Institutionalisierung von kulturellen Deutungsmustern des Sozialismus

Die Institutionalisierung von kulturellen Deutungsmustern: Geschichtslehrer als Schnittstelle zwischen kollektivem und individuellem Gedächtnis in Georgien, Kirgisien und Litauen

Das Projekt, das zwischen 2008 und 2013 von der Volkswagen Stiftung gefördert und von PD Dr. Barbara Christophe geleitet wurde, hat in vergleichender Perspektive untersucht, welche Deutungen der sozialistischen Vergangenheit mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der UdSSR in drei Gesellschaften der postsowjetischen Peripherie miteinander um Deutungshoheit ringen. Empirisch richtete es den Fokus auf Geschichtsschulbücher und Lebensgeschichten von Geschichtslehrenden. Theoretisch sprang es in eine Lücke der Erinnerungsforschung, die sich seit einiger Zeit verstärkt für Praktiken des Erinnerns interessiert. Thematisch konzentrierte es sich auf den Sozialismus und damit auf eine Zeit, für die es gerade im postsowjetischen Raum heute noch keine konsensfähigen Deutungsmuster gibt. Geographisch nahm es mit Georgien, Kirgisien und Litauen drei erinnerungskulturelle Konfigurationen in den Blick, die sich in theoretisch relevanten Dimensionen nachhaltig voneinander unterscheiden. Georgien kann als ein Land gelten, in dem sich ein hegemoniales Narrativ zur Deutung des Sozialismus durchgesetzt hat, das kaum Anstrengungen zur Integration abweichender Erfahrungen macht. In Litauen stoßen wir hingegen auf zwei gegensätzliche Versionen der Geschichte des Sozialismus. In Kirgisien gibt es ähnlich wie in Litauen keine hegemoniale Deutung der sowjetischen Vergangenheit, allerdings auch keine Hinweise auf öffentlich ausgetragene Deutungskontroversen.

Zu den wichtigsten Ergebnissen gehört die Erkenntnis, dass die Erinnerung an den Sozialismus in allen drei untersuchten Ländern der postsowjetischen Peripherie (Georgien, Kirgisien, Litauen) auf der Ebene des kommunikativen Gedächtnisses kontrovers und in sich gebrochen ist. Blickt man hingegen auf Schulbücher als wichtiges Medium des kulturellen Gedächtnisses dominieren Unterschiede.

In georgischen Schulbüchern finden wir zwei komplementäre narrative Stränge, die sich gegenseitig stützen und stärken. Der erste Strang beschreibt die sowjetische Ordnung als eine auf Zwang und Gewalt beruhende  Fremdherrschaft. Der zweite Strang porträtiert die georgische Gesellschaft als eine Gemeinschaft von verschworenen Widerstandskämpfern. Möglich ist das im Rekurs auf einen vagen Widerstandsbegriff, der alle Differenzen einebnet. Wer alle Georgier als Opfer des sowjetischen Systems beschreibt, der kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, der fürchtet getötet zu werden und dem, der Angst hat, seine Posten oder seine Privilegien zu verlieren. Im Ergebnis kann auch der ehemalige Führungskader einen sicheren Platz in der nationalen Opfergemeinschaft für sich in Anspruch nehmen.

Kirgisische Schulbücher entwerfen in der Auseinandersetzung mit der sowjetischen Geschichte zwei sehr gegensätzliche Fremd- und Selbstbilder. Die UDSSR ist mal der paradigmatische kolonialistische Schurke, mal der wohlwollende ältere Bruder. Kirgisische Bräuche und Traditionen werden mal zum Inbegriff alles Feudalen und Rückständigen, mal zu dem Schopf, an dem sich die Kirgisen aus dem Sumpf der moralischen Degradierung hätten ziehen können, wäre ihre Kultur durch den sowjetischen Kolonialismus nicht so gründlich zerstört worden.

In Litauen gibt es nicht nur gegensätzliche Erzählstränge, sondern auch gegensätzliche Gesamterzählungen. Hier stehen sich zwei Typen von Schulbüchern gegenüber, die sich v.a. in Bezug darauf unterscheiden, welches Verhalten unter den Bedingungen der sowjetischen Diktatur als angemessen konstruiert wird. Die einen würdigen diejenigen, die den Marsch durch die sowjetischen Institutionen angetreten sind, als für die Gegenwart taugliches moralisches Vorbild. Die anderen beschreiben den Angepassten als einen Verräter, der sich durch die Aussicht auf eine bessere Wohnung bereitwillig korrumpieren ließ und damit zur moralischen Verstümmelung der eigenen Nation beitrug. Zu Heldengestalten avancieren hier die Partisanen und die Dissidenten, diejenigen also, die sich dem System verweigerten.

Jenseits dieser Differenzen gibt es eine auffällige Gemeinsamkeit in allen litauischen Schulbüchern. Keines von ihnen treibt den eigenen Standpunkt jemals konsequent auf die Spitze. Alle greifen auf Ambivalenz als Strategie zur Vermeidung von erinnerungskulturellen Konflikten zurück. So gibt es an neuralgischen Stellen immer wieder Passagen, in denen man bei genauem Hinhören auch die Stimme des jeweils anderen vernehmen kann.

Die Lehrerinterviews wurden mit Blick auf Wechselwirkungen mit dem Schulbuchdiskurs untersucht. Dabei zeigte sich, dass der institutionalisierte Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen Versionen der Geschichte in Litauen zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im alten System führt. In Georgien verhindert der in öffentlichen Diskursen zirkulierende breite und vage Widerstandsbegriff eine solche Auseinandersetzung hingegen eher. Unter dem Einfluss eines Schulbuchdiskurses, der der Auflösung der UdSSR kaum Bedeutung einräumt, sehen auch kirgisische Lehrer kaum Veranlassung zu einer kritischen Reflexion ihrer eigenen Vergangenheit.

Aus dem Projekt sind zwei erfolgreich abgeschlossene Dissertationen und eine Reihe von Publikationen hervorgegangen.

Dissertationen

Damira Umetbaeva: „Negotiating Kyrgyz Nationhood: of History Textbooks and History Teachers Attitudes Towards the Soviet Past”. Disputation an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina im Dezember 2015

Maja Razmadze: „Sozialismusdiskurse in der georgischen Transformationsgesellschaft. Ein Zusammenspiel von kulturellem und individuellem Gedächtnis“. Disputation an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina im Februar 2016

Kooperation

  • AUCA Bischkek/Kyrgyzstan (M.Ablezova)
  • Staatliche Universität Tbilis/Georgien (P.Buchrashvili/I.Tschavtschawadze)
  • Litauisches Institut für Geschichte Vilnius/Litauen (S.Grybauskas/A.Nikzentaitis)
  • Institut für „Middle East, Central Asian and Caucasus Studies“, St. Andrews/Großbritannien (S.Cummings)

Laufzeit

  • Oktober 2008 – März 2013

 

Veröffentlichungen

Barbara Christophe

1989-2009: Wider die Sprachlosigkeit oder wessen Geschichte zählt? In: Jule Reuter, Hg.: Bewegte Welt – erzählte Zeit, Berlin 2009, S. 2-12.

Cohesion and Difference: Nation and Nationalism in Lithuania. In: Egbert Jahn, ed.: Nationalism in Late and Post-Communist Europe 2. Baden-Baden: Nomos, 2009, S. 215-239.

Ambivalenz als Ressource in erinnerungskulturellen Aushandlungsprozessen, In: Eckert. Das Bulletin, Nr. 7 (2010), S. 23-26.

Erinnerungen an Helden und Feiglinge. Vergangenheit und Gegenwart im litauischen Schulbuch, In: Osteuropa, Nr. 8 (2010).

Remembering Communism – Making Sense of Post-Communism. An Analysis of Discursive Strategies in Lithuanian Textbooks, In: Eckert. Beiträge 10/2010. Online Verfügbar.

Geschichtsunterricht zwischen Kanonisierung und Kompetenzorientierung: Einige Überlegungen zu Deutschland und Litauen, In: Bildungskanon heute, Schriftenreihe des Netzwerk Bildung. Berlin, 2012, S. 143-148.

Verhandlungen über den Sozialismus. Geschichtslehrer als Schnittstelle zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis, In Eckert. Beiträge 1/2012, Online verfügbar.

Dviprasmiskumas kaip irankis? Lietuvos istorijos mokytojai kaip kulturiniu socializmo interpretaciju reiksmiu vertejai (Ambivalenz als Ressource? Litauische Lehrerinnen als Übersetzer von kulturellen Deutungsmustern des Sozialismus), Iin: Alvydas Nikzentaitis, ed.: Atminties daugiasluoksniskuma (Die Vielschichtigkeit von Erinnerung), Vilnius 2013, S.111-137.

Victims or perpetrators or both? How do history textbooks and history teachers in Post-Soviet Lithuania remember the post-war partisans?, In: Randall Hansen, Achim Saupe, Anrdeas Wirsching, Daqing Yang, eds.: Historical Authenticity and Victimhood in Twentieth-Century History and Commemorative Culture, Toronto University Press, i.E.

Was War der sowjetische Sozialismus? Konflikte um authentische Erinnerung in Litauen, In: Barbara Christophe, Christoph Kohl, Heike Liebau (Hrsg.): Lokale Geschichte(n), (Macht-)Politik und die Suche nach historischer Authentizität, Berlin: Klaus Schwarz Verlag, i.E.

Barbara Christophe, Lucia Halder: Concepts of the Past. Socialism, In: Annekatrin Bock, Eckhardt Fuchs. (Hrsg.): Palgrave Handbook on Textbook Studies. London, i.E.

Maja Razmadze

Razmadze, Maya: Abgründe des Goldenen Zeitalters. Sowjetvergangenheit in Georgiens Schulbuch, In: Osteuropa 60, Nr. 8, 2010, S. 71-92.

Die sowjetische Vergangenheit zwischen offiziellen Geschichtsbildern und privaten Lebensläufen: Bericht einer Feldforschung, In: Eckert. Das Bulletin, Nr. 7, 2010, S. 26-28.

Erinnerungen an den Sozialismus – gemeinsame Vergangenheit im kontroversen Diskurs,In: Eckert. Das Bulletin, Nr. 5, 2009.

Damira Umetbaeva

National Memory in Kyrgyzstan: Attitudes Towards the Soviet Past, In: Open Democracy Net, 2012. Online Verfügbar.

Official Rhetoric and Individual Perceptions of the Soviet Past. Implications for Nation-Building in Kyrgyzstan, In: Regional Studies of Russia, Eastern Europe, and Central Asia Volume 4, Number 1, 2015

Paradoxes of Hegemonic Discourse in Post-Soviet Kyrgyzstan: History Textbooks‘and History Teachers‘ Attitudes towards the Soviet Past, In: Central Asian Affairs 2 (2015), 287-306.

Projektleitung

Mitarbeit

  • Maya Razmadze
  • Damira Umetbaeva

Kontakt

Barbara Christophe

Abteilung Schulbuch als Medium

Außenstelle B0.21
Tel.: +49 531 59099-241
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