Institutionalisierung von kulturellen Deutungsmustern des Sozialismus
Geschichtslehrer als Schnittstelle zwischen kollektivem und individuellem Gedächtnis in Georgien, Kyrgyzstan und Litauen
Ein Kernprojekt von Barbara Christophe zur Institutionalisierung von kulturellen Deutungsmustern des Sozialismus in Georgien, Kyrgyzstan und Litauen fragt nach der Rezeption und der Wirksamkeit der in postsowjetischen Schulbüchern transportierten Deutungsmuster des Sozialismus, der seit 1989 zum erinnerungspolitischen „Kampfplatz“ geworden ist und über den noch kaum hegemoniefähige Narrative existieren. Methodisch zielt es auf einen Vergleich zwischen Schulbuchnarrativen und biographischen Erinnerungsnarrativen von Geschichtslehrern, die als Schnittstelle zwischen kulturellem und individuellem Gedächtnis verstanden werden. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Geschichtslehrer als Repräsentanten einer staatlichen Basiselite agieren, die in Schulbüchern kanonisierte Deutungsmuster und Erinnerungsnarrative nicht nur vermitteln, sondern vor dem Hintergrund ihrer eigenen und spezifischen biographischen Erfahrung in die schulische Praxis übersetzen, reinterpretieren und verändern.
Seit 1989 ist der Sozialismus nicht nur in Osteuropa zu einem Kampfplatz um Erinnerung geworden. Auch sein Ort und seine Codierung in globalen Gedächtnissen werden kontrovers debattiert. Das Projekt untersucht Verhandlungen über den Sozialismus in drei post-sowjetischen Gesellschaften, die sich durch eine spannende Kombination von Konvergenzen und Divergenzen auszeichnen. Methodisch setzt es dabei auf einen Vergleich zwischen Schulbuchnarrativen und biographischen Erinnerungsnarrativen von Geschichtslehrern.
Fragestellung
- Erstens analysiert das Projekt in systematisch vergleichender Perspektive die Repräsentationen des Sozialismus in georgischen, kyrgyzischen und litauischen Schulbüchern. Dabei fragt es immer auch nach Spuren der auf transnationaler Ebene geführten Debatten über den Ort des Sozialismus im globalen Gedächtnis.
- Zweitens untersucht es den Grad der Institutionalisierung und die Wirksamkeit der über Schulbücher transportierten Deutungsmuster des Sozialismus. Empirisch nähert es sich dieser Frage durch die Erhebung von lebensgeschichtlichen Interviews mit Geschichtslehrern, die vor der Kontrastfolie der in Schulbüchern transportierten Geschichtsbilder analysiert werden. Geschichtslehrer werden dabei in ihrer doppelten Funktion als Spezialisten ihrer eigenen Biographie und als Vermittler staatlich sanktionierter Vergangenheitsbilder adressiert. In der Auswertung werden zwei Fragen an die Erinnerungsnarrative herangetragen: (a) In einem ersten Schritt soll untersucht werden, inwieweit die Lehrer bei der Rahmung ihrer biographischen Erinnerung auf kollektive Deutungsmuster zurückgreifen, die in offiziellen Geschichtsbildern und in den schulischen Bildungsmedien aufgehoben sind. (b) In einem zweiten Schritt soll umgekehrt analysiert werden, welchen Einfluss die biographischen Erfahrungen der Lehrer darauf haben, wie sie die offiziellen Bilder von der sowjetischen Vergangenheit in ihrer täglichen Unterrichtspraxis übersetzen. Chronologisch wird sich das Projekt auf die Erinnerungen an die Breschnev-Zeit konzentrieren, die einer ganzen Reihe von Indizien zufolge im kulturellen Wissensgedächtnis und im biographischen Erfahrungsgedächtnis sehr gegensätzlich erinnert wird.
Einordnung in den Forschungsstand
Bislang liegen noch kaum systematische Forschungen zur Wirksamkeit und Rezeption von Schulbuchnarrativen vor. Auch die Repräsentation des Sozialismus in Schulbüchern ist bislang noch kaum systematisch, und schon gar nicht vergleichend erforscht worden. Anknüpfen kann das Projekt aber an eine Reihe von Forschungen zum Zusammenspiel zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis. Es tut dies, indem es Schulbücher als Quelle zur Rekonstruktion des kollektiven Gedächtnisses nutzt und die Erinnerungsnarrative von Geschichtslehrern aus der Perspektive der Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen kollektivem und individuellem Gedächtnis liest.
Theoretische Kontexte:
- Erinnerungskultur: Welche Wechselwirkungen lassen sich in den drei post-sowjetischen Gesellschaften zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis beobachten?
- Globalisierungsforschung: Wie werden in globalen Relevanzräumen zirkulierende Muster zur Deutung des Sozialismus in den drei lokalen Kontexten aufgegriffen bzw. modifiziert?
- Transformationsforschung: Wie effizient sind die drei post-sozialistischen Staaten in der Prägung der Erinnerung an den Sozialismus?
Zielsetzung
- Erstens entwickelt das Projekt einen innovativen Ansatz zur empirischen Untersuchung der Vermittlungsfunktion von Lehrern bei der Übersetzung von Schulbuchwissen in schulische Praxis.
- Zweitens schließt es eine Lücke in der vergleichenden Forschung zu Repräsentationen von Sozialismus in Schulbüchern.
- Drittens leistet es durch den systematischen Vergleich der Wechselverhältnisse zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis in drei postdiktatorischen Gesellschaften einen innovativen Beitrag zu aktuellen Forschungen über Erinnerungskulturen.
Ergebnisse
Schulbücher: Ambivalenz stellt als Ressource zum Management von erinnerungskulturellen Konflikten um den Sozialismus dar.
- Wechselwirkung zwischen Schulbuch-Narrativen und biographischen Erinnerungsnarrativen: Die Geschichtslehrer greifen bei der Rahmung ihrer Erinnerungen auf die offiziellen Deutungsmuster zurück, wobei sie sie eigene Akzente setzen und Optionen kreativer Aneignung nutzen.
Methodik
Oral history Interviews; Inhaltsanalyse von Schulbüchern
Produkte 2008: zwei Vorträge auf internationalen Konferenzen zu Global Memory und Remembering Communism; Aufsatzmanuskript für eine referierte Zeitschrift
Kooperation: AUCA Bischkek/Kyrgyzstan (M.Ablezova); Staatliche Universität Tbilis/Georgien (P.Buchrashvili/I.Tschavtschawadze); Litauisches Institut für Geschichte Vilnius/Litauen (S.Grybauskas/A.Nikzentaitis); Institut für „Middle East, Central Asian and Caucasus Studies“, St. Andrews/Großbritannien (S.Cummings)
Laufzeit: Oktober 2008 – Oktober 2011
Finanzierung: VW-Stiftung
Workshops:
- Methoden der Interviewführung (Vilnius/Litauen, 19.-20.02.09)
- Diskursanalyse - Theorie und Methode (Vilnius/Litauen, 19.-20.06.09)
- Methoden der Interviewauswertung (Vilnius/Litauen, 20.-22.08.09)
Vorträge:
- Barbara Christophe: Die Institutionalisierung von kulturellen Deutungsmustern des Sozialismus. Geschichtslehrer als Schnittstelle zwischen kollektivem und individuellem Gedächtnis in Georgien, Kirgistan und Litauen
- Barbara Christophe: Repräsentation des Sozialismus in dem Litauischen Schulbuch „Laikas“
- Barbara Christophe: Einführung in Theorie und Methode des narrativen Interviews
- Barbara Christophe: Methodische und theoretische Überlegungen zur Auswertung von biographisch-narrativen Interviews mit Geschichtslehrern in post-sowjetischen Gesellschaften
- Barbara Christophe: „Ich bin ein Mensch ohne Heimat“ – die Lebensgeschichte von Liudmila Georgievna
- Barbara Christophe: „Im Kampf ist alles einfach, aber das Leben ist kompliziert“ – die Lebensgeschichte von Gediminas Mickonis
- Barbara Christophe: Remembering communism and making sense of post-communism. Discursive strategies in Lithuanian textbooks
- Felicitas Macgilchrist: Diskursanalyse - Theorie und Methode
- Maya Razmadze: Repräsentationen des Sozialismus in georgischen Schulbüchern
- Maya Razmadze: Chatunas doppelte Welt: Sozialismus als verlorenes Paradies der Kindheit und als Inbegriff des Bösen
- Maya Razmadze: "The Soviet Past between the formal History and individual Lives Stories"
- Maya Razmadze: Der Sozialismus zwischen der offiziellen Geschichte und individuellen Lebensläufen in Georgien
- Damira Umetbaeva: Repräsentationen des Sozialismus in kirgisischen Schulbüchern
Kontakt
Barbara Christophe
Aussenstelle #1 Raum 2.10
Tel.: +49 (0)531 123103-221
[Wissenschaft - Leiterin AB Globalisierung]
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