Neufundierung von Identitäten und
Geschichtsrevision in Ostasien

Selbstbestimmung, Selbstbehauptung, Fremdwahrnehmung: Neufundierung von Identitäten und Geschichtsrevision in Ostasien seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Unter diesem Titel bewilligte die Volkswagenstiftung ein Forschungsprojekt, das im Rahmen des Programms Konstruktionen des "Fremden" und des "Eigenen": Prozesse interkultureller Abgrenzung, Vermittlung und Identitätsbildung gefördert wurde. Dieses Projekt wurde konzipiert von Frau Prof. Dr. Steffi Richter (Japanologie, Ostasiatisches Institut, Universität Leipzig), Herrn Prof. Michael Lackner (Lehrstuhl Sinologie, Institut für Außereuropäische Sprachen und Kulturen, Universität Erlangen) und Herrn Prof. Wolfgang Höpken (damals Direktor des Georg-Eckert Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig/Historisches Seminar, Universität Leipzig). Inhalte und Wege der Realisierung dieses zweieinhalbjährigen Projektes können wie folgt zusammengefasst werden.

Der "Streit um Geschichtsschulbücher" in Japan und dessen Auswirkungen auch auf seine Nachbarländer zeigt (vgl. dazu: S. Richter und W. Höpken: "Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan". Köln/Weimar/Wien: Böhlau-Verlag, 2003), dass Geschichtsrevisionismus ein globales Phänomen ist. Das o.g. Projekt untersuchte auf der Grundlage nationaler und internationaler Kooperation, wie durch Neuschreibung bzw. Revision von Geschichte Identitäten in der Region Ostasien - mit den Kernländern Japan, China, Taiwan und Korea - neu konstruiert und historisch legitimiert werden: im nationalen Maßstab ebenso wie auf subnational-regionaler und supranationaler Ebene (z.B. "Ostasien").

Aus der Sicht deutschsprachiger area studies und Asienforschung zeichnete sich das Forschungsprojekt durch zwei methodisch-inhaltliche Neuerungen aus: Zum einen lag ihm ein Verständnis von Interkulturalität zugrunde, das - im Unterschied zu den bislang üblichen, kontrastiv dichotomisierenden Vergleichen "Westen"/Europa - "Asien" bzw. eines der genannten asiatischen Länder - die Interdependenz dieser Länder selbst thematisierte. Gegenstand der Untersuchungen war demnach das postkoloniale Ostasien als sich im Prozess der Neuformation befindliche Raumordnung, in der der "Westen" als Projektionsfläche für Identifikationsprozesse in dieser Region selbst von Interesse war. Eine so verstandene Interkulturalität erforderte auch ein entsprechendes methodisches Vorgehen: Die in Betracht gezogenen Akteure wurden nicht als bereits gegebene "autonome" Einheiten verglichen, die einander "beeinflussen", sondern als vielfältige, permanent interagierende konkrete kollektive Subjekte in immer konkreten Kontexten untersucht, in denen sie sich auch durch historische Distinktion und Differenzbildung identifizieren. Diese Prozesse verlaufen asymmetrisch und bringen zugleich Machtverhältnisse in der Region zum Ausdruck, die auch historiografisch artikuliert werden.

Zum anderen war Intermedialität ein zentrales inhaltliches Anliegen wie auch grundlegendes methodisches Vorgehen, für dessen Realisierung die Kooperation mit Partnern aus den genannten ostasiatischen Ländern unabdingbar war. Das Phänomen Geschichtsrevision in Japan, China, Taiwan und Korea wurde untersucht a) im Rahmen der professionellen Geschichtsschreibung (historiographische Diskurse), b) im Medium Schulbuch, c) in populären Medien wie Film/Fernsehen, Internet, Manga und anderen Massenprintmedien. Ein zentrales Problem war auch hier, wie diese verschiedenen Diskursebenen und Medien miteinander vernetzt sind, welche Rolle im Zeitalter der medialen Revolution akademische Geschichtsschreibung und Schulbücher spielen können und sollen, in welchem Zusammenhang insbesondere auch neue Medien, neonationalistische Geschichtsrevision und ihre breite, generationsübergreifende und zugleich generationsspezifische Akzeptanz stehen. Herausgearbeitet wurden nicht nur historische Themen und Topoi, die aus je unterschiedlicher Perspektive neu erzählt oder aber "vergessen" werden, um die vielfältigen, auch konkurrierenden eigenen Identitäten (einschließlich der von Minderheiten) sowie Bilder des/der Anderen geschichtlich zu fundamentieren. Auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Erzählstilen, Darstellungs- und Argumentationsweisen, in den Techniken der Popularisierung dieser Themen und Identitätsbilder wurden untersucht.

Dem Medium Schulbuch kam dabei deshalb eine besondere Aufmerksamkeit zu, weil a) in den je verschieden konfuzianisch geprägten Lerngesellschaften Ostasiens den darin sedimentierten schriftgelehrten Geschichts- und ethischen Auffassungen bzw. Werten nach wie vor eine große Bedeutung bei der Bildung von Persönlichkeiten, von loyalen Staatsbürgern beigemessen wird; und weil b) Historiografie traditionell vor allem in Phasen des Umbruchs eine Folie für die Diskussion politischer, zeitgenössischer Themen bildet und ihre Sedimentierung in Schulbüchern mithin heftige Auseinandersetzungen in diesen Gesellschaften wie auch zwischen ihnen auszulösen vermag. Das verdeutlicht der von japanischen Revisionisten ausgelöste "Schulbuch-" und "Historikerstreit", der - wie eingangs erwähnt - auch im Hintergrund des beantragten Projektes stand.

Zur Realisierung des Gesamtprojektes wurden drei Teilprojekte konzipiert

  1. Nationale und regionale Identitätskonstruktionen in Geschichtsdiskursen in der VR China und in Taiwan (vor allem für letzteres unter Berücksichtigung des postkolonialen Zusammenhanges mit Japan) seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts

  2. Die postkoloniale Konstellation Japan-Korea (Schwerpunkt Republik Korea) seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Geschichtsrevisionismus, Nationalismus und Versuche, eine gemeinsame Geschichte Ostasiens zu schreiben und zu lehren

  3. Geschichts- und andere Schulbücher und Neufundierung historischer Identität in China, Taiwan, Japan und Korea.

Alle drei Teilprojekte erforderten ein entsprechend multilinguales und transdisziplinär arbeitendes Personal sowie Interkulturalität auch als Forschungspraxis. Eine ganze und zwei halbe Stellen (je an den drei teilnehmenden Instituten verankert) wurden daher eingerichtet, sowie Gelder für Werkverträge vorgesehen, über die jeweils in Japan, China, Taiwan und Korea Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen "vor Ort" mit uns kooperierten. Die Ergebnisse des Projektes wurden Ende 2005 auf einer abschließenden internationalen Tagung in Leipzig sowie in einschlägigen Publikationen präsentiert.

Veröffentlichung

  • Richter, Steffi (ed.) (2008). Contested Views of a Common Past. Revisions of History in Contemporary East Asia.. Frankfurt/New York: Campus.