Sven Günther

Zwischen Schule, Wissenschaft, Deutschland, Japan wandelt Dr. Sven Günther momentan als promovierter Althistoriker. Geboren am 25. Oktober 1978 hat er nach einem Studium der Alten Geschichte, Mittleren und Neuen Geschichte sowie Rechtswissenschaften (Öffentliches Recht) zunächst als Lateinlehrer an seiner ehemaligen Schule, dem Gymnasium Weierhof am Donnersberg, gearbeitet, bevor es ihn zur Abfassung seiner Dissertation zur Steuergesetzgebung in der Römischen Kaiserzeit wieder zurück an seine Alma Mater Mainz verschlug. Neben seinem Schwerpunkt zur antiken Wirtschaftsgeschichte hat er immer schon theoretisch wie praktisch in der Fachdidaktik gearbeitet. So waren seine Tätigkeiten an der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt und zuletzt als Sekundarstufen-I-Leiter an der Deutschen Schule Tokyo Yokohama die logische Folge. Sein Habilitationsprojekt zur Wirtschaftstheorie der antiken Griechen verfolgt er weiterhin, demnächst an der Universität Bielefeld als Akademischer Rat auf Zeit.


Forschungsprojekt zu „Athen und Sparta“ in deutschen Geschichtsbüchern

Sven Günther

Mit „Athen“ und „Sparta“ habe ich zwei bis heute zentrale Themen des Geschichtsunterrichtes zum Altertum herausgegriffen und diese auf ihre Darstellung bzw. Kontrastierung hin in Schulbüchern vom Deutschen Kaiserreich bis in die Gegenwart untersucht. Dabei ging es um die Frage, inwieweit der historisch zu greifende Dualismus der beiden Poleis mit jeweils zeitgenössischen Wertungen, Anspielungen oder Diskursen gefärbt wurde. Hierfür habe ich am GEI mit seiner vollständigen Sammlung der deutschen Geschichtsschulbücher jeweils exemplarisch Werke aus Unter-, Mittel- und Oberstufe auf Darstellungsschwerpunkte und Bewertungen dieser beiden Paradigmen analysiert. Einige Hypothesen haben sich dabei durchaus bestätigt, beispielsweise, dass im Kaiserreich die „großen“ Anführer und das Wecken von Nationalbewusstsein bei der Beurteilung der griechischen Geschichte eine herausragende Rolle spielte oder dass die DDR-Schulgeschichtsbücher alle antiken Staaten, auch die athenische Demokratie als Sklavenhalterstaaten abtaten. Auch das Lob der athenischen Demokratie in den Geschichtsschulbüchern der Bundesrepublik Deutschland überraschte nicht wirklich, eher schon, dass sich der Dualismus des Kalten Krieges nicht auch vermehrt in der Gegenüberstellung beider Poleis abzeichnete.

Anderes war neu oder in der Schärfe bislang nicht so erwartet: Die Kontinuität bei Schulbuchautoren vom Kaiserreich hin zur Weimarer Republik verlieh so der Hoffnung nach einem neuen „großen“ Anführer wie dem Athener Perikles bis in die Schulbücher hinein Ausdruck. Im Nationalsozialismus wurden in Schulbüchern des Zweiten Weltkrieges selbst die noch wenige Jahre vorher hochgelobten griechischen Führer zu Spiegelbildern eines „rassisch unreinen“ Volkes, das aus Sicht der Autoren – im Gegensatz zu den Deutschen – nach dem verhängnisvollen Bruderkampf im Peloponnesischen Krieg (4431-404 v.Chr.) dem Niedergang geweiht sein musste.

Hier ein kurzes Textbeispiel:

„Weitgehende Ausmerze nordischer Bestandteile des Volkes und Eindringen fremden Blutes bezeichnen die rassenvernichtenden Folgen dieses unglückseligen Bruderkrieges, von dem sich Griechenland niemals wieder erholt hat.“

(aus: Friedrich Fliedner / Otto Schnur, Führer und Völker. Geschichtsbuch für höhere Schulen. Klasse 6: Von der Vorgeschichte bis zum Ende der Stauferzeit, hrsg. von Paul Schmitthenner / Friedrich Fliedner, Bielefeld 1940, S. 84)

Weiterentwicklung des Projektes / Neue Ideen

Nach der ersten Sondage zu den beiden Paradigmen „Athen“ und „Sparta“ müssten aus meiner Sicht auch noch die nicht-deutschen Geschichtsschulbücher auf diesen Aspekt hin untersucht werden. Interessant wäre beispielsweise die Frage, ob in US-amerikanischen und/oder sowjetischen Schulbüchern Athen und Sparta nicht noch stärker im Bewusstsein des Ost-West-Konfliktes behandelt worden sind. Auch die „moralisch-nationalistische“ Geschichtsschreibung des Deutschen Kaiserreiches würde sicherlich im Vergleich mit den ebenso „nationalen“ Tendenzen in anderen europäischen Völkern Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts noch besser eingeordnet werden können.

Während meiner Recherchen ist mir die besondere Bedeutung der Anekdote bei der Vermittlung von Geschichtswissen, aber auch in Form der Geschichtsdeutung in Geschichtsschulbüchern aufgefallen. So kann z.B. das angebliche Essen der „schwarzen Suppe“ durch die Spartaner in ihren Mahlgemeinschaften mal als Beleg für Stärke und Gemeinschaftswillen, mal als Beleg für die Rückständigkeit des spartanischen Staates herhalten, jeweils mit unterschiedlicher Ausschmückung bzw. Akzentuierung der überlieferten Anekdote. Hierzu würde ich gerne weiterforschen, vielleicht wieder einmal am GEI, wo man sich in toller Atmosphäre und ohne Druck der Wissenschaft widmen kann!


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