Hinweise für deutsche und polnische
Geographieschulbücher

Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission, Sektion Geographie:

Hinweise zur Behandlung Deutschlands und Polens in den Geographieschulbüchern beider Länder

Die deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen von 1976/77 für das Fach Geographie sind nicht zuletzt durch die Umbrüche von 1989/90 weitgehend überholt worden. In der Erkenntnis, dass die seinerzeit empfohlenen Unterrichtsinhalte einer grundlegenden Überarbeitung und Aktualisierung bedürfen, wurden unter der Redaktion von E. Buchhofer/Marburg und B. Kortus/Krakau und unter kritischer Mitwirkung weiterer Fachvertreter aus beiden Ländern die folgenden "Hinweise" erarbeitet. Diese wurden von der XXIX. deutsch-polnischen Schulbuchkonferenz in Kreisau (Juni 2000) nach eingehender Diskussion angenommen. Die  „Hinweise“ beleuchten aus fachwissenschaftlicher Perspektive relevante Unterrichtsstoffe; sie verzichten, auch eingedenk unterschiedlicher didaktischer Konzeptionen in beiden Ländern, auf die Formulierung von Lernzielen und didaktische Reflexionen. Sie wollen dennoch der erdkundlichen Unterrichtsarbeit in Deutschland und Polen, insbesondere den für die Gestaltung von Lehrplänen und Lehrbüchern Verantwortlichen beider Länder, eine wissenschaftlich fundierte und zeitgemäße Orientierung bieten.  

I. Grundsätze

  1. Die politische Befreiung Ostmitteleuropas und die staatliche Wiedervereinigung Deutschlands sind in erheblichem Maße auch ein Ergebnis der friedlichen polnischen Revolution von 1980 und ihrer Nachwirkungen. Im Gefolge dieser Ereignisse gerieten Deutschland und Polen in eine politisch gänzlich neu organisierte geographische Nachbarschaft zueinander. Die in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht zunehmend konvergierenden Beziehungen zwischen beiden Staaten erfordern eine fortschreitende Neubewertung und Neugewichtung bei der Behandlung des Nachbarschaftsverhältnisses in den Geographieschulbüchern beider Länder.
  2. Die Erdkunde-Schulbücher beider Länder sollten sich auf ausgewählte geographische Binnenprobleme des jeweiligen Nachbarlandes sowie auf solche Raumprobleme konzentrieren, die entlang der deutsch-polnischen Grenze auftreten. Neben der Vermittlung topographischen Basiswissens sollte eine lebensnahe, problemorientierte, d.h. durchaus kritische Herangehensweise bei der Themenaufbereitung das Schülerinteresse wecken. Dabei sollten - wo immer sich dies anbietet - verständnisfördernde Vergleiche zwischen den Verhältnissen in beiden Ländern angeregt werden (etwa: Strukturwandel im Ruhrgebiet/in Oberschlesien; Lage der Hauptstädte Berlin und Warschau/Warszawa im jeweiligen Städtenetz; Wiederaufbaukonzepte in beiden Hauptstädten seit 1945 u.a.).
  3. Die Behandlung der erwähnten Nachbarschaftsproblematik sollte nicht nur einer eng-nationalen, bilateral geprägten Optik folgen. Sie sollte vielmehr den größeren europäischen Aktionsrahmen, in den beide Länder in wachsendem Maße eingebunden sind, in die Betrachtung einbeziehen, wo immer dies sachlich geboten erscheint.
  4. Die Darstellung der geographischen Probleme sollte der Erziehung zur Toleranz, dem Abbau von Vorurteilen auf beiden Seiten dienen. Sie sollte geeignet sein, ein wohlwollendes Interesse am jeweiligen Nachbarland im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens beider Nationen in Europa zu erwecken.
  5. Schüler müssen lernen, dass verschiedene Sichtweisen auf einen Sachverhalt existieren können und sich begründen lassen. Dies gilt hier besonders im Falle kontroverser oder strittiger Interpretationen geographischer oder historischer Sachverhalte in der Öffentlichkeit oder Wissenschaft beider Länder. Diese sollten in den Schulbuchtexten deutlich gemacht werden, ausgewogen zur Sprache kommen und in ihrer Begründung nachvollzogen werden können.
  6. Bei der Verwendung von geographischen Namen aus dem jeweiligen Nachbarland hat sich in den Schulbüchern beider Länder seit 1990 eine Praxis entwickelt, die sich in vielen Fällen in der ausschließlichen Wahl historisch allgemein geläufiger Namensversionen aus dem Sprachraum der jeweiligen Schüler ausdrückt (Verwendung sogenannter Exonyme). In diesem Zusammenhang wird an die Übereinkunft in den früheren „deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen“ von 1976/77 erinnert, in denen daneben auch die Verwendung der im jeweiligen Nachbarland geltenden amtlichen Bezeichnungen gefordert wurde. Es wird empfohlen, zumindest im Falle der Namen größerer (bedeutenderer) Orte den Schülern beide Namensversionen (die jeweils muttersprachliche und die fremdsprachliche) zu vermitteln. Längerfristig sollten auch in diesem Falle im EU-Raum übliche Standards als Maßstab gelten.
  7. Angesichts der neuen Dynamik insbesondere der wirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklungen in beiden Ländern und in ihrem europäischen Umfeld gewinnt die Forderung nach größtmöglicher Aktualität der in den Schulbüchern wiedergegebenen Texte und Grafiken immer mehr Gewicht. 

II. Inhalte der Geographieschulbücher 

Die hier zusammengestellten „Hinweise“ suchen Akzente zu setzen, die einen weiten inhaltlichen Rahmen bei der Behandlung des jeweiligen Nachbarlandes insbesondere im Oberstufenunterricht in beiden Ländern markieren sollen. Bei der Unterrichtsarbeit mit entsprechender inhaltlicher Zielsetzung in den mittleren Klassen wird allgemein ein Vorgehen erwartet, das sich stärker an den unmittelbaren Alltags- und Lebenserfahrungen der Schüler orientiert. Schulbücher, die sich vor allem von dieser Perspektive leiten lassen, werden zweifellos eine andere Auswahl aus dem hier aufgezeigten Themenspektrum treffen als Lehrbücher, die sich an Oberstufenschüler mit größerem politisch-historischem Allgemeinwissen wenden.

In diesem Zusammenhang kann und soll kein starrer (oder etwa gar „verbindlicher“ ) Kanon vorgelegt werden. Die im Folgenden zusammengestellten Positionen ergeben sich überwiegend aus der lebhaften Raumdynamik, der beide Länder derzeit unterliegen. Daraus ergibt sich, dass jeder Versuch einer inhaltlichen Akzentsetzung in der Gefahr ist, vom schwer berechenbaren  „Strom der Ereignisse“ in beiden Ländern entwertet zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Raumprobleme gäbe, denen eine gewisse historische Stabilität unterstellt werden kann. Um die Auflistung nur solcher Problemfelder kann es also im Folgenden gehen, die eine gewisse Zukunftsbeständigkeit erwarten lassen.

Auch die Auswahl der in den deutschen und polnischen Geographieschulbüchern hier als besonders behandlungswürdig herausgestellten Gegenstände wird sicherlich weiterer Diskussion unterliegen. Jeder Lehrer wird - im Zusammenwirken mit seinen Schülern und im Blick auf seinen Lehrplan - einzelne der hier aufgeführten Aspekte (möglicherweise in freier, problemangemessener Kombination) zur Unterrichtsbehandlung herausgreifen. Die Geographieschulbücher sollten daher wenn nicht alle, so doch möglichst viele der im Folgenden benannten Problemfelder in ausreichendem Maße thematisieren, um auch eine anspruchsvolle, d.h. selbstbestimmte Unterrichtsarbeit zu erleichtern. Die Lehrbücher werden sich dennoch stets auf bestimmte Akzente zu beschränken haben, so dass immer auch der ergänzende/vertiefende Rückgriff auf weitere Arbeitsmittel für Lehrer und Schüler unverzichtbar bleiben wird.

Die notwendige Vermittlung von topographischem Basiswissen und länderkundlichen Grundkenntnissen wird im Wesentlichen durch das Informationsangebot der Schulatlanten zu leisten sein.

Im Folgenden werden ausgewählte thematische Akzente in drei Gruppen zusammengefasst. Während die Themen der Gruppe (1) in Schulbüchern beider Länder gleichermaßen - wenn auch unter unterschiedlichem geographischem Blickwinkel - zu behandeln sind, empfehlen sich die Themengruppen (2) und (3) der Thematisierung in Lehrbüchern jeweils eines der beiden Länder. 

Themengruppe 1

Veränderte Rahmenbedingungen in Europa seit 1989/90

  1. Das Ende der Teilung Europas (Voraussetzungen und Ergebnisse)
  2. Formen der großräumigen Integration in Europa (Schwerpunkt EU)
  3. Weitere Formen der europäischen Zusammenarbeit unter Beteiligung Deutschlands und Polens (Ostseeraum-Zusammenarbeit; Politikabstimmung zwischen Frankreich, Deutschland und Polen im  „Weimarer Dreieck“ , militärische und politische Zusammenarbeit in der NATO)
  4. Ausgewählte Formen der Regionalpolitik der EU („EU-Regionen“, sog.  „Trans-Europäische Netze“ u.a.)
  5. Warenströme und Kapitalbewegungen in Europa im Zeichen der Globalisierung (Blickpunkt: Deutschland/Polen)

Themengruppe 2 

Geographie Polens in deutschen Schulbüchern

  1. Wahrnehmung der Nachbarschaft Polens in der deutschen Gesellschaft (Einschätzungen und ihre Ursachen)
  2. Vielseitige räumliche Aspekte der Systemtransformation (europaweite Deindustrialisierung als Rahmen, Herausbildung von wirtschaftlich attraktiven Zentren mit stärkeren Investitionsaktivitäten, Standortpräferenzen deutscher Investoren in Polen; Zurückbleiben  „passiver“ Gebiete mit hoher Arbeitslosigkeit; Umstellungsprobleme in altindustrialisierten Gebieten, dabei unterschiedliche Strategien im Textilzentrum Lodz/Łódź und im Kohle-Stahl-Revier Oberschlesien; Aufwertung der westlichen Grenzgebiete; Gefahren einer weiteren Peripherisierung in den östlichen Grenzgebieten;  „Überlebensstrategien“ im Zeichen des Kapitalmangels: Gründertätigkeit im halb- oder informellen Markthandel)
  3. Polen auf dem Wege in die Europäische Union (raumbezogene Handlungserfordernisse auf Seiten der EU-Staaten, auf Seiten Polens; Diskussion der räumlichen Konsequenzen des angestrebten EU-Beitritts Polens: protektionistische Zwänge auf beiden Seiten - in Deutschland Schutz des heimischen Arbeitsmarktgefüges, in Polen Schutz der wichtigsten subventionierten Bereiche wie der Landwirtschaft und des Steinkohlenbergbaus u.a.)
  4. Räumliche Aspekte der Agrarstrukturen Polens (historisch bedingte Sonderentwicklungen in den einzelnen Landesteilen, die Strukturprobleme des polnischen Dorfes und der polnischen Landwirtschaft als Aufgabe der Sozialpolitik und der Europapolitik) 
  5. Räumliche Aspekte der Umweltbelastungen (Oberschlesisches Revier, Gewässerbelastungen) und des Natur- und Landschaftsschutzes (Nationalparke als Beispiele). Positive Umweltauswirkungen des Umbaus von Industrie und Energiewirtschaft. 
  6. Das polnische Siedlungsnetz (hat Polen ein „polyzentrisches und regional ausgewogenes Städtesystem“, wie es das neue „Europäische Raumentwicklungskonzept“ von 1999 fordert?). Polnische Städte in Auswahl (Funktionen im Wandel: historische „Hauptstädte“ Krakau/Kraków und Warschau/Warszawa; Städte in alten Industrierevieren und in Gebieten der  „sozialistischen“ Industrialisierung, jeweils anhand von Beispielen; Hafenstädte Stettin/Szczecin und Danzig-Gdingen/Gdańsk-Gdynia im Vergleich)
  7. Schauplätze des Wiederaufbaus nach 1945 (Wiederaufbauleistungen unter ungünstigen Bedingungen als Beitrag der ganzen polnischen Nation zur Wahrung des vor allem von Deutschen zerstörten nationalen und europäischen Kulturerbes - Beispiel Warschau/Warszawa -, dabei herausragende Wiederaufbauleistungungen auch in den ehemals deutschen Gebieten, somit Pflege auch des reichen deutschen Kulturerbes vor allem im westlichen und nördlichen Polen, Beispiele Danzig/Gdańsk, Marienburg/Malbork, Altstadt Breslau/Wrocław)
  8. Polen als Transitland in Ostmitteleuropa (Modernisierung der Landverkehrswege, u.a. als Transitkorridore: nationales Autobahnprogramm, Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken der Eisenbahn; Modernisierung der Grenzübergänge, Aufwertung der großen transnationalen Ost-West-Achsen Berlin-Warschau/Warszawa-Minsk und Berlin-Breslau/Wrocław-Krakau/Kraków-Lemberg/Lwów bzw. L´viv)
  9. Polen und seine  „Regionen“ (Ansätze für Regionalbewusstsein in einigen Landesteilen, insbesondere in Oberschlesien; neue Gebiets- und Verwaltungsgliederung von 1999 mit verstärkter Selbstverwaltung, Frage des Anschlusses an die Entwicklungen in der EU, wo ein „Europa der Regionen“ angestrebt wird; Sonderrolle der „Euroregionen“ an der deutsch-polnischen Grenze)
  10. Touristische Schwerpunktregionen in Polen in ihrer Bedeutung für den polnischen Binnentourismus und für deutsche Touristen (Ziele des sogenannten „Heimwehtourismus“, des aus anderen zeitgeschichtlichen Motiven gespeisten Tourismus: Warschauer Innenstadt, Vernichtungslager der SS u.a.; polnische Fremdenverkehrsregionen im Wettbewerb mit anderen europäischen Ferienzielen)
  11. Die deutsche nationale Minderheit in Oberschlesien (ihr Schicksal im 20. Jh., Vergleich mit anderen Minderheitengebieten Mitteleuropas: Sorben in der Lausitz, Deutsche in Dänemark u.a.) 

Themengruppe 3 

Geographie Deutschlands in polnischen Schulbüchern

  1. Die Wahrnehmung des Nachbarlandes Deutschland in der polnischen Gesellschaft (Einschätzungen und ihre Ursachen)
  2. Vielseitige räumliche Aspekte der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und deren historische Voraussetzungen (Nord-Süd-Unterschiede versus Ost-West-Unterschiede, „katholische“ und „protestantische“ Regionen, hochverstädterte und ländlich bestimmte Räume, Regionalismus und föderale Ordnung: die deutschen „Länder“ )
  3. Wirtschaftliche und soziale Umbrüche in Ostdeutschland im Zuge der staatlichen Wiedervereinigung und der abrupten Systemtransformation von 1990
  4. Modernisierung und Deindustrialisierung (Erscheinungsformen des Strukturwandels z.B. im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland, Modernisierung in der Landwirtschaft in West- und Ostdeutschland)
  5. Einbindung der deutschen Wirtschaft in weltwirtschaftliche Vernetzungen auf Unternehmensebene (Stichwort Globalisierung, Beispiele weltweit - u.a. auch in Polen - operierender Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland); Deutschland als wichtigster Handelspartner Polens, als wichtigstes Herkunftsgebiet ausländischer Direktinvestitionen in Polen
  6. Deutschland als Transitland in Mitteleuropa (Modernisierung der Landverkehrswege in Anlehnung an die „Trans-Europäischen Netze“ als Systeme transnationaler Transport- und Kommunikationskorridore in der EU); Ausbau der Ost-West-Verbindungen im Zuge der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“
  7. Das deutsche Siedlungsnetz (hat Deutschland ein „polyzentrisches und regional ausgewogenes Städtesystem“, wie es das neue „Europäische Raumentwicklungskonzept“ von 1999 fordert?)
  8. Dezentrale Siedlungsstruktur als Erbe territorialhistorischer Vielfalt und als Ausdruck der föderalen Ordnung in der Gegenwart (großräumige Verteilung und verkehrliche Vernetzung der größeren Stadtregionen, zunehmender Wettbewerb der wirtschaftlichen Schwerpunkträume untereinander und mit vergleichbaren Räumen im übrigen Europa; Berlin als deutsche Hauptstadt und als eine potentielle Metropole Ostmitteleuropas, Frankfurt am Main als europäische Finanz- und Luftverkehrsmetropole)
  9. Bauliche und soziale Prozesse in den Stadtregionen (Suburbanisierung und gegenläufige Tendenzen, peripher gelegene Einkaufszentren als stadtbildende Faktoren, Vielfalt neuartiger Freizeiteinrichtungen, Integrationsprobleme von Migrantengruppen ausländischer Herkunft, sog. „Gastarbeitern“, in den Kernstädten der Stadtregionen)
  10. Umweltprobleme, Natur- und Landschaftsschutz (Nationalparke als Beispiele), Landschaftszerstörung und -rekultivierung (etwa in den Braunkohlegebieten, in den ehem. Uranerzabbaugebieten), Bemühungen um die Gewässerreinhaltung (Beispiele Rhein, Ruhr u.a.), gesellschaftliche Auseinandersetzung über den Einsatz der Kernenergie
  11. Nationale Minderheiten in Deutschland (Dänen, Sorben; die Rolle der Polen als Arbeitsmigranten mit begrenzter Aufenthaltsperspektive sowie als traditionelle Einwandererbevölkerung im Ruhrgebiet und in Berlin, Sonderrolle der türkischsprechenden Bevölkerung in vielen Industriestädten Westdeutschlands und in Berlin).  

(veröffentlicht in: Internationale Schulbuchforschung 23 (2001), S. 129-134)