Schulbuchstreit in Südasien

In vielen Teilen der Welt sind gegenwärtig Schulbücher, besonders in den sozialwissenschaftlichen Fächern (Politik, Geographie, und v.a. Geschichte), Gegenstand öffentlicher Diskussionen und sogar Auseinandersetzungen. Hintergrund dieser Debatten sind unterschiedliche Konzepte nationaler Identität und der Einsatz von Schulbüchern, spezifische Identitäten zu fördern und zu legitimieren. Die Rolle von Schulbüchern als Unterrichtsmittel - ihr Nutzen für und Gebrauch durch die Lernenden und Lehrenden - bleibt häufig aus diesen politischen und öffentlichen Auseinandersetzungen ausgeblendet.

Das Projekt beabsichtigte, die gegenwärtigen Debatten in Südasien aufzuarbeiten. Während sich in Bangladesh die Debatte vor allem um den Einfluss der politischen Parteien auf die Narrative über die Unabhängigkeit und die Rolle ihrer "Stammväter" dreht, gerieten in Pakistan Islamisierungstendenzen mittels Schulbücher in die Diskussion. In Sri Lanka konfligieren buddhistische und hinduistische bzw. singhalesische und tamilische Geschichtsnarrative. Und in Indien weisen die Diskussionen um eine "Safranisierung" der Schulbücher nicht nur auf divergierende Interpretationen der Vergangenheit von der Alten Geschichte bis zur Unabhängigkeit hin, sondern auch auf ihre politische Instrumentalisierung bei der Förderung unterschiedlicher Gesellschaftsmodelle.

Die Brennpunkte der diversen Debatten scheinen unterschiedlich, aber in allen Fällen bilden verschiedene Identitätskonzepte den Hintergrund. Diese Identitätskonzepte sind miteinander verbunden; der jeweilige Nachbar ist auf die eine oder andere Weise in die Konstruktion des eigenen Konzepts eingebunden - als "der Andere" und auch als Herausforderung, stellen sich doch bereits die verschiedenen Ansätze gegenseitig infrage.

 Kürzlich begannen indische und pakistanische Historiker/innen und andere Betroffene mit einer Diskussion über die gegenseitigen Bilder und Narrative in ihren Schulbüchern. Aber auch die Beziehungen zwischen Pakistan und Bangladesh und zwischen Indien und Bangladesh sowie Sri Lanka sind tangiert. Dieses legt einen gemeinsamen Rahmen für die Analyse der Kontroversen nahe.Die Debatte über den politischen Gebrauch von Schulbuchinhalten mag teilweise auf eine kritische Haltung von Intellektuellen und Medien zurückzuführen sein. Oft jedoch scheinen "Ansprüche" oppositioneller Parteien Hintergrund der Debatte zu sein, die den Auffassungen der Gegenseite entgegentreten ohne den ideologischen Gebrauch von Schulbüchern selbst prinzipiell in Frage zu stellen.

Die Bedürfnisse der Lernenden und die Pädagogik werden in der Regel ignoriert.Das Projekt zielte darauf ab, die Kontroversen nicht nur in ihrem politischen, sondern auch in ihrem Bildungszusammenhang zu analysieren. Zu untersuchende Aspekte waren: die Art und Weise, mit der nationale Identität konstruiert wird, der Ablauf und politische Kontext der Kontroverse, die verwendeten Argumente, die Rolle der Medien, die Verweise, die auf den unterrichtsmedialen Charakter von Schulbüchern erfolgen (u.a. meist vernachlässigte methodische und didaktische Überlegungen), die schulischen Auswirkungen der Kontroverse. Schließlich sollten die Verbindungen der jeweiligen Debatten untereinander und die Funktion möglicher Verweise darauf hinterfragt werden.

Laufzeit

  • 2004-2008

Finanzierung

  • Auswärtiges Amt

Projektleitung

  • Georg Stöber

Publications

  • Textbook Controversies in India and Pakistan / Schulbuchkontroversen in Indien und Pakistan, hg. v. Georg Stöber =  Internationale Schulbuchforschung 29 (2007), Heft 4

darin:

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Georg Stöber
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