Lehrerhandreichung der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission

Neunzehn deutsche und polnische Historiker haben eine Handreichung für Lehrer erstellt, welche den Titel trägt: „Deutschland und Polen im zwanzigsten Jahrhundert. Analysen - Quellen - didaktische Hinweise“. Der Titel der polnischen Ausgabe lautet:. „Polska i Niemcy w XX wieku. Wskazówki i materiały do nauczania historii“. Der 432 Seiten umfassende Band ist nach Themen geordnet. Er gliedert sich in Sachanalysen, didaktische Überlegungen und einen umfangreichen Materialienteil (205 Quellen in der deutschen Ausgabe), der schriftliche Quellen unterschiedlicher Art enthält:

Offizielle politische Schriftstücke, Deutungen von Zeitzeugen und Historikern, Erfahrungsberichte von Deutschen und Polen, literarische Zeugnisse, Gedichte und Lieder - dazu zahlreiche Bilder und Photographien, Plakate und Karikaturen. 
Die Sachanalysen sind in der deutschen und polnischen Ausgabe der Handreichung identisch, die didaktischen Reflexionen und der Materialienteil sind dem jeweiligen Publikum angepasst.

Die Lehrerhandreichung „Deutschland und Polen im zwanzigsten Jahrhundert“ enthält gegenüber den Schulbuchempfehlungen von 1976 folgende grundlegende Neuerungen:

  • Sie löst jene Defizite auf, die den „Empfehlungen“ aufgrund ihrer Genesis zwangsläufig anhaften mussten (Ausklammerung der Rolle der UdSSR, Ausblendung der DDR, unbefriedigende terminologische Behandlung des Vertreibungsthemas etc.).
  • Auf Deutschland bezogen trägt die Lehrerhandreichung den nach 1989 entstandenen politischen Konsens über die Beziehungen zu Polen in den pädagogischen Raum. Sie muss nicht mehr polarisierend wirken wie einst die  „Empfehlungen“ , sondern festigt die neue Konsensbildung, von der aus es auch möglich ist, solche Themen anzupacken, die früher im deutsch-polnischen Annäherungsprozess als hinderlich angesehen wurden. Sie stellt eine Basis dar, um ihrerseits gewandelte, abseits stehende politische Strömungen in den Diskurs um die Inhalte deutscher Geschichtsbücher zu reintegrieren.
  • Die Lehrerhandreichung verlässt die rein bilaterale Betrachtung der deutsch-polnischen Geschichte und schafft Platz für die Berücksichtigung von Minderheiten, von Nachbarvölkern der Deutschen und Polen. Dies gilt besonders für die Juden, als deren weltweit bedeutendste Heimstatt das ehemalig ostdeutsch-polnische Territorium über lange Zeit gelten konnte. In den alten  „Empfehlungen“ war die jüdische Bevölkerung so gut wie nicht erwähnt worden.
  • Es bietet die Möglichkeit der nachholenden Information der Pädagogen und Pädagoginnen in den östlichen Bundesländern über die deutsch-polnische Schulbucharbeit. Diesen war der Text der "Empfehlungen" zu DDR-Zeiten vorenthalten worden. Die neue Lehrerhandreichung sollte in der Lage sein, auch der in dieser Region nachwachsenden Geschichtslehrergeneration das Potential der deutsch-polnischen Schulbuchgespräche vor Augen zu führen. Der Bedarf an Orientierung und Information ist gerade dort angesichts der geographischen Nähe zu Polen groß.
  • Deutsch-polnische Geschichte wird in der Handreichung in einer nach didaktischen Gesichtspunkten konzipierten Form dargeboten. Sie ist damit in der schulischen Praxis wesentlich leichter verwendbar als die  „Empfehlungen“ . 
  • Die Lehrerhandreichung passt sich den Bedürfnissen deutscher Lehrer an, die in den seltensten Fällen die Möglichkeit haben, ganze Unterrichtseinheiten über Polen zu gestalten und denen an einer bloßen Stoffvermehrung nicht gelegen sein kann. Das Handbuch bietet die Möglichkeit und den Anreiz wichtige Themen und Ereignisse, die Europa im vergangenen Jahrhundert den Stempel aufdrückten und von daher selbstverständlicher Gegenstand unterrichtlicher Erörterung sind, um deutsch-polnische Aspekte zu erweitern bzw. anhand der deutsch-polnischen Materie zu konkretisieren und zu exemplifizieren. 
  • Wurden die  „Empfehlungen“ in der gesellschaftlichen Diskussion der 1970er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland als Provokation bzw. produktiver Diskussionsstimulus empfunden, so könnte die Lehrerhandreichung heute in Polen eine ähnliche katalytische und wegweisende Funktion übernehmen. Einer in der Nationalgeschichte verankerten Geschichtsbetrachtung, die durch die Behauptung einer vollkommenen Homogenität der eigenen Gesellschaft und eine latent feindselige Abgrenzung nach außen gekennzeichnet ist, wird mit der Handreichung der Boden entzogen. Die Multiperspektivität, wie sie besonders in den didaktischen Reflexionen und den Materialien zum Ausdruck kommt, sollte als Attacke auf scheinbare nationale Selbstgewissheiten und einseitig evozierte Emotionen verstanden werden und zugleich als Plädoyer für eine gemeinsame europäische Zukunftsgestaltung auf der Basis universeller Werte.
  • Für die polnische Geschichtsdidaktik könnte die Lehrerhandreichung innovationsfördernd wirken, indem sie einen modernen erweiterten Quellenbegriff vertritt und der Sozial -, Geschlechter- und Alltagsgeschichte dauerhaft prominente Plätze zuweist. 
  • Vereinzelt eingestreut im Text, in voller Breite dann im Anhang, öffnet sich die Handreichung auch den audiovisuellen Medien sowie den Informationsangeboten des Internet.

Die Lehrerhandreichung ist Teil des deutsch-polnischen Lehrerhandbuchs „Deutsche und Polen - Geschichte einer Nachbarschaft“. Dieses enthält eine offene Reihe zu Themen und Knotenpunkten der deutsch-polnischen Geschichte.

Kontakt

Robert Maier

Leiter / Abteilung Europa

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