Bianca Roters

Bianca Roters studierte an der TU Dortmund und der University of Virginia Germanistik, Anglistik/Amerikanistik und Erziehungswissenschaft (Erstes Staatsexamen), promovierte an der Universität Bielefeld mit einer interdisziplinären Arbeit zur Lehrerprofessionalisierung und beendete Anfang 2013 ihr Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Seit April 2013 ist sie Geschäftsführerin des interdisziplinären Lehrerforschungszentrums an der Universität zu Köln.


Der Vergangenheit auf der Spur….
Kulturelle Erinnerung in literarischen Texten

Bianca Roters

Die Frage aber lautet: Kann die Geschichte des Holocaust überhaupt vermittelt werden? Ich glaube nicht. Trotzdem, wir müssen es versuchen. Ich weiß, ich bin unfähig dazu, aber ich werde niemals aufgeben, es zu versuchen. (Elie Wiesel)

Direkt nach meinem Referendariat erhielt ich die Gelegenheit zu einem dreiwöchigen Aufenthalt am GEI in Braunschweig. Nachdem Lehrwerke zwei Jahre lang meinen Unterricht vor allem in der Sekundarstufe I inhaltlich und methodisch beeinflusst haben, konnte ich sie nun einem verstärkt analytischen Blick unterziehen.

Schwerpunkt meiner Arbeit am GEI war eine Untersuchung, welche Kinder- und Jugendliteratur, die im weitesten Sinn die Shoah betrifft, in Deutschbüchern der Sekundarstufe I dargestellt wird und wie diese literarischen Texte didaktisch eingebettet werden. Insgesamt wurden 55 Schulbücher aus dem Zeitraum von 1990 bis 2010 untersucht. Da Schulbücher auch als Umsetzung kultureller Diskurse gesehen werden können, sind die darin didaktisierten literarischen Texte wichtiger Bestandteil einer Erinnerungskultur und bieten Kindern und Jugendlichen einen dauerhaften Zugang zu Geschichte, auch außerhalb biografischer und kommunikativer Erinnerung. Die Erinnerung der sogenannten dritten und vierten Generation wird somit zur vermittelten Erinnerung.

Im Literaturunterricht ermöglichen sowohl Ganzschriften als auch autobiografische Zeugnisse in Schulbüchern den Schülerinnen und Schülern einen Blick auf individuelle Schicksale und literarisch verarbeitete Erinnerungen von jüdischen Überlebenden und ihren Kindern. Das Lernen an und mit Biografien kann mit Becher[1] (2008) als eine neue Forschungsrichtung bezeichnet werden. Diese Überlegungen waren Ausgangspunkt für meine Untersuchung.

„Liebe Kitty…“

Erwartungskonform war der Text Tagebuch der Anne Frank am häufigsten in den untersuchten Schulbüchern vertreten, und zwar in Büchern für alle Schulformen, besonders in den Jahrgangsstufen 7 und 8, zum Teil aber auch noch in Jahrgangsstufe 9. Ein möglicher Grund für die dominierende Präsenz könnte darin liegen, dass die Protagonistin Anne Frank eines „natürlichen Todes“ (Flecktyphus) gestorben ist und Kinder einen „versöhnlichen Abschluss“ bräuchten, wie Flügel (2009) in ihrer Interviewstudie mit Kindern vermutet. Aufgrund der familiären Konflikte und den verwirrenden Gefühlen der ersten Liebe bietet die Lektüre des Textes den Jugendlichen Identifikationsmöglichkeiten, die jedoch die historischen Kontextbedingungen nicht außer Acht lassen und mit zusätzlichen Informationen oder Unterrichtsgestaltungen, z.B. in Form einer Projektarbeit, untermauert werden sollten. In einem Schulbuch wurden Auszüge aus dem Tagebuch mit Fotografien und Texten der deutschen Besatzung der Niederlande ergänzt. Um den Jugendlichen Raum für eine emotionale Auseinandersetzung zu geben, werden, je nach didaktischer Ausrichtung, in einigen Schulbüchern auch begleitende Lesetagebücher angeregt, in denen sie ihre Gefühle beim Lesen des Tagebuches mitteilen können.

In den untersuchten Schulbüchern wurden die Ausschnitte aus dem Tagebuch teilweise unter den Oberbegriff „Zivilcourage“ subsumiert. Die Person Miep Gies, die die Familie Frank während der Zeit ihres Untertauchens mit Lebensmitteln und Büchern versorgte, wurde allerdings nicht erwähnt. Das Tagebuch der Anne Frank wurde hinsichtlich der didaktischen Umsetzung und Aufgabenstellungen in einigen wenigen Fällen mit den Themen „Widerstand im Dritten Reich“ und der „Weißen Rose“ auf einer Seite dargestellt.

Weitere Jugendbücher, die quantitativ jedoch deutlich weniger in den untersuchten Schulbüchern der Jahrgangsstufen 6-8 thematisiert wurden, waren:

  • Damals war es Friedrich, Hans Peter Richter (1974)
  • Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Judith Kerr (1973)
  • Der gelbe Vogel, Myron Levoy (1977)

Die Textauszüge stellen für Kinder und Jugendliche einen Zugang dar, sich auf fiktionaler Ebene mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland auseinandersetzen. Dabei können die Faktoren Alter und Zugangsweisen ein Hauptkriterium bei der Textauswahl gewesen sein, weniger das vermittelte Geschichtsbild oder die Möglichkeiten einer erinnerungsdidaktischen Arbeit. Wie Flügel (2009) feststellt, folgt die Interpretation der Geschichte von Schülerinnen und Schülern häufig „einem erlöserischen Narrativ“.[2] Eine dichotome Darstellung von Tätern und Opfern, wie sie vor allem im Jugendbuch Damals war es Friedrich von Hans Peter Richter erfolgt, begünstigt möglicherweise eine stereotype Geschichtsinterpretation, in der die Frage nach persönlicher Verantwortung nicht gestellt werden muss (vgl. auch Flügel 2009, S. 122ff.). Um der Komplexität der Thematik gerecht zu werden und simplifizierende Geschichtsinterpretationen zu vermeiden, schlägt das US Holocaust Memorial Museum in seinen curricularen Richtlinien vor, den Holocaust in den Unterricht vor der 6. Klasse nicht zu thematisieren.

„Wie es damals war….“

In den Büchern für die Jahrgangsstufen 9 und 10 werden die literarische Texte häufig durch weitergehende Informationen ergänzt. Auf diese Weise wird ein differenzierteres Bild erzeugt. In jüngeren Schulbüchern wird die Frage nach der Rolle der Erinnerungsprozesse kritisch betrachtet, u.a. durch Umfragen dazu, welche Rolle sie Diskussionen über das Thema „Drittes Reich“ zuweisen. In der Umfrage, deren Kontextbedingungen (Art der Fragen, Anzahl der befragten Personen) unklar bleiben, stimmen 61 Prozent der befragten Personen der Aussage zu, „man sollte die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen“. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, in Kleingruppen weitere Aussagen in diesem Zusammenhang zuzustimmen oder sie abzulehnen. Im Anschluss daran werden unterschiedliche Textauszüge, u.a. aus der Autobiografie weiter leben von Ruth Klüger oder über Die Bedeutung der Weißen Rose von Panu Moilanen präsentiert, die den Schülerinnen und Schülern als Reflexionsanlass zur Bedeutung von Erinnerung dienen sollen.

In den untersuchten Schulbüchern werden vor allem folgende Texte und Themenbereiche integriert:

  • weiter leben, Autobiografie von Ruth Klüger (1992), in der sie ihre Kindheit und Jugend als Jüdin zur Zeit des Nationalsozialismus schildert
  • Schindlers Liste, Roman von Thomas Keneally (1982) und Film von Steven Spielberg (1993)
  • Filmskript von Das Leben ist schön (Originaltitel: La vita è bella), italienischer Film und Tragikkomödie von Roberto Benigni (1997) über einen Vater, der seinem fünfjährigen Sohn das Leben im Konzentrationslager als wochenlanges Spiel um möglichst viele Punkte, die durch das Bestehen zahlreicher Herausforderungen gesammelt werden könnten, erklär
  • historisches Flugblatt der Weißen Rose und Textauszüge über Widerstand im Dritten Reich, u.a. ein Auszug aus dem autobiografischen Text Dem Andenken an Sophie Scholl von Else Gebel (1945), die eine Mitgefangene von Sophie Scholl war und direkt nach dem Krieg ihre Erinnerungen aufschrieb
  • Themenbereich „Jugend unterm Hakenkreuz“: Textauszüge (u.a. Im roten Hinterhaus von Peter Berger, 1967; Damals war es Friedrich von Hans Peter Richter, 1961), Gedichte und Originalbriefe über den Umgang der Nationalsozialisten mit der Swing-Jugend
  • Themenbereich „Verfolgung und Exil“: diverse Textauszüge (u.a. aus Ein Emigrant von Klaus Mann) und Gedichte (u.a. Über die Bezeichnung Emigranten von Bertolt Brecht)

Die untersuchten Texte variieren hinsichtlich ihres Genres (Fiktion mit biografischen Elementen, Fiktion mit historische Faktizitäten, Täterliteratur) und ihrer (erinnerungs-)didaktischen Einbettung. Ein kohärentes Konzept, in dem Literatur beispielsweise im Rahmen der Demokratieerziehung herangezogen werden könnten, wie es u.a. in den USA und den entsprechenden Holocaust-Curricula vorgesehen ist, kann in den untersuchten Schulbüchern bislang nur in Ansätzen identifiziert werden.

Insgesamt gesehen war auffällig, dass es bei der Darstellung des Holocaust zum einen deutliche verlagsspezifische Schwerpunkte gab, und zwar über mehrere Jahre hinweg, zum anderen, dass die Anzahl literarischer Texte aus dem Themenbereich der Shoah in den 2000ern kontinuierlich abnahm. Außerdem wurden nur in wenigen Schulbüchern Informationen zur jüdischen Geschichte, Sprache und Kultur vermittelt, ganz im Gegensatz zu vergleichsweise zahlreichen Informationen zum Widerstand im Dritten Reich. Hier wird möglicherweise eine einseitige Fokussierung auf den Holocaust als singulär dargestellten Aspekt der jüdischen Geschichte erzeugt.

Ich möchte mich bei den Mitarbeitern des GEI, des Gästehauses sowie dem Personal der Bibliothek herzlich für ihre Unterstützung bedanken! Mein persönlicher Dank gilt auch Erin McGlothlin (Washington University, St. Louis, USA), die mein Interesse an der Literatur der Shoah in ihren inspirierenden Seminaren geweckt hat und mir in persönlichen Gesprächen immer wieder Anlass zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Thematik gegeben hat.


[1] Andrea Becher, Holocaust und Nationalsozialismus im Sachunterricht thematisieren – Konsequenzen aus einer qualitativ-empirischen Studie zu Vorstellungen von Kindern. In: www.widerstreit-sachunterricht.de, Ausgabe 11/Oktober 2008. Online verfügbar unter: www.widerstreit-sachunterricht.de/ebeneI/superworte/historisch/vorstell.pdf (letzter Zugriff 15.5.2013).

[2] Alexandra Flügel, „Kinder können das auch schon mal wissen…“: Nationalsozialismus und Holocaust im Spiegel kindlicher Reflexions- und Kommunikationsprozesse, Opladen, Budrich UniPress 2009, S.312.


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