Die Texte der Anderen –
Ein israelisch-palästinensisches Schulbuchprojekt zur Geschichte des Nahostkonfliktes

Das Bild zeigt die Direktoren von PRIME, Prof. Sami Adwan (links im Bild) und Prof. Dan Bar-On, bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Karin Desmarowitz, Juli 2006)

Seit 2002 arbeitete das vom israelischen Psychologen Dan Bar On (Universität Beer Sheva) und dem palästinensischen Erziehungswissenschaftler Sami Adwan (Universität Bethlehem) gegründete Institut PRIME (Peace Research Institute in the Middle East) an der Entwicklung eines bi-nationalen Schulbuchs zur Geschichte des Nahostkonfliktes. Unter der Beratung des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung (GEI) in Braunschweig, das als Kooperationspartner an diesem Projekt beteiligt war, verfasste eine Gruppe von LehrerInnen und WissenschaftlerInnen ein Schulbuch, in dem wichtige Etappen der konfliktreichen israelisch-palästinensischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aus beiden Perspektiven dargestellt werden. Das Buch sollte denn auch auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie von 1967 ("grüne Linie") eingesetzt werden. PRIME gehörte zu den wenigen derartigen Projekten in Israel/Palästina, welche trotz der Eskalation der vergangenen Jahre seit dem Zusammenbruch des Oslo-Prozesses ihre Arbeit fortführten.

Die Idee, gemeinsame Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, entstand unter den Bedingungen des Abkommens von Oslo, als die Aussicht bestand, auf der Grundlage sachlicher Analysen gemeinsames Handeln in überschaubaren Bereichen entwickeln zu können. Doch in der kurzen Zeitspanne, in der das Wort "Frieden" mit konkreten Zukunftshoffnungen auf beiden Seiten verbunden war, gelang es nicht, die Analyse der in Israel und im palästinensischen Autonomiegebiet benutzten Curricula und Schulbücher für Sozialkunde und Geschichte fertigzustellen und entsprechende Empfehlungen für ein von beiden Seiten getragenes Unterrichts- oder Darstellungskonzept zu erarbeiten. Die Ergebnisse der Analysen von Curricula und Schulbüchern sowie die Vorstellung von Unterrichtsmodellen und neuere Entwicklungen wurden in englischer Sprache in der Schriftenreihe des GEI veröffentlicht. In Israel sind in den 1990er Jahren einige Geschichtsbücher erschienen, die Forschungen der so genannten revisionistischen Geschichtsschreibung aufgenommen und das bisherige zionistische Interpretationsmonopol durchbrochen haben. Das hat einen Konflikt um die Zulassung dieser Bücher ausgelöst, von denen sich einige - trotz oder wegen der öffentlichen Debatte, die sie ausgelöst haben - gut auf dem Markt behauptet haben. Den Schulen steht es ohnehin frei, auch nicht zugelassene Materialien zu benutzen.

Einschneidender noch sind die Neuerungen auf palästinensischer Seite. Erstmals liegen jetzt für die meisten Fächer und Klassenstufen eigene, palästinensische Rahmenpläne und Schulbücher vor, die nach und nach die bisher gültigen und von Israel teilweise zensierten Texte aus Ägypten und Jordanien ablösen. Hier wird das Konzept einer palästinensischen Nationalgeschichte entworfen. Obwohl einige Organisationen in Israel die neuen Bücher harsch kritisiert haben, stellen die bisher vorliegenden Analysen eher nüchtern fest, dass insbesondere die sozialkundlichen Teile sich um Konfliktvermittlung und Ausgleichsdenken bemühen. Dies kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Geschichtsinterpretation im Zeichen der Befreiung und der Erlangung der Souveränität von Israel steht. In der Gewissheit, dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum möglich ist, sich auf eine gemeinsame Lesart der Geschichte des Nahostkonfliktes zu einigen, haben die unter dem Dach von PRIME versammelten LehrerInnen und WissenschaftlerInnen beschlossen, beide konkurrierende Narrative im Rahmen eines Schulbuchs gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Ziel ist es, anhand dieser Gegenüberstellung unterschiedlicher und einander tw. ausschließender Interpretationen der Ereignisse die Kontingenz beider nationaler Narrative zu verdeutlichen und so eine Möglichkeit zur selbstkritischen Reflexion und Kommunikation mit der jeweils anderen Seite zu eröffnen. Im Rahmen des Projektes werden sämtliche Kapitel des Schulbuches von allen Beteiligten diskutiert. Es soll ein möglichst breites Einvernehmen über den Inhalt erzielt werden, doch letztlich sind beide Seiten für den Inhalt ihrer jeweiligen Texte selbst verantwortlich. Diese Arbeit erfordert viel Geduld und die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen. Wenn Palästinenser und Israelis das Selbe meinen, reden sie meist mit verschiedenen Begriffen, wenn sie die selben Namen verwenden, meinen sie oft unterschiedliche Orte. Was für den einen die "nationale Katastrophe" ist, heißt im Schulbuch des anderen "Unabhängigkeitskrieg". Umfasst die "Hauptstadt Jerusalem", die auf Abbildungen in palästinensischen Sozialkundebüchern zu sehen ist, nur die Altstadt und die arabisch besiedelten Teile? Kann sich ein israelischer Schüler eine "internationale Lösung" der Jerusalem-Frage vorstellen, wenn er in seinem Schulbuch israelische Soldaten vor der Klagemauer in Jerusalem sieht? 

Unter dem Druck der sich zuspitzenden Ereignisse in Israel/Palästina und der gesamten Region waren einige der an dem Projekt beteiligten Lehrkräfte ausgeschieden; andere jedoch neu hinzugekommen. Beide Teams trafen sich seit 2004 jährlich für eine Woche am GEI, um in einer Atmosphäre der Ruhe und mit Abstand vom Geschehen vor Ort an der Weiterentwicklung des Materials zu arbeiten. Dabei profitierten sie auch von der Expertise des GEI als Moderator in anderen historischen und aktuellen Konfliktregionen. Bis  2007 sollte ein Lehrerhandbuch fertiggestellt werden, welches die Nutzung des Schulbuches im Unterricht erleichtern sollte. Die Finanzierung dieses Projekts wurde bis 2007 u.a. über das deutsche Außenministerium sichergestellt. Ab März 2007 wurde die Arbeit für die Dauer von weiteren zwei Jahren durch die Europäische Kommission gefördert. In dieser abschließenden Phase sollte es es um die Evaluation des produzierten Materials und seiner Praxistauglichkeit gehen, was durch die politische Situation allerdings sehr erschwert wurde. Der Gebrauch des PRIME-Buchs wurde im Jahre 2010 sowohl von israelischer wie palästinensischer Seite untersagt.

Material

Projektbericht

  • Rohde, Achim: "Learning each other's historical narrative: a road map to peace in Israel/Palestine?" In: Korostelina, K.V. & Lässig, s. (eds.): History education and Post-Conflict Reconciliation: Reconsidering joint textbook projects. London-New York: Routledge 2013, 177-191.
  • Kriener, Jonathan: "Israeli-Palestinian Teachers' Seminar", Internationale Schulbuchforschung, 26 (2004) 3.