Jenseits der nationalen Geschichtserzählung: Weltgeschichte in den USA und Deutschland

Beim Reden über Globalisierung, die häufig und fälschlicherweise lediglich als ein Phänomen des 20. Jahrhunderts begriffen wird, kann nicht übersehen werden, dass das Denken in nationalen Einheiten so gut wie nichts an seiner strukturierenden Orientierungskraft eingebüßt hat. Nationen behaupten sich nachhaltig, nicht nur in der Realität politischer und häufig genug militärischer Auseinandersetzungen, sondern auch in unseren Mentalitätsstrukturen.

Nationale Konflikte, häufig von ethnischen Konflikten überlagert, haben in Teilen der Welt traurige Hochkonjunktur. Die Nation als Konzept und als strukturierende Wirklichkeit ist in den letzten Jahrzehnten von innen wie von außen unter Beschuss geraten. Im Unterricht über Weltgeschichte wird versucht, ein über die nationale Perspektive hinausweisendes Verständnis der Welt (und der eigenen Geschichte) zu vermitteln. Das hat vielfältige Implikationen für das Geschichtsverständnis wie für das Selbstverständnis von Lehrenden und Lernenden. Diese stellen sich (wie die meisten Menschen überhaupt) Geschichte nach wie vor als eine Ansammlung und einen Zusammenhang nationaler Geschichten vor. Doch einerseits wächst die Bedeutung supranationaler Zusammenhänge kontinuierlich, andererseits ist in den letzten zwanzig Jahren die Bedeutung von Gruppen-Geschichten (soziale Schichten, Geschlechter, Alters-Kohorten und ethnische Gruppen) unterhalb der nationalen Ebene ständig wichtiger geworden.

Weltgeschichte als Antwort auf die globalisierten Strukturen der Gegenwart und als Versuch diese zu begreifen, gewinnt an Schulen und Universitäten an Bedeutung. In den USA hat sich das bereits in Veränderungen der Schul- und Hochschul-Curricula niedergeschlagen. 1994 wurden für High Schools National Standards erarbeitet, was in der Folgezeit zu lebhaften und scharfen Konflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen geführt hat. Diese culture wars haben sogar den Kongress erreicht (siehe allgemein zur Auseinandersetzung um die National Standards: Gary Nash, Charlotte Crabtree, and Ross E. Dunn, History on Trial. Culture Wars and the Teaching of the Past (New York: Knopf, 1997) und Paul Nolte, "Ein Kulturkampf um den Geschichtsunterricht. Die Debatte um die ‚National Standards' in den USA" in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997): 512-32) In den Vereinigten Staaten machen Kurse zur Weltgeschichte in Colleges und High Schools den traditionellen Kursen über western civilization Konkurrenz. Das hat sowohl mit der Veränderung "der Welt" selber (und der Notwendigkeit diese zu begreifen), als auch damit zu tun, dass sich zahlreiche ethnische Gruppen in der US-amerikanischen Gesellschaft im eurozentrischen Selbstverständnis von white America und in der Europa-fixierten Ursprungs-Geschichte der Vereinigten Staaten nicht wiedererkennen können und wollen. Sie sind nicht mehr bereit, die europäischen Wurzeln der USA als ihre eigenen oder als die ganze Geschichte zu begreifen.

In den USA ist die Reaktion darauf widersprüchlich: Manche fürchten eine Fragmentierung des historischen Verstehens, andere begrüßen eine längst fällige Relativierung und Pluralisierung. Auch in Europa steht zu erwarten, dass Weltgeschichte in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird. In dem Maße, in dem auch die europäischen Gesellschaften sich zunehmend als Migrationsgesellschaften begreifen, wird sich auch in Europa ein ethnisch pluralisierendes Geschichtsverständnis durchsetzen, auf das "Weltgeschichte" eine mögliche Antwort ist. Einige deutsche Bundesländer haben den Ansatz der "Einen Welt" bereits in neue Curricula integriert. 

Laufzeit

  • 2002-2005

Projektleitung

  • Hanna Schissler

Kooperationspartner

  • Professor Dr. Susanne Popp
  • PD Dr. Matthias Middell
  • Dr. Peter Lautzas

Veröffentlichungen

  • Hanna Schissler, „World History: How to Comprehend the Present“, (in Chinese) in: Academic Research, Fudan University Shanghai, no 3, 2005, pp. 83-92
  • Hanna Schissler and Yasemin Nohoglu Soysal: „The Nation, Europe and the World. Textbooks in Transition“, New York: Berghahn Books 2005
  • Hanna Schissler, „World History: Making Sense of the Present“, in: The Nation, Europe and the World. Textbooks in Transition, co-editor with Yasemin Nohoglu Soysal, New York: Berghahn Books, 2005, pp. 228-45
  • Hanna Schissler, „Weltgeschichte als Geschichte der sich globalisierenden Welt“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, vol. 1/2005,
    pp. 3-10
    http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=O1AVSF
  • Hanna Schissler, „Weltgeschichte als Zeitgeschichte. Orientierungsbedürfnisse der Gegenwart am Beispiel der USA und Deutschlands“, in: Curriculum Weltgeschichte. Globale Zugänge für den Geschichtsunterricht, edited by Susanne Popp and Johanna Förster, Schwalbach: Wochenschau, 2003, pp. 173-95
  • Matthias Middell, Susanne Popp and Hanna Schissler, „Weltgeschichte im deutschen Geschichtsunterricht. Argumente und Thesen“, in: Internationale Schulbuchforschung/International Textbook Research, vol. 24. 2003, pp. 149-54
  • Hanna Schissler, „Der eurozentrische Blick auf die Welt. Außereuropäische Geschichten und Regionen in deutschen Schulbüchern und Curricula“ (expert's report for the Office of the Federal President), in: Internationale Schulbuchforschung/International Textbook Research, vol. 24. 2003, pp. 155-66