Lehrplan der Versöhnung? - Neuer Geschichtsunterricht in Südafrika

Hintergrund

Seit dem Ende der Apartheid hat die südafrikanische Gesellschaft einen umfassenden Reformprozess begonnen. Ziel war und ist die Bildung einer demokratischen, multi-kulturellen Gesellschaft. Diese Reformen haben fast jeden Bereich des Alltags immens beeinflusst. Die erste Post-Apartheid-Regierung versuchte, die ungerechten sozialen Handlungsformen der Vergangenheit zu ändern und erkannte das Erziehungssystem hierbei als Schlüsselfeld des Reformprozesses.

In den 1990er Jahren herrschte eine gewisse Unsicherheit, in welche Richtung sich das Land entwickeln würde und ob die „verhandelte Revolution“ langfristig funktionieren kann. Umfassende akademische und öffentliche Diskurse fanden statt – in Zeitungen, auf den Straßen und in Hörsälen. Die alles überragende Frage war, wie Südafrika mit seiner eigenen Vergangenheit umgehen kann, ob das Geschehene und das Grausame offen benannt oder ein historischer „Schnitt“ gemacht werden solle, welcher einen Neubeginn im Verhältnis der ethnischen Gruppen erlaubt.

Auch das Georg-Eckert-Institut nahm an diesen Debatten teil, indem es Konferenzen zu Fragen der Gestaltung neuer Schulbücher organisierte. In die Zeit der frühen 1990er Jahre fiel auch die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Ihr Zweck, welcher durch ein Bundesgesetz geregelt wurde, war die Veröffentlichung von begangenem Übel, die Konfrontation der Täter mit den Opfern der Apartheidjahre und die Benennung von Motiven und Taten der Vergangenheit. Die Kommission erarbeitete viel beachtete Vorschläge für die Verfassungsentwicklung, welche auf die Re-Organisation des Bildungswesens einen großen Einfluss ausübte.

Schließlich wurde 1998 ein neuer allgemeiner Lehrplan mit dem Namen „Curriculum 2005“ vorgestellt, der einen bedeutenden Einschnitt in die südafrikanische Schulkultur bedeutete. Da südafrikanische Bildungsplaner nicht nur einen klaren Neubeginn des allzu politisch-ideologisch beeinflussten Bildungswesen wünschten, sondern auch die Notwendigkeit anwendbaren Wissens und lebensweltlich orientierter Lerninhalte statt statischem Faktenwissens forderten, änderte sich die zugedachte Rolle des Geschichtsunterrichts massiv. Geschichte wurde zunehmend als rückgewandt und wenig hilfreich im Nation-Building-Prozess Südafrikas angesehen – schien sie doch stetig Salz in die nur langsam heilenden Wunden der Gesellschaft zu streuen. Das neue Zauberwort wurde „Kompetenzen“, eine pädagogische Kategorie, die messbares und nachvollziehbares praktisches Wissen im Sinne einer besseren Anwendbarkeit für die wirtschaftlich ambitionierten Ziele der südafrikanischen Politik versprach – und dem recht abstrakten geschichtlichen Wissen diametral entgegen zu stehen schien.

Das Projekt

Vor diesem Hintergrund beabsichtigt das Projekt den Umgang mit der Vergangenheit im Bildungswesen aufzuarbeiten. Die Studie ist in zwei Forschungsschritte unterteilt. In einem ersten Schritt werden die drei genannten Diskurssphären, welche zum südafrikanischen Curriculum beitrugen, kontextualisiert. Welche Debatten, Widersprüchlichkeiten und Argumentationslinien haben den Geschichtslehrplan beeinflusst? Welche Formen politischer Macht wohnen dem Lehrplan inne? Kann das Curriculum als Ausdruck der post-kolonialen Emanzipation des Landes von seiner dunklen Apartheid-Vergangenheit gelten?

Der zweite Schritt der Studie beinhaltet eine umfassende ethnographische Untersuchung der gängigen Praktiken des Geschichtsunterrichts zur jüngeren südafrikanischen (Apartheid-) Geschichte. Dieser Teil der Forschung wird sich auf den Umgang der Jugendlichen in ihrer Peer-Group, den nicht-formellen Informationsaustausch und mögliche Konfliktfelder bzgl. jüngerer südafrikanischer Geschichte beziehen. Qualitative Mikrostudien wurden im Feld der geschichtsdidaktischen Forschung bislang eher wenig eingesetzt, Studien zum südafrikanischen Lehrplan fanden eher im Rahmen von Policy-Analysen statt. Deswegen gibt es allgemein wenig Wissen, wie die Unterrichtssituation „funktioniert“ und wie Schüler in Südafrika auf die eigene Geschichte reagieren – vor allem, wenn diese potenziell „gefährliche“ Inhalte einschließt. Die Studie möchte zudem nach Antwort auf die Frage suchen, welches Geschichtsverständnis junge Südafrikaner haben und inwiefern dieses das Potenzial hat, eine ethnisch heterogene Gesellschaft zu teilen oder zu vereinen.

Die Untersuchung soll vor allem durch teilnehmende Beobachtungen erfolgen. So können die inneren Logiken des Feldes „Klassenzimmer“, die Motive der Akteure und Erklärungen für mögliche Konflikte oder Diskurse über das geschichtliche Erbe des Landes näher bestimmt werden.

Finanzierung

Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

Dauer

10/2009-09/2011

Kontakt:

Henning Hues
Haupthaus E 2.04
Tel.: +49 (0)531 59099-46

[Wissenschaft/Stipendiat]
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Letzte Änderung: 23.02.2011