Bildungsmedien: Produktion, Praxis, Politik
Eine Studie zur Entwicklung, Übersetzung und Nutzung von Curricula
Im Zentrum dieses Forschungsprojekts steht die Rolle der Globalisierungsprozesse in der heutigen Gesellschaft. Es wird untersucht, wie diese Prozesse an den Schulen sowohl inhaltlich als auch in der Unterrichtspraxis behandelt werden. Da Schulbücher und andere Bildungsmedien die Schulpraxis nach wie vor entscheidend prägen, eignen sie sich in besonderem Maße, beide Ebenen zu erforschen. Diese auf die (gesellschaftlich-kulturelle, ethnische, mediale) Vielfalt der Globalisierungsprozesse ausgerichtete ethnographische Diskursanalyse gliedert sich in drei Phasen.
Projektablauf
- Die erste Phase beinhaltet die wissenschaftliche Begleitung der kommerziellen Produktion von Bildungsmedien (d.h. Schulbücher mit Zusatzmaterial: DVDs, CD-ROMs, Internet-Materialien, etc.), von der Planung und Entwicklung bis zum Endprodukt.
- Die zweite Phase umfasst die inhaltliche, semiotische und sprachwissenschaftliche Analyse der ausgesuchten Medien in ihrer endgültigen, publizierten Form. Diese Analyse beruht auf den aus Phase 1 gewonnenen Erkenntnissen, sowie auf mit Autor/innen, Herausgeber/innen und Redakteur/innen geführten Interviews.
- Die dritte Phase widmet sich der Nutzung dieser Bildungsmedien an einigen, ausgesuchten Schulen anhand von (1) ethnographischen videogestützten Beobachtungen der Interaktion zwischen diesen Medien und den Lehrer/innen und Schüler/innen, d.h. inwiefern diese die angebotenen Konzepte, Methoden, Inhalte, etc. übernehmen, sowie (2) Interviews mit beiden Zielgruppen, die ihren Bezug zu den Materialien beleuchten sollen.
Die Kernfragen der Studie sind: In welchem Maße und welcher Weise wirken sich Globalisierung und Diversifikationsprozesse auf die Schulbuchproduktion aus? Und auch umgekehrt: Inwiefern und wie beeinflussen Schulbücher diese Prozesse? Innerhalb dieses Rahmens liegt der besondere Fokus auf Konflikte über das, was als „offizielles“ Wissen und „offizielle“ kollektive Erinnerungen in partikularen lokalen Kontexten gelten darf.
Einordnung in den Forschungsstand
Schulbücher und andere Bildungsmedien werden häufig als Träger von offiziellem Wissen und offiziellen Erinnerungskulturen gesehen. Die Schulbuchforschung hat allerdings bislang Medieninhalten den Vorrang gegeben mit wenigen Arbeiten zu den Praktiken der Produktion oder Benutzung dieser Medien Studien, die auf die alltäglichen Interaktionen in den Schulen eingehen (das „gelebte Curriculum“), räumen Unterrichtsmedien nur eine marginale Rolle ein. Zudem beschäftigen sich nur wenige Studien mit den Meinungen und Reaktionen von Schülerinnen und Schülern. Die Forschung zur Produktion von Bildungsmedien (das „programmatische Curriculum“) legt bisher den Schwerpunkt auf Aspekte der politischen Ökonomie, oder beruht auf Interviews. Wenig Forschung zu kollektiven Erinnerungen untersucht wie diese Erinnerungen in spezifischen Kontexten etabliert und unterminiert werden. Das vorliegende Projekt knüpft daher an aktuelle Forschungsstudien an, indem es ethnographische und diskurstheoretische Ansätze kombiniert. Es hat zum Ziel, eine Langzeitstudie durchzuführen, die Schulbücher und andere Medien von ihrer Entwicklung, über ihre Produktion und ihren Vertrieb, bis zu ihrer Nutzung im Schulunterricht begleitet.
Zielsetzung
- Zum ersten schließt das Projekt eine Lücke in der Forschungsliteratur über Bildung und Globalisierung, indem es Globalisierung nicht ausschließlich als ein Phänomen auffasst, das zu besonderen Bildungsspraktiken führt, sondern das auch aus solchen entsteht.
- Zum zweiten erweitert das Projekt die Inhalts- und Diskursanalyse durch eine umfassende Definition des Diskurskonzepts. Dieser Ansatz erlaubt die effektive Anwendung von ethnographischen Methoden, um sprachliche/semiotische Inhalte, aber auch andere Praktiken zu untersuchen.
- Drittens trägt das Projekt daher zur Bewusstwerdung bei, wie Unterrichtsmedien innerhalb des komplexen Beziehungsgeflechtes (andere Medien, Bezugsgruppen, Familie, soziale Netzwerke, ökonomische Kontexte, lokale Gemeinschaften, etc.) operieren, im Rahmen dessen junge Leute in heutigen heterogenen Gesellschaften mit Wissensformen und Erinnerungskulturen interagieren.
Methodik
Die ethnographische Diskursanalyse bildet den Hauptansatz dieser Studie. Sie umfasst teilnehmende Beobachtung, qualitative, diskursbasierte Interviews, die Analyse von Schulbüchern und anderen Bildungsmedien, nationalen und regionalen Curricula, und Integrations- und Bildungspolitik.
Kooperation
Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie der Kulturwissenschaftlichen Fakultät an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder (Werner Schiffauer)
NewsTalk&Text, Universität Gent (Geert Jacobs, Ellen Van Praet, Tom Van Hout)
Laufzeit: Januar 2009 – Dezember 2011
Veröffentlichungen
Translating Globalization Theories into Educational Research: Thoughts on Recent Shifts in Holocaust Education. Discourse: Studies in the Cultural Politics of Education 32(1) (2011): 145-58. (Mit Barbara Christophe).
Kontakt:
Felicitas Macgilchrist
Aussenstelle #1 Raum 2.10
Tel.: +49 (0)531 123 103 -225
[Wissenschaft]
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