Newsletter Dezember 2013/Januar 2014

„Was ist die Lehre der Geschichte, wenn sie so wenig greift?“ (Schwarz-Schilling)

Am 20. November startete eine Konferenz des Georg-Eckert-Instituts zu Chancen und Grenzen eines internationalen Engagements beim Wiederaufbau der Bildungssysteme in Südosteuropa. Zum Auftakt hielt der ehemalige Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, Herr Prof. Schwarz-Schilling, einen öffentlichen Festvortrag im Braunschweiger Altstadtrathaus, bei dem er an die Verantwortung und den notwendigen Einsatz der internationalen Gemeinschaft appellierte. Rund zwanzig Jahre nach den (Bürger-)Kriegen auf dem Balkan sind die Nachfolgestaaten weiterhin von Spannungen gezeichnet; eine schulische Auseinandersetzung mit dem Krieg findet erst ansatzweise statt. 

„Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Kriegen ist überaus wichtig; allerdings bedürfen die Forschungserkenntnisse noch größerer Durchschlagskraft in der Politik, um nachhaltig den Frieden in der Region zu fördern“, so Schwarz-Schilling in seinem Vortrag vor rund 60 Gästen unter anderem der Bürgermeisterin der Stadt Braunschweig, Frau Ihbe. Die Aufarbeitung der Kriege gehe unter anderem deshalb langsam voran, da es an politischer Unterstützung durch Europa und die USA mangele, so Schwarz-Schilling weiter.

Die Veranstaltung  bildete den Auftakt für die dreitägige Konferenz unter dem Titel: „Externe Bildungsinterventionen und Geschichtsunterrichtsreform in Postkonfliktgesellschaften“. An drei Tagen diskutierten internationale Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis Ansätze und Strategien, wie die schulische Aufarbeitung der Kriege im Geschichtsunterricht aussehen könnte und welche Maßnahmen von externen Akteure – sogenannte Bildungsinterventionen – sinnvoll sein könnten. Ziel der Konferenz ist es, Beiträge und Berichte aus der Praxis zu diskutieren sowie gemeinsam mit den intervenierenden Organisationen, den lokalen und den wissenschaftlichen Experten die schwierige Frage der Wirkung solchen Engagements zu beantworten. Daraus sollen Schlussfolgerungen für zukünftige Bildungsprogramme und neue wissenschaftliche Projekte entstehen.

Das Georg-Eckert-Institut engagiert sich seit Jahrzehnten in ehemaligen Krisenregionen, vermittelt zwischen den beteiligten Akteuren und berät Bildungspolitiker und -praktiker vor Ort. Im Rahmen des „Stabilitätspaktes“ des Auswärtigen Amtes hat es sich in den ehemaligen Balkanstaaten für die Entwicklung von Schulbüchern und Curricula (für die Fächer Geschichte, Geographie, Politikkunde) eingesetzt.


Online: „Zwischentöne“ – Unterrichtsmaterialien für das globalisierte Klassenzimmer

Was verbinden Muslime mit der Deutschen Einheit? Wie verändern sich Rollen und Geschlechterbilder in der Migrationsgesellschaft? Ist der Nahostkonflikt ein Thema für junge Migranten? Diese Fragen lassen sich auch im Klassenzimmer aufgreifen – die Onlineplattform „Zwischentöne“ ist online und bietet innovative Unterrichtsmaterialien für das globalisierte Klassenzimmer.

Das globalisierte Klassenzimmer ist heute der Normalfall. Ob in Duisburg, München oder Rostock – immer mehr Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Mit den unterschiedlichen Biographien und Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler verbindet sich die Chance, sie zu einem konstruktiven Umgang mit gesellschaftlichen Unterschieden anzuregen. Die Webplattform http://zwischentoene.info/themen.html bietet Unterrichtsmaterialien, die diese Chance nutzen helfen. Die kostenlosen Unterrichtsmodule für die Fächer Politik, Geschichte und Ethik/Religion ab der 9. Klasse widmen sich Fragen, die in Schulbüchern oft zu kurz kommen. Dabei geht es nicht vorrangig darum, zusätzliche Informationen über „neue“ Themen anzubieten. Vielmehr bieten die Unterrichtsmodule „neue“ Perspektiven auf Themen, die in der Migrationsgesellschaft Deutschland zwar allgegenwärtig sind, aber im Unterricht selten behandelt werden.

Ein Beispiel: Das Thema Umweltschutz spielt in Lehrplänen eine wichtige Rolle. Im Ethik- oder Religionsunterricht lernen die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Argumentationen kennen, mit denen ein Engagement für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen begründet wird. Muslimische Perspektiven kommen hier in aller Regel nicht vor, obwohl sich in den vergangenen Jahren immer mehr muslimische Jugendliche auch aus religiösen Gründen für den Schutz der Umwelt engagieren. Die Unterrichtsmaterialien machen solche Perspektiven jenseits der Mehrheitsgesellschaft sichtbar, ohne sich dabei auf gesellschaftliche Nischen und Ränder zu beschränken. Es geht um Themen aus der Mitte der Gesellschaft, die mit anderen Augen betrachtet werden. Die Webplattform zwischentoene.info wird kontinuierlich aktualisiert und durch Materialien für den fächerübergreifenden Unterricht erweitert.

Ergänzend zu den Unterrichtsmaterialien bietet das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung kostenlose Veranstaltungen für Lehrkräfte an, die in die Ansätze und Methoden der Materialien einführen (mehr Informationen zu den Veranstaltungen: www.zwischentoene.info/veranstaltungen.html). Das Projekt wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Die Stiftung unterstützt innovative Ideen für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft und verleiht unter anderem den Deutschen Schulpreis. Projektleiter ist Dr. Götz Nordbruch, Islamwissenschaftler


„Was magst du an der Wissenschaft und was wünscht du dir für die Zukunft?“ - eine Umfrage unter den Nachwuchswissenschaftlern am GEI

Seit einigen Jahren engagiert sich das GEI verstärkt in der Nachwuchsförderung - rund 15 „NaWis“ arbeiten derzeit an ihrer Dissertation. Mit großem Engagement bringen sich die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Arbeit des Hauses ein - Grund genug, etwas genauer hinzuschauen: Wie ging es Euch 2013, liebe NaWis?

Zwei abgeschlossene Dissertationen, zehn neue Mitglieder - 2013 war ein ereignisreiches Jahr für die Nachwuchsgruppe am GEI. In einer kleinen Umfrage gaben die Nawis Auskunft darüber, was sie an der Wissenschaft mögen und was sie sich für die Zukunft wünschen. Das Ergebnis ist aufschlussreich und gibt einen interessanten Einblick in die Situation der jungen Forscherinnen und Forscher.

Der Großteil der Beteiligten ist sich einig: die individuelle Freiheit und die Möglichkeit zur Gestaltung – in der Forschung wie in der Zeiteinteilung – sind ein großes Plus. Besonders positiv wird dabei der Austausch und der Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen sowie das Arbeitsumfeld insgesamt bewertet. Gleichzeitig ermögliche die Wissenschaft, persönlichen Interessen und Leidenschaften nachzugehen und sich weiter zu entwickeln, so die Mehrheit der Befragten.

Die Nawis mögen also so Einiges an ihrer Arbeit, gleichzeitig sehen sie aber auch Gestaltungsspielraum für die Zukunft: Der Großteil der Befragten appelliert an eine Wissenschaftslandschaft, die langfristige Perspektiven abseits der Professur schafft und etwas unternimmt gegen die prekären Arbeitsbedingungen.

Kontinuität und Sicherheit werden sowohl für den eigenen Lebensweg als auch für den Forschungsprozess als essentiell betrachtet. Zudem hoffen viele Teilnehmende auf eine stärkere Praxisorientierung jenseits des wissenschaftlichen Elfenbeinturms. In dem Zusammenhang wünschen sich die NaWis auch mehr Verbundprojekte sowie einen noch intensiveren Austausch untereinander.


„Landkarten im Schulatlas sind ein Politikum“

Normalerweise berichtet das GEI über die Arbeit und die Forschung rund um Schulbücher. Vor kurzer Zeit haben zwei Leser der Braunschweiger Zeitung sich für die politische Dimension von Schulbüchern interessiert. Redakteur Thomas Parr begab sich auf Spurensuche – und besuchte das GEI. Überraschendes zum Diercke Weltatlas können Sie nachlesen unter:


2. – 7. Dezember: Workshop mit Experten aus Südosteuropa zu Schulbüchern in albanischer Sprache

15 Gäste aus Südosteuropa – Vertreter aus Ministerien, Geschichtslehrer sowie Schulbuchautoren – sind zu Gast am GEI . In einem einwöchigen Workshop loten sie Chancen und Möglichkeiten der Verbesserung von aktuellen albanischsprachigen Geschichtsbüchern in den Balkanstaaten aus.  Das Expertentreffen ist Teil eines vom Auswärtigen Amt finanzierten Projekts des GEI zu Schulbüchern in albanischer Sprache in den verschiedenen Ländern Südosteuropas.

Im Rahmen des Workshops nehmen Experten aus Albanien, dem Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien unterschiedliche Konzeptionen für die Geschichtsbücher in den Blick, untersuchen den Umgang mit den Balkankriegen 1912/1913 in den Lehrwerken und diskutieren didaktische Aspekte aus den Büchern des Kosovo und Albaniens.

Thema wird auch der Vergleich von deutscher und südosteuropäischer Schulbuchproduktion sein. Als Anknüpfungspunkt und Vergleich dient dabei das Themenjahr „1913“ der Stadt Braunschweig –  denn 1913 wurde auch für die südosteuropäischen Länder zu einem historischen Datum: die Balkankriege endeten und bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 währte nur für eine kurze Zeit der Waffenstillstand. Ein Besuch der Ausstellung ‚Herrlich moderne Zeiten‘ im Landesmuseum, der Ausstellung des Projektes zu Schulbüchern von 1913 in der Stadtbibliothek und einer Stadtführung zu Frauenleben 1913 rundet die diskussions- und arbeitsintensive Woche ab.

Zudem werden die Teilnehmenden die Forschungsbibliothek des Georg-Eckert-Instituts für eigene Recherchen nutzen. Im kommenden Jahr freuen wir uns, einen oder mehrere Teilnehmende für einen mehrwöchigen Stipendienaufenthalt begrüßen zu dürfen, welcher für weitere – noch vertiefende – Arbeiten genutzt wird, um einen Beitrag für die Entwicklung der Geschichtsschulbücher zu leisten.


ANKÜNDIGUNGEN


27. – 29. Januar: 1914 – 2014 KriegsErinnerungen

2014 wird der 1. Weltkrieg 100 Jahre zurückliegen – er hat die Koordinaten des 20. Jahrhunderts bestimmt und prägt das Zusammenleben in Europa bis heute. Wie hat sich die erste große Tragödie des 20. Jahrhunderts in das kulturelle Gedächtnis verschiedener Gesellschaften eingeschrieben?

Diesen Fragen geht ein wissenschaftlicher Workshop am Georg-Eckert-Institut mit zahlreichen Experten nach, der vom 27. – 29. Januar 2014 stattfindet. Wir freuen uns sehr, dass wir mit dem amerikanischen Historiker Prof. Dr. Jay Winter, einen der bedeutendsten Forscher zum 1. Weltkrieg, für die Key Note Lecture gewinnen konnten.

Der Workshop wird gefördert von COST – einer Initiative für Europäische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik. COST fördert die Vernetzung der Wissenschaft auf internationaler Ebene.


NEUERSCHEINUNGEN


Buchvorstellung: „Geschichtsmythen über Hispanoamerika“

Am 27. November stellte Roland Bernhard in der sehr gut besuchten Bibliothek des Georg-Eckert-Instituts sein Buch über die buchstäblich „sagenhafte“ Darstellung Hispanoamerikas in deutschen und österreichischen Schulbüchern vor. Bis heute sind die Geschichtsbücher voll von sachlichen Fehlern und Mythen. Im Zentrum des Vortrags stand die Frage, wie diese abenteuerlich unplausiblen Erzählungen entstanden sind und wieso sie bis jetzt die Schulbücher prägen. Erschienen ist die Studie des österreichischen Wissenschaftlers in der Schriftenreihe des GEI.

Bis heute strotzt die Darstellung Hispanoamerikas in deutschen und österreichischen Schulbüchern vor Mythen und sachlichen Fehlern.  So lässt sich in fast allen Lehrwerken die Behauptung finden, die Menschen im Mittelalter hätten geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Da die Reisen von Kolumbus jedoch auf der Annahme beruhten, die Erde sei eine Kugel, wird er zum visionären Wissenschaftler verklärt. Andere liebgewonnene Mythen besagen, eine Handvoll weit überlegener Spanier hätte viele Millionen von Inkas und Azteken besiegen können, da diese die weißen Europäer für Götter hielten. Die vermeintlich von Natur aus passiven und zartbesaiteten Indios hätten sich laut dieser eurozentrischen Perspektive widerstandslos den neuen Herren unterworfen, deren Gewehre und Pferde sie in Angst und Schrecken versetzten. Der Vortrag Bernhards ging der Frage nach, wie diese abenteuerlich unplausiblen Erzählungen entstanden sind, wer ein Interesse an ihrer Verbreitung hatte und wieso sie sich bis heute in Schulbüchern gehalten haben. Roland Bernhard ist an der Universität Graz im Bereich Geschichtsdidaktik promoviert worden. Für seine Dissertation analysierte er deutsche und österreichische Schulbücher aus vier Jahrhunderten.

  • Roland Bernhard: Geschichtsmythen über Hispanoamerika. Göttingen: V&R unipress, 2013. 244 Seiten. ISBN 978-3-8471-0204-5

„Textbook Quality – A Guide To Textbook Standards“

Schulbücher sind kulturelle Erzeugnisse von großer Bedeutung. Der vorliegende Band betrachtet Schulbücher  als ein komplexes Genre, dessen zentrale Eigenschaften idealerweise von den Schülern und ihren Bedürfnissen her definiert werden sollten. Er veranschaulicht die Bedeutung von Schulbüchern für erfolgreiches Lernen und die kognitive Entwicklung der Schüler.

Der Band stellt 43 Qualitätsstandards für Schulbücher vor und beleuchtet ihre operationalen Definitionen, praktischen Implikationen sowie theoretischen Hintergründe. Die Standards richten sich an Schulbuchautoren und Herausgeber, Bildungsbehörden, Lehrer und andere Akteure und Multiplikatoren, die an der Produktion, Auswahl sowie Evaluation von Schulbüchern beteiligt sind.

  • Ivan Ivic, Ana Pešikan, Slobodana Antic (Hg.): Textbook Quality – A Guide To Textbook Standards. Göttingen: V&R unipress, 2013. 238 Seiten. ISBN 978-3-8471-0224-3

Nach oben