Entwicklung und Transformation
jemenitischer Bildungsmedien

Auch im Jemen stellen Schulbücher bis heute ein bedeutsames Medium zur Propagierung der Nationalgeschichte dar und insbesondere Geschichts-, Geographie- und Sozialkundebücher leisten einen relevanten Beitrag zur Konstruktion nationaler Identität(en). Die in diesem Projekt verfolgte historische Analyse von Schulbüchern und Curricula eignet sich in besonderem Maße, um zu untersuchen, welche Verschiebungen und Transformationen innerhalb der staatlich propagierten nationalen Identitätsbildung im Jemen bis heute stattgefunden haben.

Im Falls Jemens handelt es sich um einen sehr jungen und äußerst fragilen Nationalstaat, dessen Regierungen es – weder vor noch nach der Einheit 1990 – jemals vollständig gelang, tribale, territoriale und konfessionelle Loyalitäten aufzubrechen und ihre staatliche Kontrolle in allen Landesteilen zu etablieren. Das Projekt fragt in diesem Zusammenhang: Wie spiegeln sich diese Konflikte in den Schulbüchern wider und welche Versuche der Konstruktion nationaler Identitäten und Loyalitäten lassen sich erkennen? Welche Rolle spielen regionale, religiöse sowie globale Zuschreibungen und Deutungsmuster innerhalb der nationalen Identitätsbildung? Von Interesse ist hierbei vor allem die Frage, welche Deutungsmuster sich in den verschiedenen, teils sozialistisch, teils panarabisch, teils islamisch geprägten Epochen erkennen lassen. Inwiefern finden Umschreibungen, Transformationen sowie Indigenisierung von Konzepten, Diskursen und Begrifflichkeiten statt?

Die Untersuchung geht davon aus, dass Bildungsmedien zwar zu einem erheblichen Teil die Sicht nationaler Eliten widerspiegeln, Entwicklung und Transformation von Bildungsmedien jedoch nicht in einem, in sich geschlossenen, isolierten nationalstaatlichen Gebilde stattfinden. Da „das Eigene“ stets auch in Auseinandersetzung mit „dem“ oder „den Anderen“ konstituiert wird, ist es notwendig, die Untersuchung über den begrenzten nationalstaatlichen Rahmen hinaus um eine translokale Ebene zu erweitern. Dies geschieht hier in zweifacher Hinsicht: Zum einen in Bezug auf die Schulbuchinhalte selbst und zum anderen in Bezug auf den Entstehungskontext der Wissensinhalte.

Innerhalb der Schulbuchanalyse werden daher jene Textpassagen einbezogen, welche über die eigene Nation hinausgehen und somit nationale, religiöse, regionale und globale Grenzziehungen sowie Homogenisierungstendenzen besonders deutlich nachzeichnen. Bei der Untersuchung des Entstehungskontextes der Schulbuchinhalte findet neben innenpolitischen Aspekten der Einfluss translokalen Wissenstransfers Berücksichtigung. Das Projekt zeigt am Fallbeispiel, wie eine Vielzahl transnationaler und translokaler Bewegungen von Akteuren und Ideen die historischen Transformationsprozesse innerhalb des jemenitischen Bildungswesens beeinflusst haben.

Bearbeiterin

Julia Förster