staates betont, teilweise aber auch eines, das am pluralistischen Aushandeln von Interessen ausgerichtet ist.
Auch die polnischen Bücher greifen die Thematik auf, z.T. bereits auf der Primarstufe. Allerdings konnte die polnische Situation auf der Sitzung nicht im Rahmen eines Referats näher analysiert werden. Dies soll jedoch nachgeholt werden, wenn die Beiträge im Rahmen einer Publikation der breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Georg Stöber



