Studien zur Internationalen Schulbuchforschung

In den Studien zur internationalen Schulbuchforschung, der Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts, werden die Ergebnisse der Forschungsarbeit publiziert. Ab Band 122 wird sie als Eckert. Die Schriftenreihe fortgeführt.

Band 121

Thomas Strobel und Robert Maier (Hrsg.): Das Thema Vertreibung und die deutsch-polnischen Beziehungen in Forschung, Unterricht und Politik.

Das Thema „Vertreibungen“ begleitete die Arbeit der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission von Beginn ihrer Arbeit an. Während der Phase der Formulierung der  „deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen“ (1972–75) drohten die gesamten Gespräche an der Frage zu scheitern, ob der Terminus „Vertreibung“ in die Empfehlungen Eingang finden sollte. Nach behutsamen Thematisierungsversuchen bis 1989, bewegten sich die Historikergemeinden beider Länder nach der „Wende“ in dieser Frage so offen aufeinander zu, dass das Thema jede Brisanz zu verlieren schien. Es erschienen zahlreiche – einige davon in binationalen Autorenteams erarbeitete – Werke, die das mit der Vertreibung der deutschen und polnischen Bevölkerungsgruppen verbundene Geschehen vorbehaltlos aufarbeiteten.

Dass sich ab 2002 eine derart turbulente Debatte um das Thema entzündete, war für viele Historiker eine Überraschung. Als sich diese Turbulenzen um das Thema Vertreibung als ein nicht nur vorübergehendes Phänomen erwiesen, beraumte die Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission eine Tagung an, die erstmals ausschließlich dem Thema Vertreibung gewidmet war. Die zum Teil überarbeiteten Beiträge dieser Konferenz bilden das Grundgerüst des vorliegenden Bandes. Er ist das Ergebnis eines deutsch-polnischen Dialogs. Er beleuchtet auf verschiedenen Ebenen den deutschen wie den polnischen Vertreibungsdiskurs, benennt deren Akteure, analysiert deren Struktur und ermöglicht Vergleiche. Weitere Beiträge, darunter Schulbuchanalysen, Schüler-Befragungen, Unterrichtserfahrungen, Überlegungen zum Zeitzeugeneinsatz, Angebote für die Schule, ergänzen den Band und machen ihn zu einem wichtigen Beitrag nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Fachdidaktik und Schulpraxis.


Band 120

Madlen Benthin: Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa. Deutsche und tschechische Erinnerungskulturen im Vergleich.

  • 2007. 155 S.
  • ISBN-10: 3-88304-320-6
  • ISBN-13: 978-3-88304-320-3
  • Preis: 9,- €
  • Inhaltsverzeichnis

Der Begriff Erinnerungskultur reflektiert gesellschaftlich Kommunikation über die Vergangenheit. Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmittel- und Südosteuropa hat im bundesrepublikanischen Geschichtsdiskurs ihren angestammten Platz. Als Thema war sie selten zentral, aber äußerst beständig, und stets in der Lage, eine große gesellschaftliche Resonanz hervorzuheben.
In einer seit langem nicht mehr zu beobachtenden Intensität widmen sich gegenwärtig vor allem die Medien diesem Thema. Das Abtreten der Zeitzeugen-Generation ruft die Frage nach einer musealen Repräsentation der Vertreibung auf den Plan. die darüber geführten Diskussionen werden von dem Vorwurf beherrscht, es würde der Versuch einer Neukonturierung der bundesdeutschen historischen Identität unternommen. Es geht um die Integration von Opfererfahrung in ein kollektives Gedächtnis, das bislang vorrangig aus der Verantwortung deutscher Täterschaft geformt war. Die Revitalisierung des Vertreibungsdiskurses ist keineswegs als ein rein deutsches Phänomen anzusehen. In ostmitteleuropäischen Ländern sowie in Griechenland und der Türkei lassen sich momentan ebenfalls Debatten beobachten, welche sich mit der historishcen Erfahrung von Vertreibung, ihren Hypotheken und Traumata beschäftigen.
Gegenstand dieser Publikation ist die Frage, wie derartige Diskurse in der Historiographie und Öffentlichkeit verlaufen und wie Geschichtslehrbücher im Besonderen darauf reagieren. In einem sowohl chronologisch als auch regional angelegten Vergleich wird die Beschäftigung mit dem Vertreibungsthema in der alten und wiedervereinigten Bundesrepublik, der DDR und der Tschechischen Republik seit den 1950er Jahren nachgezeichnet. Das Schulbuch spielt in jedem politischen System eine tragende Rolle bei der Tradierung von historischem Wissen und leistet aufgrund seiner Breitenwirkung auch heute noch einen wesentlichen Beitrag bei der Ausformung kulturell begründeter Selbstbilder. Es ist als Element von historischer Sozialisation und Bewusstseinsbildung letztlich selbst Teil der Erinnerungskultur einer Gesellschaft. Als kategoriales Raster der Schulbuchanalyse dienen vier analytische Themenfelder: Ideengeschichte und Grundlagen von Vertreibung; Genese, Motive und Ziele der Umsiedlungs- und Vertreibungspläne; Verlauf der Vertreibungen; Folgen für Herkunftsgebiete, Aufnahmeländer und Betroffene.


Band 119

Georg Stöber (Hrsg.): Deutschland und Polen als Ostseeanrainer.

  • 2006. 149 S.
  • ISBN-10: 3-88304-319-2
  • ISBN-13: 978-3-88304-319-7
  • Preis: 15,- €
  • Inhaltsverzeichnis

Im Bewusstsein der bundesrepublikanischen Bevölkerung steht die Ostsee (neben der Nordsee) für Strandurlaub, aber auch für Umweltverschmutzung, für „die schönsten Tage des Jahres“ wie für ihre Gefährdung durch Algenblüte und Ölteppiche – Aspekte, die auch in Polen inzwischen eine Rolle spielen. Für Polen ist die Ostsee aber auch Verbindung zur Welt, für Deutschland nur zu den anderen Ostseeanrainern. Die Rede vom „europäischen Meer“, das die Küsten des Mare Balticum verbindet, aber auch in seinem Erhalt vom gemeinsamen Wirken der Anrainerstaaten abhängt, tauscht die nationale gegen eine „europäische“ Perspektive ein. Der Geographieunterricht spiegelt solche Positionen.

Dieser Band versteht sich vor allem als Anregung, derzeitige schulische Zugriffe zu reflektieren und ggf. zu überdenken. Wichtig hierbei ist besonders die grenzüberschreitende Perspektive, die aus Sicht der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission auch bei Themen lohnend erscheint, die bislang vor allem im nationalen Kontext abgehandelt werden.


Band 118

Andreas Helmedach (Hrsg.): Pulverfass, Powder Keg, Baril de Poudre? Südosteuropa im europäischen Geschichtsschulbuch / South Eastern Europe in European History Textbooks

  • 2007. 316 S.
  • ISBN-10: 3-88304-318-6
  • ISBN-13: 978-3-88304-318-0
  • Preis: 20,- €
  • Inhaltsverzeichnis

In diesem Buch wird gezeigt, dass die Geschichtsregion Südosteuropa (bzw. der „Balkan“) in den europäischen Schulbüchern noch immer nicht adäquat repräsentiert, ja die Beschäftigung mit diesem Teil unseres Kontinents häufig sogar gezielt vermieden und umgangen wird. In west- und mitteleuropäischen Schulbüchern erscheint Südosteuropa wenn überhaupt, dann praktisch ausschließlich als Problemgebiet – eben als „Pulverfass“. Im südosteuropäischen Schulbuch dagegen verschwindet die historische Großregion traditionell hinter der nationalstaatlichen Sichtweise, die erst in letzter Zeit in den Geschichtsschulbüchern der meisten Länder wenigstens um eine gesamteuropäische ergänzt worden ist. Deutlich gemacht wird dies anhand von insgesamt zwölf Schulbuchanalysen, in denen die Behandlung des nachbyzantinischen Südosteuropas im britischen, deutschen, französischen, griechischen, italienischen, kroatischen, rumänischen, serbischen, slowakischen und ungarischen Geschichtsschulbuch der Gegenwart sowie die Darstellung von Byzanz in aktuellen deutschen, französischen und englischen Schulbüchern untersucht wird. Schließlich präsentiert der Herausgeber im Schlusskapitel des Bandes Vorschläge für eine bessere und angemessene Repräsentation Südosteuropas im deutschen Geschichtsschulbuch.


Band 117

Elisabeth Erdmann / Robert Maier / Susanne Popp (Hrsg): Geschichtsunterricht international - Bestandsaufnahme und Visionen. Worldwide Teaching of History - Present and Future. L'enseignement de l'histoire dans le monde - Bilan et visions.

Nationale Geschichte oder die Geschichte der Welt? Daten- und Fakten kenntnis oder methodische Fertigkeiten? Erziehung zum selbstbewussten demokratischen Bürger - aber wie? Was soll der Geschichtsunterricht leisten? Wie soll die Lehrkraft die Ziele in einem streng abgesteckten Lehrplan umsetzen? Diese Fragen werden im vorliegenden Band von internationalen Fachleuten bearbeitet. Die Beiträge geben einen Überblick über die neuesten Forschungsergebnisse und die curricularen Richtlinien. Die Bestandsaufnahme wurde auf einer Konferenz der Internationalen Gesellschaft für Geschichtsdidaktik im September 2003 in Tutzing diskutiert. Die Beiträge dokumentieren die Ergebnisse dieser Debatte und entwickeln sie weiter.

National history or world history? Factual knowledge or methodological skills? Formation of a self-conscious, democratically-minded citizen - but how? Which goals should history teaching achieve? How can teachers implement these goals within a strictly defined curriculum? These questions are tackled in this volume by international experts whose articles provide an overview of the most recent research findings and of curricular guidelines. The assessment of the state-of-the-art was discussed at a conference held in Tutzing/Germany, in September 2003, by the International Society for History Didactics. The articles document and further develop the conclusions that emerged from the debate.

Histoire nationale ou histoire mondiale? Connaissance des dates et événements ou compétences méthodologiques? Formation de citoyens conscients d'eux-mêmes qui défendent les valeurs de la démocratie - oui, mais comment? Quels objectifs l'enseignement de l'histoire doit-il atteindre? Comment les enseignants peuvent-ils réaliser ces objectifs dans le cadre d'un programme d'enseignement strictement défini? Ces questions sont abordées dans le présent ouvrage par des experts internationaux, dont les articles fournissent un aperçu des plus récents résultats de la recherche et des grandes lignes directrices des programmes d'enseignement. Le bilan de l'état des lieux a fait l'objet de discussions dans le cadre d'une conférence organisée à Tutzing/Allemagne en septembre 2003 par la Société Internationale pour la Didactique de l'Histoire. Les articles document et développent plus avant les conclusions issues de ce débat. 

  • Vergriffen

Band 116

Gisela Teistler (Hrsg): Lesen lernen in Diktaturen der 1930er und 1940er Jahre. Fibeln in Deutschland, Italien und Spanien.

Der einzigartige historische Bestand an Fibeln im Georg-Eckert-Institut bildet die Grundlage für diesen Band, der einen Ausschnitt aus der Zeit der faschistischen Diktaturen in Deutschland, Italien und Spanien präsentiert und aus einer im Juni 2004 veranstalteten Tagung im Georg-Eckert-Institut hervorgegangen ist.
15 Autoren haben versucht, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Anhand welcher Unterrichtsmaterialien vollzog sich das Lesenlernen in der Schule während der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland, unter dem Faschismus in Italien und während der Franco-Ära in Spanien? In welcher Weise wurden bereits die Erstlesebücher als Instrumente staatlicher Indoktrination missbraucht? Inwiefern hatten die Kirchen Einfluss auf die Gestaltung der Fibeln? Welches gesellschaftliche Bild spiegeln die Fibeln, insbesondere im Hinblick auf das Genderthema? Sind die Inhalte vergleichbar und wo unterscheiden sie sich?
Untersucht werden nicht nur die Texte, sondern auch die Illustrationen. Entsprechend enthält der Band eine Fülle von farbigen Abbildungen aus den Fibeln und vermittelt somit ein lebendiges Bild der schulischen Leselernbücher in den drei rechtsdiktaktorischen Regimen der 1930er und 1940er Jahre.


Band 115

Markus Furrer: Die Nation im Schulbuch - zwischen Überhöhung und Verdrängung. Leitbilder der Schweizer Nationalgeschichte in Schweizer Geschichtslehrmitteln der Nachkriegszeit und Gegenwart.

Die Schweiz - so der Befund von Historikern - verdankt ihre Identität der Geschichte. Es ist daher kein Zufall, dass im schweizerischen Kleinstaat dem Geschichtsbild ein großes Gewicht zukommt.
Die Studie analysiert auf der Basis von Geschichtslehrmitteln dieses Bild und leuchtet die nationalgeschichtliche Dimension darin aus. Es ist die Geschichte eines „Willensaktes”. Der Willensakt als Kern des historischen Geschehens wurde in der national-liberalen und teleologisch ausgerichteten Sichtweise der Lehrmittel stark überhöht und auf sich allein zurückgeworfen. Dadurch hielt sich bis in die 1980er Jahre in den Büchern das Bild einer selbstgenügsamen und isolierten Schweiz - in der Gesellschaft ist dieses Bild bis in die Gegenwart stark präsent. Die nationale Dimension erweist sich heute als Falle: die Fixierung auf das Innen blockiert die Öffnung zum Außen. Es stellt sich nicht nur für die Schweiz die Frage, wie das Nationale künftig beleuchtet werden kann. Die Studie entwickelt hier am schweizerischen Modell Antworten.


Band 114

Wolfgang Pauels: The Yellow Devil and the American Dream. Materials on the USA and East-Central European Textbooks.

Bekanntlich sind politische Informationen in totalitären Staaten in der Regel so gefiltert, dass die Bevölkerung möglichst nur das Wissen erhält, das den politischen Zielen und Vorstellungen dieser Staaten dient. Man kann daher davon ausgehen, dass vor 1989 in den ehemaligen Ostblockländern insbesondere die in Schulen und anderen Ausbildungsstätten zugelassenen Lernmaterialien diese Funktion als Lenkungsinstrumente - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - erfüllten.

Ein besonders kritisches Feld war der Fremdsprachenunterricht Englisch, da er sich auf die englischsprachige westliche (kapitalistische) Welt bezog und über die Vermittlung der Sprache hinaus den Schülern auch die Zielsprachenkultur und Gesellschaft im weitesten Sinne nahe brachte. Deshalb werden in diesem Band Lehrwerke für Englisch ausgewählter Länder des früheren Ostblocks daraufhin analysiert, wie die USA repräsentiert und welche Themen und Gegenstände ausgewählt wurden. Die Analyse bezieht sich auf die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und auf Ungarn. Dabei steht die Beschreibung der dort angebotenen Themen im Vordergrund, um den Informationsstand und die Beurteilung der USA aus der damaligen Perspektive dieser Ostblockländer darzustellen.

Ebenso werden mit der gleichen Intention Lehrwerke für Englisch als Fremdsprache nach der politischen Wende in Russland, der Tschechischen Republik und Ungarn analysiert, um einen Ausschnitt der noch anhaltenden Veränderungen mit Blick auf die Darstellung der USA aufzuzeigen und so zu einer Erweiterung politisch-historischer Kenntnis beizutragen.


Band 113

Heidrun Dolezel und Andreas Helmedach (Hrsg.): Die Tschechen und ihre Nachbarn.Studien zu Schulbuch und Schülerbewusstsein.

Wer sich für die Verständigung benachbarter Völker einsetzt, kann deren Schulbücher nicht außer Acht lassen. Immer wieder richtete darum die Historische Kommission für die böhmischen Länder ihre Aufmerksamkeit auf die Geschichtsschulbücher und ihre Rolle im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen (bzw. früher der Tschechoslowakischen) Republik. Sie suchte dabei die Zusammenarbeit mit dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, dessen raison d'être die Schulbuchrevision im Dienste des Friedens ist. Auch dieser Band ist aus einer solchen Zusammenarbeit hervorgegangen. Er versammelt die überarbeiteten und um weitere Fallstudien ergänzten Beiträge der von der Historischen Kommission für die böhmischen Länder in Zusammenarbeit mit dem Georg-Eckert-Institut vom 9. bis zum 11. Mai 2003 in Bad Wiessee veranstalteten Tagung "Nach der Wende: Nachbarn im Schulgeschichtsbuch".
Ausgehend von Schulbucherwartungen und Schulbuchpraxis bei Lehrern und Schülern behandelt er das Bild der mitteleuropäischen Nachbarn in den Schulbüchern wie im Schülerbewusstsein Tschechiens und Deutschlands mit Ausblicken nach Polen, Österreich sowie auf die slowakisch-ungarischen Schulbuchbeziehungen, aber auch auf die Behandlung von Minderheiten - sozusagen Nachbarn im eigenen Land - in den aktuellen Geschichtsschulbüchern der Tschechischen Republik. Zudem wird ein Überblick über vier Jahrzehnte Schulbuchverständigung gegeben und die Frage nach dem Stellenwert Europas im schulilschen Geschichtsunterricht gestellt.


Band 112

Robert Maier (Hrsg.): Zwischen Zählebigkeit und Zerrinnen. Nationalgeschichte im Schulunterricht in Ostmitteleuropa.

Eine Umfrage in Tschechien ergab: „Nicht nur Heydrich, sondern auch andere nationalsozialistische Funktionäre gehören zu den den tschechischen Schülern bekanntesten Gestalten der deutschen Geschichte.” „Die Deutschen werden als die gefährlichsten Nationalisten eingestuft.” über die Hälfte der tschechischen Jugendlichen sieht in den Deutschen eine Art „Erbfeind”.

Wie verhalten sich die Schulbücher zu diesen Befunden? Der vorliegenden Band belegt, dass speziell in Ostmitteleuropa die „nationalgeschichtliche Betrachtung” noch vielfach die Quintessenz des Geschichtsunterrichts darstellt. Der „Patriotismus” ist manchenorts als Bildungsziel tief verankert; die allgemeine Geschichte ist nur Hintergrund für die Darstellung der nationalen Geschichte; patriotische Lieder und „berühmte emigrierte Landsleute” werden als verbindlicher Lehrstoff definiert; vom Geschichtsunterricht wird verlangt, die „nationale und ethnische Identität” zu stärken, nationalen Stolz hervorzurufen und die Notwendigkeit der Landesverteidigung zu propagieren. In der Aufzählung der Leidensgeschichten werden Schulbücher zur Autobiographie der eigenen Nation, das Leiden der Anderen – auch der Minderheiten – wird marginalisiert oder übergangen. Die Momente größter territorialer Entfaltung des eigenen Staates werden in den Schulmedien als „Standbilder” festgehalten und wie Ikonen verehrt. Dennoch ist spürbar, wie ein Modernisierungsdruck diese Darstellungsweisen in die Defensive drängt. Nationale Selbstgewissheiten werden fragwürdig; Ethnozentrik trifft zunehmend auf Ablehnung, der verbindliche nationale Wissenskanon ist in Auflösung; Schulreformen und didaktisch-methodische Neuerungen fördern Pluralität, Kontroversität, kritische Ansätze, Bemühen um Sachlichkeit und faire Darstellung. Schüler und Schülerinnen sind nur mehr beschränkt bereit, primitive negative Stereotypisierungen einfach hinzunehmen.

Auf der Basis von Lehrplan- und Schulbuchanalysen sowie von Schülerbefragungen werden diese Entwicklungen in Polen, Tschechien, der Slowakei und Weißrussland nachgezeichnet. Deutschland ist in seinen beziehungsgeschichtlichen Bezügen zu Ostmittel-europa in die Untersuchung integriert. Frankreich dient als „äußerer” Orientierungspunkt. Neben Geschichtsbüchern werden auch Schulbücher für Sozialkunde und Literatur herangezogen. Grenzen und Möglichkeiten multiperspektivischer Betrachtung und relativierender Historisierung des Nationalstaats werden an einem unterrichtspraktischen Modell vorgeführt.


Band 111

Georg Stöber (Hrsg.): Der Transformationsprozess in (Ost-)Deutschland und in Polen.

Mehr als ein Jahrzehnt ist ins Land gegangen, seit der "Eiserne Vorhang" fiel und der Sozialismus in den Ländern östlich dieser Linie als Ordnungsprinzip abgelöst wurde durch die Leitbilder Markt und Pluralismus. In allen Bereichen, nicht nur in der ökonomie, haben tiefgreifende Wandlungsprozesse eingesetzt und sind dabei, neue Strukturen herauszubilden.

Der Strukturwandel verändert(e) auch den Gegenstand erdkundlichen Lehrens und Lernens. Daher wählte die geographische Sektion der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission den Transformationsprozess zu ihrem Themenschwerpunkt auf der XXX. Schulbuchkonferenz im Jahre 2002. Hierbei ging es nicht nur um den Niederschlag, den die Transformation bislang in den Geographieschulbüchern beider Länder findet, sondern auch um die fachwissenschaftliche Sicht auf die für den Geographieunterricht bedeutsam erscheinenden Prozesse und Strukturen. Die Beiträge der Konferenz sind Inhalt dieses Bandes. Sie richten sich an Lehrerinnen und Lehrer und alle anderen Interessierten, denen sie einen fundierten Einstieg in die Thematik unter geographischer Perspektive ermöglichen sollen.


Band 110/1

Ruth Firer and Sami Adwan: The Israeli-Palestinian Conflict in History and Civics Textbooks of Both Nations. Ed.: Falk Pingel.

Band 110/1enthält eine umfassende Analyse der in den 90er Jahren in Israel und Palästina eingesetzten Schulbücher. Die israelische Autorin Ruth Firer hat mit ihren Studien im Bereich der Friedensforschung am Truman Institute for the Advancement of Peace an der Hebräischen Universität von Jerusalem Ansehen erworben. Sie untersucht, inwieweit Bücher und Curricula von einer Kriegs- oder Friedenskultur beeinflußt wurden. In den älteren Büchern werden die Palästinenser als selbständiges Volk kaum erwähnt und sind lediglich als Beteiligte des arabischen Widerstandes gegen die Gründung des Staates Israel dargestellt. Einige der neuesten Schulbücher weisen deutliche Veränderungen auf, die das wachsende Bewusstsein in Israel für Fakten, die zuvor nicht wahrgenommen wurden, reflektieren, da waren Thesen der sogenannten "Neuen Historiker" einbeziehen, die unter dem Verdacht stehen, die zionistischen Grundprinzipien aufzugeben.

Sami Adwan, der palästinensische Autor, Erziehungswissenschaftler an der Universität von Bethlehem, hat die ägyptischen und jordanischen Schulbücher unter die Lupe genommen, die immer noch in einigen palästinensichen Klassen eingesetzt werden. Erst in den neueren Schulbüchern, herausgegeben unter der Schirmherrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde und erstmals erschienen im Schuljahr 2000/2001, stellt er einen eindeutigen Versuch zur Schaffung einer palästinensischen Identität fest. Doch wie kann man palästinensische Schüler zur gewaltfreien Konfliktlösung anleiten, wenn sie in ihrem Alltag von Gewalt umgeben sind? Während einerseits Gandhi als Modell für friedlichen Widerstand dient, werden andererseits Märtyrer, die für ihr Volk sterben, verherrlicht. Die Israelis werden fast ausschließlich als Besatzungsmacht dargestellt.
Beide Autoren heben hervor, dass der Prozess der Schulbuch- und Curriculumverbesserung vorsichtig und unter Einbeziehung von Lehrern fortgeführt werden sollte. Um zu einer gemeinsamen Sicht zu gelangen, müssen beide Seiten anerkennen, dass sie verschiedene Betrachtungsweisen ihrer eigenen Geschichte haben.


Band 110/2

Falk Pingel (Ed.): Contested Past, Disputed Present. Curricula and Teaching in Israeli and Palestinian Schools.

Band 110/2 behandelt die Entwicklung von Lehrplänen für Geschichte und Politik / Staatsbürgerkunde vor dem Hintergrund der politischen und bildungspolitischen Debatte in Israel und Palästina. Weiterhin geben zwei Unterrichts-
einheiten einen Einblick in die Behandlung des Konflikts in der Schule. Beide Seiten haben das Gefühl, dass die jeweils andere Seite die Konfliktsituation ausnutzt und beide glauben, dass sich die internationale Gemeinschaft mit der jeweils anderen Partei verbündet.
Die Debatte über palästinensische und israelische Schulbücher und Curricula hat sich weit über die Grenzen Israels und der palästinensischen Gebiete ausgebreitet. Die Beiträge israelischer, palästinensischer, amerikanischer und deutscher Wissenschaftler sollen beiden Seiten helfen, zu einem rationaleren Urteil im Bildungsbereich zu kommen; zugleich treten sie für Vermittlung statt Konfrontation ein.


Band 82/C

Becher, Ursula A. J., Włodzimierz Borodziej u. Robert Maier (Hrsg.): Deutschland und Polen im zwanzigsten Jahrhundert. Analysen - Quellen - didaktische Hinweise.

  • 2001, [Nachdruck 2003]. 432 S. - (Deutsche und Polen, Geschichte einer Nachbarschaft, Teil C)
  • ISBN 3-88304-141-6    
  • Preis: 9 €
  • Inhaltsverzeichnis

Die friedliche Entwicklung und gelingende Integration Europas, denen unser aller Interesse gelten muss, setzt eine Verständigung der Nachbarn über die Deutung ihrer gemeinsamen, oft schwierigen Geschichte voraus. Zu dieser wichtigen Aufgabe möchte der vorliegende Band einen Beitrag leisten: Er untersucht die zentralen Themen und Probleme, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert bestimmt haben oder die beide Völker beschäftigt haben. Diese Aufgabe haben deutsche und polnische Historiker und Historikerinnen übernommen, die ihre spezifischen Sichtweisen, Einstellungen, Erkenntnisse in die gemeinsame Arbeit einbringen. Deutsche und polnische Leser und Leserinnen erfahren auf diese Weise einen Blick von außen auf ihr Land und seine Geschichte. Dieser Perspektivenwechsel ermöglicht eine Differenzierung gängiger Urteile und traditioneller Denkgewohnheiten und bereichert unsere Vorstellungen von der deutsch-polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert.

Der Band ist nach Themen geordnet. Er gliedert sich in Sachanalysen, didaktische überlegungen und einen umfangreichen Materialienteil, der schriftliche Quellen unterschiedlicher Art - offizielle politische Schriftstücke, Deutungen von Zeitzeugen und Historikern, Erfahrungsberichte von Deutschen und Polen, literarische Zeugnisse, Gedichte und Lieder - dazu zahlreiche Bilder und Fotographien, Plakate und Karikaturen enthält.

Er richtet sich zunächst an Lehrer und Lehrerinnen, die ihren Geschichts- und Politikunterricht durch die deutsch-polnische Thematik erweitern und vertiefen wollen. Das Buch dürfte aber - nicht zuletzt wegen seines reichhaltigen Materialienteils - auch Schüler und Schülerinnen, Studenten und Studentinnen und alle an der Zeitgeschichte Interessierten ansprechen. Es ist zu einem vielseitigen Lesebuch geworden, das zu einer faszinierenden Lektüre einlädt.


Bezug weiterer Studien

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