Dekolonisierung und Erinnerungspolitik.Schulbücher im Kontext gesellschaftlicher Konflikte in Frankreich (1962-2009)

In Frankreich werden gegenwärtig in unterschiedlichen Konstellationen gesellschaftliche Konflikte ausgetragen, die sich als postkoloniale Konflikte in der Einwanderungsgesellschaft beschreiben lassen. Wesentlicher Bestandteil dieser Konflikte sind Auseinandersetzungen darüber, in welcher Art und Weise in unterschiedlichen Medien, die der nationalen Selbstbeschreibung dienen, wie u.a. auch Schulbücher, welche und wessen Geschichte erinnert, vermittelt und überliefert wird. Insofern spielt bei diesen Konflikten auch Erinnerungspolitik eine Rolle; Schulbücher sind dabei sowohl Gegenstand als auch Medien dieser Erinnerungspolitik.
Die Debatten um die „lois mémorielles“ (Erinnerungsgesetze) zur positiven Darstellung des Kolonialismus und um die Bewegung der „Indigènes de la République“, die sich strategisch als Nachfahren der ehemaligen Kolonisierten identifizieren, sind exemplarisch für die Konflikte postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich. Im Zentrum stehen dabei postkoloniale Deutungs- und Identifikationskonflikte in unmittelbarem Bezug zur Geschichte des Kolonialismus, der Dekolonisierung sowie zur Geschichte und Gegenwart der postkolonialen Immigration in Frankreich. Allerdings ist diese Dimension postkolonialer Erinnerungspolitik, die sich von der vorherrschenden Erinnerungskultur um die Geschichte des Zweiten Weltkriegs unterscheidet und mit ihr konkurriert, erst in jüngster Zeit im Kontext der angesprochenen gesellschaftlichen Konflikte in Frankreich in das Blickfeld der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung im allgemeinen und der Schulbuchforschung im besonderen gerückt. Hieran knüpft das Projekt unmittelbar an.
Es will diskursanalytisch den Zusammenhang zwischen postkolonialer Erinnerungspolitik und aktuellen gesellschaftlichen Konflikten (z.B. um nationale Identität, kulturelle Differenz und Immigration) in Frankreich erschließen. Dazu werden die Darstellungen des Kolonialismus, der Dekolonisierung sowie der postkolonialen Immigration in den Schulbüchern für Geschichte und éducation civique (Staatsbürgerkunde) der Sekundarstufe 2 zwischen 1962 und 2009 sowie die historischen und aktuellen Debatten um diese Darstellungen analysiert. Auf diese Weise sollen der Status und die Rolle der Schulbücher in der konfliktträchtigen condition postcoloniale bestimmt werden. Insbesondere wird eine Antwort auf die Frage angestrebt, inwiefern sich in diesem Zusammenhang postkoloniale Krisen der Repräsentation (der Nation) auch und gerade in Schulbüchern äußern. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zu der Frage, welchen Status Schulbücher im Diskurs postkolonialer Erinnerungspolitik erlangen, d.h. vor allem wie sie zugleich deren Medium und Gegenstand bilden.

Laufzeit       

01.08.10 – 31.07.12


Finanzierung   

Das Projekt wird von der DFG gefördert.

Veröffentlichungen

Marcus Otto: Vortrag: „La condition postcoloniale? Das Unvernehmen postkolonialer Erinnerungspolitik in Frankreich“ - XXVI. Jahrestagung des Deutsch-Französischen Instituts (Ludwigsburg) "Frankreichs gegenwärtige Geschichte – Nationale Dimension, universeller Anspruch“, 24. – 26.6.2010 in Ludwigsburg.

Kontakt:

Marcus Otto
Haupthaus  Raum 2.11
Tel.: +49 (0)531 123103-217

[Wissenschaft]
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Letzte Änderung: 09.02.2011