Konkurrenz und Konvergenz: Europabilder in deutschen und französischen Schulbüchern von 1900 bis zur Gegenwart

Gegenstand

Das Projekt fragt allgemein nach Repräsentationen Europas in Schulbüchern des 20. Jahrhunderts und speziell nach den thematischen Bezügen, in denen der Europabegriff im Horizont von historischen und aktuellen Schulbuchdarstellungen verhandelt worden ist. Dazu werden Texte, Karten und Bilder aus französischen und deutschen Geschichts- und Geographiebüchern der vergangenen einhundert Jahre unter der Fragestellung untersucht, inwieweit Deutungen Europas direkt oder indirekt, das heißt vor allem in Abgrenzung von „Anderen“, „Fremden“ oder „Feinden“ Eingang in die Schulen gefunden haben. Im Zentrum steht die Frage, zu welchen Zeiten, in welcher Form und mit welchen Zielsetzungen spezifische Konstrukte und Deutungen von Europa, Europäizität und „dem Europäer“ in den jeweiligen nationalen Kontexten präsentiert wurden. Untersucht wird diese Frage anhand zweier Nachbarstaaten, die sich lange Zeit als „Erbfeinde“ gegenüberstanden, jedoch später als Motor des europäischen Einigungsprozesses agierten und inzwischen sogar ein gemeinsames Geschichtsbuch erarbeitet haben.

Karte von Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Aus: Aimond, Ch.-E.: Histoire. Le XVIIème et le XVIIIème siècle (1610-1789). Hrsg. von J. Guiraud. Paris, J. de Gigord 1937, S. 3

Ziele

1. Das Projekt zielt auf eine Identifizierung, Inventarisierung und vergleichende Analyse von Europabildern, also auf eine historisch-systematische Erfassung all der Ereignisse, Vorstellungen, Wertzuschreibungen und Erwartungen, die in Frankreich und Deutschland mit dem Konzept Europa assoziiert worden sind. Der Fokus richtet sich hier auf die Strategien zur Verbindung von nationalen und europäischen Identitätskonstrukten.

2. Die erhobenen Europabilder werden auf grenzüberschreitende Kommunikationsprozesse, Annäherungen, Konvergenzen oder Konflikte befragt, historisch-prozessual untersucht und systematisch verglichen. Die verschiedenen theoretischen Konzepte, die der Analyse zugrunde liegen, werden insofern in ein innovatives und originelles Forschungsdesign übersetzt, als das Medium Schulbuch von der bisherigen Forschung noch kaum als Quelle zur Rekonstruktion von Identitätsbildungsprozessen in transnationalen Räumen genutzt worden ist.

3. Bisherige Forschungen haben darauf verwiesen, dass die Kategorie Nation in den Lehrbüchern beider Länder zumindest bis 1945 zentral war und dass die Abgrenzung vom Nachbarn erheblich zum Prozess der Selbstfindung als französische vs. deutsche Staatsbürger beigetragen hat. Das Projekt untersucht nun, inwieweit diese nationalen Deutungen auch in der Auseinandersetzung mit und um „Europa“ entwickelt worden sind. Da der Rekurs auf signifikante europäische Werte zugleich Rückschlüsse auf die Selbstdarstellung der eigenen Nation zulässt, stellt sich die Frage, inwieweit „das Europäische“ aus der bilateralen Beziehungsgeschichte zum Nachbarland erklärbar ist, inwieweit Europa zur Legitimierung der jeweiligen nationalen Geschichtsschreibung „beschworen“ wird und inwieweit Europa als Werte-, Religions- und Erinnerungsgemeinschaft, soziale Praxis, Handlungs- und Wahrnehmungsraum, geographische Entität, sozialstaatlicher und sprachlicher Raum oder als politischer Code beschrieben wird.

4. Auf der Basis der Schulbuchanalysen wird eine aussagefähige und für die Forschung verschiedener Disziplinen nutzbare Quellensammlung generiert. Dokumente, Abbildungen und Karten, die für die Fragestellungen dieses Projektes zentral sind, werden eingeleitet, kommentiert und in die jeweils andere Sprache bzw. ins Englische übersetzt. Die so entstehende Quellensammlung ist Teil einer am GEI gegenwärtig entwickelten Europa-Plattform, die der Öffentlichkeit über das Informations- und Kommunikationsportal Internationale Bildungsmedienforschung (Edumeres) zugänglich gemacht wird.

Methode

Die Daten werden durch die Analyse von Geographie- und Geschichtsbüchern für die schulische Oberstufe (Gymnasium, lycée) gewonnen. Um neben synchronen auch diachrone Vergleiche anstellen zu können, wurde bewusst ein breiter Untersuchungszeitraum gewählt. In sieben historischen Querschnitten, die sich an zentralen Wendepunkten der Geschichte des 20. Jahrhunderts orientieren, wird der Wandel von Europabildern rekonstruiert. Das Projekt geht insofern über den klassischen Schulbuchvergleich hinaus, als es auch Methoden der historischen Bildanalyse nutzt. Nach jeweils getrennt vorgenommenen nationalen Studien wird eine gemeinsame vergleichende Abschlussstudie avisiert. Die Frage nach der adäquaten Methodologie transnationaler Geschichtsschreibung im Sinne einer Überwindung des methodischen Nationalismus stellt sich dabei in besonderer Weise.

Stand des Projektes

Welche Europadarstellungen schlagen sich im Schulbuch zu welcher Zeit nieder? Welche ähnlichen oder unterschiedlichen Formen der Beweisführung, der Darstellung und der Plausibilisierung der Europabezüge werden von den französischen und deutschen Schulbuchautoren und warum verwendet? Diesen Fragen ging das deutsch-französische Team zuletzt während der Abschlusskonferenz in der Niedersächsischen Landesvertretung in Brüssel, die am 2. März stattfand, nach. Die Projektbearbeiterinnen stellten Ergebnisse ihrer Länderstudien zu Frankreich und Deutschland vor. Sie stimmten in ihren Schlussfolgerungen darin überein, dass Europa eine jahrhundertelange Selbst- und Fremdzuschreibung ist. Suchen wir im Schulbuch nach Repräsentationen Europas, so suchen wir gleichzeitig nach regionalen, sozialen und epochalen Grenzen dieser Konstruktion.

Der deutsch-französische Vergleich führte für die Nachkriegszeit zum folgenden Ergebnis: Nationale Bezüge in deutschen Schulbüchern nach 1945 werden mit europäischen überschrieben, denn die glaubwürdige Legitimation des neuen demokratischen Deutschland kann nur im europäischen Kontext erfolgen. Diese neue Konstruktion eines Allemagne européenne konkurriert zu dieser Zeit mit der Europe française, die sich im französischen Schulbuch bereits in der Vorkriegszeit manifestiert. Die Universalisierung der französischen Werte wird von den Schulbuchautoren seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommen. Die Europakonstruktionen in historischen sowie aktuellen Geschichtsbüchern sind sowohl in Frankreich als auch in Deutschland im Wesentlichen durch das christliche und das imperiale bzw. koloniale Erbe bestimmt.

'Die wilden Völkerstämme werden oben in die Maschine geworfen und erscheinen nach zwei Minuten vollständig civilisiert als gebildete Europäer!' Aus: Kladderadatsch (1851), [Abb. unvollständig], in: Bernlochner, L. (Hrsg.), Geschichte und Geschehen, Bd. 2, Stuttgart: Klett 1997

Präsentationen

  • Im Rahmen des ersten Arbeitstreffens der von der ANR und der DFG geförderten Projekte, Arc-et-Senans, 12.-15. Mai 2009
  • Im Rahmen des  Kolloquiums "Manuels en Méditerranée": "L'Europe et la Méditerranée dans les manuels d'histoire français et allemands", Université Paul-Valéry/Montpellier III, Montpellier, 12.-14. November 2009
  • Im Rahmen der Konferenz « Les représentations de l’Européen dans les manuels français et allemands : Les Européens dans le monde du XIXème siècle », Maison des Sciences de l’Homme, Montpellier, 10. Juni 2010
  • Im Rahmen der Konferenz „Der Aufbau des Geschichtsraums Europa. Europäische Einigung im Schulbuch“, Maison de l’Europe, Montpellier, 13. Oktober 2010
  • Im Rahmen der Konferenz „Jeux de miroir. Europa im Spiegel von Bildungsmedien“, Niedersächsische Landesvertretung, Brüssel, 2. März 2011

Veröffentlichungen

  • Ewa Anklam und Susanne Grindel, Europa im Bild – Bilder von Europa: Europarepräsentationen in deutschen, französischen und polnischen Geschichtsschulbüchern in historischer Perspektive, in: Carsten Heinze und Eva Matthes (Hg.), Das Bild im Schulbuch (Beiträge zur historischen und systematischen Schulbuchforschung), Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2010, S. 93-108.
  • Ewa Anklam und Maguelone Nouvel, L'Europe et la Méditerranée dans les manuels scolaires français et allemands, in : Michèle Verdelhan (Hg.), Echanges humains et culturels en Méditerranée, Actes du colloque de Montpellier, 12.-14. November 2009  [im Druck].

 

Projektleitung
Simone Lässig, Eckhardt Fuchs, Christian Amalvi

Projektmitarbeiter/innen
Ewa Anklam, Maguelone Nouvel, Steffen Sammler

Kooperation
Université Paul-Valéry/Montpellier III (C. Amalvi), CEDRHE/Montpellier II (B. Morand)

Projektlaufzeit
März 2008-Mai 2011

Projektförderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Agence Nationale de la Recherche (ANR)

Kontakt

 Ewa Anklam
 Aussenstelle #2 Raum 1.03
 Tel.: +49 (0)531 123103-234 
 

 [Wissenschaft]
 Email: senden 
 

 Eckhardt Fuchs
 Haupthaus E 2.08 
 Tel.: +49 (0)531 590 99 50 

 [Stellvertretender Direktor/Wissenschaft]
 Email: senden 

 
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Letzte Änderung: 02.01.2012