Europa in Schulbüchern

I. Kernfragen zu "Europa" im Schulbuch und Schulunterricht  

Wie lebt es sich im "europäischen Haus"? Genießen alle Bewohner denselben Wohnkomfort? Sind einige Eigentümer, während andere nur zur Miete wohnen? Wer darf überhaupt einziehen? Ist das Haus geräumig genug, oder sollte es ausgebaut werden? Über diese und viele andere Fragen haben heutige Schüler/innen betrachtenswerte Meinungen, die von den Ansichten ihrer Lehrer/innen und der älteren Generation oft abweichen.

Was sollten Schüler/innen heute über Europas Geschichte, Geographie, Kultur, Politik, vielfältige Strukturen (Länder, Regionen, Organisationen und Institutionen) und über die europäische Dimension ihrer jeweiligen Gesellschaft wissen?

Die Aufnahme von osteuropäischen Staaten in europäische Organisationen, die bislang von westeuropäischen Ländern geprägt wurden, macht besonders deutlich, dass etliche Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts ihre Ziele noch nicht erreicht haben. Es ist keine leichte Aufgabe, jungen Leuten diese Entwicklung zu erläutern, insbesondere im Hinblick auf die Staaten, die ihre Souveränität jüngst wieder erlangt haben und eine engere Bindung an die Europäische Union anstreben. Viele der Konflikte, die nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden sind, wie im ehemaligen Jugoslawien, können sicher als anachronistisch angesehen werden, dennoch gehören sie zu Europas historischer Gegenwart und müssen in einem europäischen Kontext gelöst werden. Die aktuelle Situation stellt für Lehrer/innen eine große Herausforderung dar: Sie müssen Fakten vermitteln und gleichzeitig brisante Themen behandeln.

Mit anderen Worten: Die bestehenden Unterschiede zwischen europäischen Ländern, Regionen und Ethnizitäten sollten bei aller Betonung der europäischen Dimension nicht verschleiert werden. Die Vermittlung der europäischen Dimension im Schulunterricht darf sich nicht sich in der Hervorhebung der Gemeinsamkeiten erschöpfen. Es ist ebenso wichtig, dass die Schüler/innen die Unterschiede verstehen oder gar schätzen lernen. 

II. Aktivitäten 

Projekt in Zusammenarbeit mit dem Europarat

Von Beginn an gehörten Geschichte und Geschichtsunterricht zu den wesentlichen Beschäftigungsfeldern des Europarats im Erziehungsbereich. Im heutigen politischen Kontext gewinnen sie noch an Bedeutung. Der Steuerungsausschuss für Bildung billigte den Vorschlag zur Durchführung eines neuen Geschichtsunterrichtprojekts zum Thema "Das Bild des Anderen im Geschichtsunterricht". Das Projekt verfolgte folgende Ziele:

  • Anhand von politischen Maßnahmen im Erziehungsbereich und von angebotenen Strategien und Methoden einen Zugang zum Lehren und Lernen von Geschichte zu fördern, der die zunehmende kulturelle und religiöse Vielfalt europäischer Gesellschaften reflektiert.
  • Durch die Förderung von Werten wie Toleranz, Aufgeschlossenheit, Menschenrechte und Demokratie zur Versöhnung, Verständigung und zum gegenseitigen Vertrauen zwischen verschiedenen Kulturen beizutragen. 

Das Projekt befasste sich mit drei Themenfeldern

  1. Viele Bilder, ein Schicksal? - In einer multikulturellen Gesellschaft über Geschichte lernen
    Dieses Thema umfasst zwei Aspekte:
    - Geschichtsunterricht und Bilder, die mit verschiedenen Religionen oder Weltanschauungen verknüpft sind
    - Vielfalt der Herkünfte und Erinnerungen

  2. Fremdbilder und Eigenbilder im Kontext der Globalisierung
    Es galt hier, folgende Aspekte auf ihre Implikationen für den Geschichtsunterricht hin zu untersuchen:
    - Die jüngsten Veränderungen im Selbstbild der Europäer, insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Grenzen
    - Europa und andere Regionen der Welt: Gekreuzte Blicke
    Diese Projektarbeit gehörte zum "neuen Dialog zwischen Europa und ihren Nachbarn".

  3. Das Bild des Anderen in Konfliktsituationen: Verschiedene Geschichten als vertrauensbildende Maßnahme kennen lernen. Die Ergebnisse aus jüngsten Aktivitäten sollten durch die Analyse von früheren Versöhnungsprozessen gefestigt werden, die zur Bildung einer neuen Wahrnehmung der Geschichte der Gegnerpartei(en) geführt haben. Die Lehren, die aus diesen Erfahrungen gezogen werden können, werden besondere Berücksichtigung finden, im Hinblick auf die Bedeutung von Geschichte bei der Verhütung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

III. Ergebnisse und Empfehlungen

Welche Schlüsse konnten wir aus unseren Studien für die Zukunft ziehen? Unsere Publikationen lassen einige allgemeine Feststellungen zu:

Die Verhaltensmuster der jungen Generation weisen stark europäische und sogar globale Gesichtszüge auf. Die meisten Lehrpläne neigen dazu, die Erfahrungswelt junger Leute zu ignorieren. Kinder und Jugendliche wachsen zwar in mitunter gänzlich unterschiedlichen Lebensmilieus auf, jedoch kann man eine zunehmende Tendenz zur "Homogenisierung" der Lebensstile und Erwartungen feststellen.

  • Die soziale und kulturelle Dimension müsste in den Lehrplänen stärker berücksichtigt werden.
  • Die Schulbücher sollten die Schüler/innen an die verschiedenen Bedeutungen des Terminus "Europa" heranführen. Es muss deutlich werden, ob "Europa" sich auf einen geographisch definierten Raum, auf kulturelle Traditionen, auf politische oder wirtschaftliche Systeme bezieht.
  • Europa sollte nicht nur durch seine Institutionen - EU, Europarat, OWZE, etc. - definiert werden. Ein solcher Zugang würde die europäische Integration auf den Zeitraum nach 1945 begrenzen, und die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu Lasten der sozialen und kulturellen Dimension unterstreichen.
  • Die Behandlung von Europa in separaten Schulbuchkapiteln oder -passagen hilft den Schüler/innen, sich auszudrücken und mit ihren Peers auszutauschen.  

Die Europäer haben in geschichtlicher, kultureller, politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht vieles gemeinsam, doch gehen sie von verschiedenen Perspektiven aus: Geschichtliche Ereignisse und Prozesse werden z.B. aus verschiedenen nationalen, ethnischen, religiösen, sozialen oder kulturellen Blickwinkeln wahrgenommen.

Es ist entscheidend für die Bildung einer europäischen Identität, dass unterschiedliche Ansätze harmonisiert und europaweit anerkannt werden. Dies ist in der Vergangenheit viel zu selten geschehen, was zu einer Verschärfung von Interessenkonflikten in Wirtschaft und Politik beigetragen hat.

  • Schulbuch- und Lehrplanvergleiche, der Austausch von Unterrichtsmaterialien, sowie bilaterale und multilaterale Schulbuchempfehlungen fördern die Verständigung, ohne dabei eine Standardisierung vorzuschreiben.
  • Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen der nationalen, der europäischen und der globalen Dimension in Schulbüchern zu finden. Diese Dimensionen sollten sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen. 

Projektleitung

Veröffentlichungen

  • Falk Pingel, "Insegnare l'Europa. Concetti e rappresentazioni nei libri di testo europei", Torino: Fondazione Giovanni Agnelli 2003
  • Falk Pingel, "'Europäisches' in der Schulbuch- und Curriculumsentwicklung. Konkurrenz von lokalen, nationalen und globalen Dimensionen", in: Klaus Schleicher/Peter J. Weber (Hrsg.), Zeitgeschichte europäischer Bildung 1970-2000, Bd. III: Europa in den Schulen, Münster: Waxmann 2002, S. 245-269
  • Rafael Valls Montés et al., "Dimensión europea e intercultural en la enseñanza de las sciencias sociales", Madrid: Sintesís Educación 2002
  • Falk Pingel, "How to approach Europe? The European dimension in history textbooks", in: Joke van der Leeuw-Roord (Hrsg.), History for today and tomorrow. What does Europe mean for school history, Hamburg: Körber Stiftung 2001, S. 205-228
  • Falk Pingel, "The European home: representations of 20th century Europe in history textbooks", Council of Europe, Strasbourg 2000 (französische Ausgabe: "La maison européenne: représentations de l'Europe du 20e siècle dans les manuels d'histoire", Strasbourg 2000)
  • Falk Pingel (Hrsg.), Internationale Schulbuchforschung/International Textbook Research, 18 (1996) Heft 1: Europa/Europe
  • Falk Pingel, "Macht Europa Schule? Die Darstellung Europas in Schulbüchern der Europäischen Gemeinschaft", Frankfurt/M 1995 (italienische Ausgabe: "L'immagine dell'Europa nei manuali scolastici di Germania, Francia, Spagna, Gran Bretagna e Italia", Edizione della Fondazione Giovanni Agnelli, Torino 1994)