His/Ge Teil 5

Histoire / Geschichte 2

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KRIEG, KULTUR UND EUROPÄISCHE GESELLSCHAFTEN

Der Erste Weltkrieg – zu Teil 5

Nicolas BEAUPRÉ

Der Erste Weltkrieg umfasst die Seiten 186 bis 231 des Deutsch-Französischen Schulgeschichtsbuches[1], also 45 Seiten. Dieser eigens dem Ersten Weltkrieg gewidmete Teil ist noch einmal in zwei Unterkapitel gegliedert (Nr. 11 und 12), die „1914–1918: Vom europäischen Krieg zum Weltkrieg“ (S. 188–209) und „Den Krieg beenden?“ (S. 210–230) überschrieben sind. Wie in einem Schulgeschichtsbuch nicht anders zu erwarten, enthalten diese Kapitel neben der historischen Darstellung, Dokumenten und Karten acht thematische Dossiers, die auf einer Doppelseite angeordnet sind und Übungen sowie eine weitere Methodendoppelseite aufweisen, die im letzten Fall der Redaktion eines historischen Aufsatzes gewidmet ist (Die Ursachen des Ersten Weltkrieges). Hinzu kommt noch auf einer weiteren Doppelseite ein Dossier zu den Kolonien im Ersten Weltkrieg, das sich in dem Teil zur Kolonialherrschaft findet. Die Bedeutung dieses Konflikts für das Verständnis des 20. Jahrhunderts zeigt sich auch in Kapitel 19, das Europa zwischen 1815 und 1945 (vgl. vor allem S.  362–367) gewidmet ist.
Dieses Kapitel zum Ersten Weltkrieg wurde von Anne Duménil verfasst, Lehrerin am Lycée français in München, die neben ihrer Schulerfahrung auch bereits wissenschaftliche Meriten in Hochschullehre und Forschung erworben hat. So unterrichte sie bereits als Maître de conférences in Neuerer und Neuester Geschichte an der Université de Picardie-Jules Verne à Amiens. Sie kann als intime Kennerin der französischen und deutschen Geschichte und hier besonders des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden, wurde sie doch im Jahre 2000 mit einer Doktorarbeit zu Le soldat allemand de la Grande Guerre. Institution militaire et expérience du combat promoviert. Unlängst hat sie gemeinsam mit Bruno Cabanes den Larousse de la Grande Guerre (2007) herausgegeben.

Grundstrukturen und Organisation der Kapitel
Dem Betrachter fällt als erstes die Gliederung dieses dem Konflikt gewidmeten Teils in zwei Kapitel auf. Auf gleicher Ebene werden neben dem klassischen chronologischen Abriss auch die Konsequenzen des Krieges unter dem Titel „Den Krieg beenden?“ behandelt. In der Vergangenheit fanden sich die Folgen des Krieges zu häufig in der Zusammenfassung; hier nehmen sie aber glücklicherweise einen exponierten Platz ein. Diese Anordnung entspricht den neuesten Entwicklungen der Forschung und den Neuausrichtungen des Erkenntnisinteresses der Historiker[2]. In Deutschland wie in Frankreich sowie allgemein in Europa, über den Erinnerungsfaktor hinaus, der seit langen Jahren einen historiographischen Triumph verzeichnen kann, gehören im Moment die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Weglinien, die Sieger und Besiegte aus dem Krieg hinausführten, zu den bevorzugten Forschungsfeldern[3]. Der von dem britischen Historiker John Horne geprägte Begriff der „kulturellen Demobilisierung“[4] gehört zu den Aspekten (S. 226), den sich der Schüler mit Hilfe des Deutsch-Französischen Schulgeschichtsbuch erarbeiten soll, um die vielschichtige und lange Phase aus dem Krieg heraus zu verstehen. Ein Dossier zu den nach 1918 eingetretenen Konflikten, vor allem in Osteuropa, soll bei den Schülern die Frage nach der Triftigkeit scheinbar eindeutiger chronologischer Zäsuren (1914–1918) aufwerfen. Dieser Blick auf den Konflikt, der die momentanen Interpretationen der Forschung berücksichtigt, findet sich auch in der allgemeinen Struktur des Kapitels wieder, insbesondere bei der inhaltlichen Ausrichtung der acht thematischen Doppelseiten, in den Autorentexten selber, in der Auswahl der Dokumente und in dem Blick von außen, der den multiperspektivischen Charakters dieses Kapitels noch weiter verstärkt.

Die Themendossiers: ein anthropologischer Blick auf den Krieg
Die Themendossiers spiegeln den anthropologischen Ansatz, der auch die aktuelle Historiographie zu diesem Themenkomplex bestimmt. Neben eher klassischen politikgeschichtlichen Dossiers, wie jene zum Burgfrieden, zur Novemberrevolution in Deutschland und zum Versailler Vertrag, finden sich auch andere, die den Schülern die Gelegenheit geben, sich mit der Gewalt der Kämpfe, mit der Kriegskultur, der Trauer und der Heimatfront zu beschäftigen, ein Thema, das die Autorin dieses Kapitels bereits in einem Photoband aufgegriffen hatte, der sich an Sekundarstufenschüler richtet[5]. Eben jene Themen fanden in der Vergangenheit das besondere Interesse von Stéphane Audoin-Rouzeau (Krieg und Trauer)[6] und Annette Becker (Zivilisten im Krieg)[7].
Diese Themendossiers spiegeln zudem die vergleichenden Ansätze der aktuellen Historiographie zum Ersten Weltkrieg. Außer dem Dossier zur Novemberrevolution, weisen alle anderen Kapitel einen vergleichenden Charakter auf. Das erste zum Burgfrieden bzw. zur Union sacrée ist in dieser Hinsicht ein Modell für den deutsch-französischen Vergleich, der den Schülern die unterschiedlichen Dimensionen der Kriegseintritte vermittelt und ihnen verdeutlicht, dass es sich um einen Kampf handelte, „bei dem die Existenz der Nationen und ihrer Zivilisationen“ (S. 195) auf dem Spiel stand. Zum deutsch-französischen Vergleich gesellt sich in den anderen Dossiers fast jedes Mal ein weiterer Blickwinkel (Illustration, Text usw.), der aus einem dritten Land stammt, so dass dem Buch nicht der Vorwurf gemacht werden kann, den Ersten Weltkrieg auf einen deutsch-französischen Konflikt zu reduzieren. Die Autorentexte und die dazu gehörenden Dokumente bewahren ebenfalls vor einer zu eingeschränkten Sichtweise.

Eine kurze chronologische Erzählung in europäischer Perspektive
Im Verhältnis zu den Illustrationen, Dokumenten, Karten, Texterklärungen und Themendossiers, nimmt der chronologische Autorentext einen relativ bescheidenen Platz ein (acht Seiten ohne die Kapiteleinleitung), was zum momentanen Zeitpunkt sicherlich eher den französischen als den deutschen Schulgeschichtsbüchern entspricht. Diese gewiss erzwungene Kürze nötigte die Autorin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Autorentext spielt somit in erster Linie die Rolle eines Rückgrats in einem sehr vielschichtigen Kapitel, das Politik-, Militär- und Sozialgeschichte vereinigt. Insbesondere die Unterkapitel kommen eher klassisch daher, nicht zuletzt, um den Schülern den chronologischen Rahmen zu vermitteln. Dieser Rahmen ist jedoch zugleich sehr europäisch gestaltet und nicht in erster Linie deutsch-französisch. Dafür wird dem universellen Charakter dieses Konflikts zweifelsohne zu wenig Platz eingeräumt. Auch wenn die koloniale Aspekte des Ersten Weltkriegs im vorherigen Kapitel angesprochen werden, hätte die entscheidende Rolle der USA zwischen 1917 und 1919, auf militärischer wie auf diplomatischer Ebene, sicherlich einen breiteren Platz verdient. Einige der ausgewählten Dokumente gleichen dieses Defizit jedoch weitgehend wieder aus (S.201).

Die eigentliche Stärke: eine reiche, vielfältige und ansprechend kommentierte Ikonographie
Entsprechend der hier bereits erwähnten gelungenen Dokumentenauswahl, sind die in diesem Beitrag zu kommentierenden zwei Kapitel sehr großzügig und vielfältig illustriert, was die eigentliche Stärke dieses Teils und zweifellos des gesamten Bandes ausmacht. Neben den Photos, Postkarten, Plakaten, Zeitzeugenberichten und Briefen von der Front, die mittlerweile in nahezu allen Schulgeschichtsbüchern Verwendung finden, stößt der Schüler im Deutsch-Französischen Schulgeschichtsbuch auf eine Reihe von originellen Dokumenten, die den gestiegenen Einfluss der aktuellen Museumpädagogik – hier sei in erster Linie das Historial de la Grande Guerre in Péronne genannt – spiegeln. Neue Formen der Darstellung haben auch den Blick auf den Konflikt verändert und das Spektrum historischer Quellen verbreitert. Genannt seien hier sprechende Objekte wie die explodierte Granatenspitze (S. 198), die Buffettür mit ihrem Gedicht in englischer Sprache, das von einem deutschen Soldaten mit Blick auf den Feind geschrieben wurde (S. 203), der patriotische Weihnachtsschmuck und die Kinderbilder (S. 202) sowie der Ausweis, der von den deutschen Besatzungsbehörden auch den Kindern aufgezwungen worden war (S. 204). Auch die eher klassischen Dokumenten wie die Plakate, Texte und Photos sind von einer großen Qualität und bisweilen durchaus originell wie z.B. der Brief eines anonymen deutschen Soldaten aus dem Jahre 1915, der von seinen Erfahrungen mit der Gewalt spricht, die Propagandaplakate auf den Seiten 221 und 223 zu den Volksabstimmungen im Jahre 1920 und das Engagement in den Freikorps. Erwähnt sei auch, dass die Diptychons zu Beginn eines jeden Kapitels von besonderer Qualität sind, vor allem bei Kapitel 11, an dessen Anfang wir zum einen 1914 einberufene deutsche Soldaten in Paradeuniform sehen, die genau in die Linse der Kamera schauen, zum anderen einen deutschen Kämpfer aus dem Jahre 1918 mit Stahlhelm, welcher der Kamera den Rücken zudreht und seinen Blick auf das Schlachtfeld richtet.
Alle diese Dokumente sind Träger eines Diskurses, die sich im Einklang mit den Ausführungen der Autorin befinden: sie unterstreichen den totalen Charakter des Krieges, aber zugleich – und das findet sich auch im Autorentext – die tiefe Verwicklung der Gesellschaften in den Krieg und die Probleme, die sich aus der Vergemeinschaftung des Krieges für die Nachkriegszeit ergaben.

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[1] Die Analyse beruht auf der französischen Ausgabe des Deutsch-Französischen Schulgeschichtsbuches.
[2] Vgl. u.a. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003; Jean-Jacques Becker, Stéphane Audoin-Rouzeau (Hg.), Encyclopédie de la Grande Guerre, Paris 2004.
[3] Vgl. z.B.: Bruno Cabanes La victoire endeuillée. La sortie de guerre des soldats français (1918–1920), Paris 2004; Gerd Krumeich (Hg.), Versailles 1919. Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001.
[4] Vgl. John Horne, Kulturelle Demobilmachung 1919–1939. Ein sinnvoller historischer Begriff?, in: Wolfgang Hardtwig (Hg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939, Göttingen 2005, S. 129–150; John Horne (Hg.), 14–18 Aujourd’hui-Today-Heute. Démobilisations culturelles après la Grande Guerre, 5/2002.
[5] Anne Duménil, La guerre au XXe siècle (vol. 2). L’expérience des civils, Paris 2005.
[6] Stéphane Audoin-Rouzeau, Cinq deuils de guerre, Paris 2001; Stéphane Audoin-Rouzeau, Combattre, Paris 2008; Stéphane Audoin-Rouzeau, Annette Becker, 14–18. Retrouver la guerre, Paris 2000.
[7] Annette Becker, Oubliés de la Grande Guerre; Humanitaire et culture de guerre, populations occupées, déportés civils, prisonniers de guerre. Paris 1998.

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