Marie Müller-Zetzsche

Marie Müller-Zetzsche, geboren 1983 in Berlin, ist Doktorandin am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig und am Centre d'Etudes Germaniques Interculturelles de Lorraine (CEGIL) in Metz. Sie ist Redakteurin der outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik.

Die erzählte DDR

Marie Müller-Zetzsche

In meiner Doktorarbeit vergleiche ich die schulische Vermittlung von DDR-Geschichte an Jugendliche in Deutschland und Frankreich. Dabei möchte ich herausfinden, von welchen gesamtgesellschaftlichen und regionalen Rahmenbedingungen die Wissensaneignung abhängt. Meine These ist, dass Deutungskonflikte auftreten müssen, weil dieser Abschnitt der Zeitgeschichte (noch) stark umkämpft ist. Im Unterricht stehen die Grundaussagen über die DDR als Diktatur mit Alltagserzählungen und auch der sozialistischen Theorie in Spannung. Insbesondere im Osten Deutschlands, aber nicht nur dort, gibt es Widerstand gegen die Meistererzählung vom notwendigen Scheitern der DDR und dem glücklichen Aufgehen des sozialistischen Deutschlands in der Bundesrepublik. In einem ersten Schritt beschreibe ich die Felder der schulischen und außerschulischen Vermittlung mit ihren Akteuren – Bildungsministerien, Schulbuchautoren, Museumspädagogen. Der zweite Teil meiner Arbeit ist den Medien des Unterrichts gewidmet, der dritte schließlich dem konkreten Schulunterricht an Gymnasien in drei Städten: Leipzig, Frankfurt/Main und Créteil.

Am Georg-Eckert-Institut habe ich zu neuen Schulbüchern über das 20. Jahrhundert geforscht, um die Abschnitte zur DDR-Geschichte zu vergleichen. Im Schulbuch für den Geschichtsunterricht ist die Geschichte der DDR in eine größere Erzählung eingebunden – in die des 20. Jahrhunderts, die des Kalten Krieges, die deutsche oder die europäische Geschichte. Während deutsche Geschichtsbücher politikgeschichtliche Themen und Alltagsaspekte nebeneinander darstellen, konzentrieren sich die französischen Geschichtsbücher insbesondere auf politische und militärische Geschichte: Krisen und Konflikte. Die Lehrwerke für den Deutschunterricht in Frankreich werfen Schlaglichter auf die deutsche Teilung und die DDR in kulturgeschichtlicher Perspektive. Die Quellen sind hier belletristische Texte. Mit diesen subjektiven Deutungen stellen sie eine sinnvolle Ergänzung für die Untersuchung der Geschichtsbücher dar. Im letzten Band des deutsch-französischen Geschichtsbuchs sind die DDR-Kapitel sichtbar von deutschen Schulbuchautoren geprägt, ihre Kontextualisierung ist allerdings neu. Mauerbau und Mauerfall erscheinen nicht als Ereignisse der deutschen Nationalgeschichte, sondern sind Marker der europäischen oder globalen Geschichtsschreibung.

Während meines Forschungsaufenthalts in Braunschweig konnte ich aus einer Fülle an Lehrbüchern die Auswahl zusammenstellen, mit der ich sinnvoll weiter arbeiten kann. Zur vergleichenden Interpretation der Erzählungen über die DDR sind es Schulbücher der jüngsten Generation. Der Vergleich ist der Darstellung von vier Themen gewidmet: Mauer, Jugend in der DDR, Antifaschismus und Stasi. Das Thema, das die meisten Schulbuchseiten füllt, ist die Mauer. Mit der französischen Lehrplanreform 2011 ist das Thema „Berlin im Zentrum des Kalten Krieges“ in der 11. Klasse vorgesehen, das in den neuen Geschichtsschulbüchern zwei Doppelseiten umfasst. Die neuen deutschen Geschichtsbücher rechnen den Mauerbau und den Mauerfall zur Geschichte der DDR, betonen aber die gesamtdeutsche Bedeutung der Ereignisse. In den französischen Deutschlehrwerken ist die Mauer weniger Ereignis auf einem Zeitstrahl denn Grenzerfahrung: es geht um Fluchtgeschichten, Trennung von Familien und die nach 1990 noch bestehenden Unterschiede zwischen Ost und West. Das, was in der Forschung „narrative Strukturen“ (Konrad H. Jarausch) genannt wird, also die Erzählmodi über die DDR, ist im Schulbuch verdichtet. Die Erzählperspektive ist in der Strukturierung der Kapitel, aber auch bei der Bildauswahl deutlich: beim Thema Mauer lohnt eine Analyse der Blickwinkel der Aufnahme, etwa aus der Vogelperspektive oder von West nach Ost, über die Mauer auf den Ostteil der Stadt. Wenige Aufnahmen zeigen den Mauerbau aus Ostberliner Perspektive. Häufig, und das hat mich überrascht, finden sich die Erzähler der Geschichte auch in den Aufgabenstellungen wieder. In Anno 6 (Westermann, 2007) findet sich auf Seite 103 etwa folgende Aufgabe: „Erläutere, warum sowohl der 17. Juni 1953 als auch der 13. August 1961 entscheidende Daten der Deutschen Geschichte sind.“ Die Autoren haben die beiden Ereignisse Volksaufstand und Mauerbau also bereits nationalgeschichtlich eingeordnet.

Bildbeispiel: Mauerbau und Mauerfall

In den Geschichtsbüchern beider Länder markiert der August 1961 den Moment, da die Mauer gebaut wird, die Bürger in der DDR Zuschauer und Opfer sind. Die Politiker in der Bundesrepublik und auch bei den Besatzungsmächten erscheinen im Autorentext und den Quellen ebenfalls als kaum handlungsfähig. Ganz im Gegensatz dazu steht die Erzählung vom Mauerfall 1989, der nicht als SED-Entscheidung, sondern gewissermaßen als Sturm auf die Mauer erzählt wird. Im Geschichtsbuch Histoire, Collection David Colon des französischen Verlages Belin sind die Berliner am 17. Juni 1953 und beim Mauerbau „Zeugen und Opfer des Kalten Krieges“, im November 1989 sind sie dann „Akteure des Mauerfalls“.

Das wichtigste Erlebnis meines Braunschweig-Aufenthalts war ein Workshop des Querschnittsbereichs Erinnerungskulturen. Die Historikerin Katrin Kello und ich konnten dort unsere Promotionsprojekte vorstellen und mit den Braunschweiger KollegInnen diskutieren. Ich habe wertvolle Anregungen bekommen, gerade auch für die Unterrichtsbeobachtung und die Verknüpfung von Medienanalyse und Beobachtung. Das Gespräch mit WissenschaftlerInnen, die methodisch und thematisch sehr ähnlich arbeiten, hat mir nicht zuletzt auch sehr viel Spaß gemacht.

Auf Grundlage meiner Materialsammlung am GEI habe ich einen Vortrag zum Thema Mauer im Schulbuch erarbeitet, den ich im Dezember 2014 am Goethe-Institut in Paris gehalten habe. Der Aufenthalt in Braunschweig hat sich für mich sehr gelohnt.

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