Christine Ott

Christine Ott ist Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. und Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft der Universität Würzburg. Sie promoviert in der Sprachwissenschaft über ein genderlinguistisches Thema: „Geschlecht im Schulbuch. Eine diachrone Schulbuchstudie aus diskurslinguistischer Perspektive“. Zusammen mit Jana Kiesendahl gibt sie den Sammelband Linguistik und Schulbuchforschung heraus, der 2015 erscheinen wird. Forschungsschwerpunkte von Christine Ott sind im Bereich der Gender Studies: Sprache und Geschlecht, Bildungsgeschichte; außerdem: Diskurslinguistik, Schul(buch)bezogene Linguistik; Postcolonial Studies.


Von der Schwierigkeit, ein Schulbuchkorpus zu definieren. Die Bibliotheksbestände des Georg-Eckert-Instituts

Christine Ott

Wer schon einmal empirisch zu Schulbüchern gearbeitet hat, kennt die Schwierigkeit, aus dem Überangebot an Schulbüchern ein handhabbares Untersuchungskorpus zusammenzustellen. Das Georg-Eckert-Institut ist ein herausragender Standort für eine solche Aufgabe, nicht allein, weil dort die größte internationale Schulbuchsammlung beheimatet ist.

Ein Forschungsstipendium des Georg-Eckert-Instituts ermöglichte mir, mithilfe der Bibliotheksbestände des GEI unter anderem an meiner Korpuszusammenstellung zu arbeiten. In meiner Dissertation untersuche ich Mathematik- und Sprachlehrbücher aus 140 Jahren auf Genderkonstruktionen. Ich versuche darin, auf folgende Fragen Antworten zu geben:

1)      Welches Wissen über die Geschlechter, welche Stereotype und Rollenbilder werden mit welchen sprachlichen Mitteln konstituiert?

2)      Inwiefern findet sozialer Wandel in Bezug auf Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit einen Niederschlag im Schulbuch?

3)      Welche AkteurInnen üben in welcher Detailliertheit Einfluss auf die inhaltliche und sprachliche Gestaltung von „Geschlecht“ im Schulbuch aus?

Inwiefern Schulbücher Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen ihrer Zeit sind, wurde in der soziohistorischen wie auch -linguistischen Forschung in Deutschland kaum bis gar nicht in den Blick genommen. Ebenso wurde zu Personen und Institutionen, die an der Produktion und Zirkulation von Schulbuchwissen beteiligt sind, bislang wenig geforscht. Zuletzt hat auf diesem Feld gerade das Georg-Eckert-Institut die Forschung vorangetrieben.

In meiner Dissertation lege ich einen weiten Kontextbegriff an, um die Aushandlungsprozesse in der „Diskursarena Schulbuch“ (Höhne 2003: 61) in ihrer Komplexität zu erfassen. Es soll einerseits soziokulturelles Wissen – und zwar Vorstellungen zum Rollenbild von Frauen/Mädchen und Männern/Jungen – und dessen historische Transformation rekonstruiert werden sowie andererseits die Einflussnahme auf dieses Wissen durch AkteurInnen, die über Definitionsmacht in der schulischen Wissenspolitik verfügen, exemplarisch nachvollzogen werden. Kern der Arbeit ist die Analyse der Schulbuchsprache auf Geschlechterkonzepte. Zur Aufarbeitung des Entstehungszusammenhangs wird für die Gegenwart methodisch auf Interviews mit AkteurInnen aus der Bildungspolitik sowie SchulbuchmacherInnen zurückgegriffen, für die Vergangenheit auf die historische Dokumentenanalyse.

Nun ist das Georg-Eckert-Institut nicht gerade für ausufernde Bestände an Mathematik- und Sprachlehrbüchern bekannt. Für das Fach Deutsch wartet die Bibliothek vor allem mit Fibeln und Lesebüchern auf. Doch führt sie auch Kombiwerke aus Lesebuch und Sprachbuch, sogennante integrierte Sprach- und Lesebücher, die im gegenwärtigen Deutschunterricht zum Nutzungsstandard geworden sind. Im Unterschied zu den meisten anderen, kleineren Schulbuchsammlungen befinden sich im Bestand des GEI zudem unterschiedliche Länderausgaben eines Lehrwerks, was den direkten Vergleich dieser Ausgaben untereinander ermöglicht. Schließlich gelten mit Blick auf die Genderthematik Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen als eher reformoffen und fortschrittlich, wohingegen das Bildungssystem in Bayern unter den SchulbuchmacherInnen einen eher konservativen Ruf hat. Die Leitfrage 3) nach der Einflussnahme von AkteurInnen aus zum Beispiel der Bildungspolitik auf Schulbuchwissen ist insofern durch folgende Teilfrage zu ergänzen: Lassen sich Unterschiede in der Zulassungspraxis und Schulbuchproduktion je nach Bundesland in Gegenwart und – soweit rekonstruierbar – in der Vergangenheit feststellen? Für die Analyse der Schulbücher drängt sich dann die Frage auf, ob sich differente bildungspolitische Leitprinzipien auch in den verschiedenen Länderausgaben niederschlagen.

Solche Unterschiede überhaupt herausarbeiten zu können, setzt voraus, dass sich im Untersuchungskorpus Schulbücher für unterschiedliche Bundesländer oder Regionen befinden. Und das hängt wiederum von den für die Korpuskompilierung zugrunde gelegten Auswahlkriterien ab (u. a.: zeitliche und geographische Begrenzung; Auswahl der Jahrgangsstufe(n); Auswahl der Schulart(en); Fächerauswahl). Das Georg-Eckert-Institut half in verschiedener Hinsicht, mein Untersuchungskorpus zu füllen:

Zum einen wurde bei der Durchsicht der GEI-Schulbuchbestände klar, dass, obwohl die Schulbuchverlage über meinen Untersuchungszeitraum hinweg kein einheitliches System bei der Trennung in Länder- oder Regionalausgaben verfolgen, Bayern und das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens in der Regel unterschiedlichen Schulbuchmärkten und damit Ausgaben zugeordnet waren bzw. sind. Die Entscheidung, Schulbücher aus mindestens diesen beiden Regionen in mein Korpus aufzunehmen, war bereits zuvor auf Grundlage einer kleineren Schulbuchsammlung und wegen der seit den 1970er Jahren als besonders different geltenden Bildungspolitik getroffen gewesen. Das Diversifizierungs-Kriterium konnte beibehalten werden.

Zum anderen fand ich in den Bibliotheksbeständen Zulassungslisten zu Lehr- und Lernmitteln, unterteilt nach Bundesländern. Es handelt sich im Beispiel Bayern um Kopien der Lernmittelverzeichnisse aus den Amtsblättern des Kultusministeriums, sie reichen bis in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik zurück. Für das Land Nordrhein-Westfalen beginnt die Dokumentation ab den 1970er Jahren. Ein Auswahlkriterium für mein Untersuchungskorpus war, dass alle zu analysierenden Schulbücher von der entscheidenden Behörde offiziell genehmigt sein mussten. Die zugestellten Lernmittelverzeichnisse am GEI sind für die Identifikation von zugelassenen Schulbüchern eine große forschungspraktische Hilfe: Sie ersparen das mühselige Durchsuchen der Amtsblätter oder anderer kultusministerieller Publikationsorgane auf derartige Verzeichnisse und erübrigen Recherchereisen zu den Landesbibliotheken.

Nicht nur bei der Korpusdefinition sind die Bestände der Institutsbibliothek eine wertvolle Unterstützung. Sie umfassen ebenfalls eine einzigartige Sammlung an Schulbuchanalysen zur Genderthematik, darunter die ersten Studien zum Frauenbild von Sollwedel Ende der 1960er Jahre und kaum anderswo archivierte Seminararbeiten, wie auch zu Methoden der Schulbuchforschung im Allgemeinen. Während meines Aufenthalts konnte ich diese Arbeiten eingehend auswerten.

Literatur

Höhne, Thomas (2003): Schulbuchwissen. Umrisse einer Wissens- und Medientheorie des Schulbuchs. Frankfurt a. M.


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