Wolfram von Sheliha

Dr. Wolfram von Scheliha ist Senior Fellow am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig. Er arbeitet an einer Studie zur "Neugestaltung der Rus' im Zeitalter der spätmittelalterlichen Globalisierung". Zuletzt war er außerdem an einem Projekt über die Beziehungen der Slaven zu den eurasischen Steppenvölkern am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in Leipzig tätig. Zusammen mit Christian Lübke und Ilmira Miftakhova hat er den Band Geschichte der Slavia Asiatica. Quellenkundliche Probleme (Leipzig 2013) herausgegeben.


Ein Eurasian Turn? Die Darstellung des „Tatarenjochs“ in russischen Geschichtslehrbüchern seit dem Zerfall der Sowjetunion

Wolfram von Scheliha

Mittelalterliche Geschichte kann hochpolitisch sein, besonders in post-imperialen und post-kolonialen Gesellschaften, denn dort prallen aus unterschiedlichen nationalen Perspektiven gegensätzliche Geschichtsdeutungen aufeinander. In Russland betrifft dies die gut 240-jährige turko-mongolische Tributherrschaft (ca. 1237–1480) über die Rusʼ. Die russische Nationalgeschichtsschreibung hat diese häufig als das „Tatarenjoch“ bezeichnete Periode als Ursache für viele negative Erscheinungen in Russland identifiziert: die Isolierung vom übrigen Europa, Russlands notorische Rückständigkeit, das lange Zeit unterentwickelte Städtewesen und das fehlende Bürgertum, das Entstehen einer despotisch-autokratischen Herrschaftsform und die Herausbildung des angeblich „sklavischen“ Charakters der Russen. Diese Sicht entsprach der westlichen Kulturgefälletheorie: Je weiter man nach Osten geht, desto unzivilisierter und barbarischer sind die Bewohner. Ein östlicher Einfluss in Richtung Westen kann deshalb nur negativ sein, wie es in dem Napoleon zugeschriebenen Bonmot „Kratzt den Russen und ihr werdet den Tataren finden“ sinnfällig wird. Diese Kulturgefälletheorie diente auch als eine Legitimation für die russische Expansion nach Osten, denn es wurde daraus eine Zivilisierungsmission für die vermeintlich barbarischen Turkvölker konstruiert.

Die betroffenen Völker und ihre Nachfahren sahen und sehen diese Entwicklungen naturgemäß anders. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden eigene nationale Narrative, die aber auch in der Sowjetunion unterdrückt wurden, als deren Historiographie russisch-patriotisch ausgerichtet wurde. Den zumeist nomadischen Turkvölkern sprach man jegliche „Progressivität“ ab. Mit der Perestroika und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion erlebten die nationalen Narrativen eine Renaissance. In einem sich als Demokratie definierenden Staat lassen sich indes divergierende Ansichten nicht so leicht wie in einem autokratischen oder totalitären Reich unterdrücken. Andererseits können kollidierende Geschichtsbilder ethnische Konflikte verstärken und nationale Unabhängigkeitsbestrebungen fördern. Deshalb gibt es den Ruf nach einer integrierten Geschichtsschreibung, mit der sich alle Bewohner der Russländischen Föderation identifizieren können.

Bereits in den 1920er-Jahren entwickelte eine Gruppe von russischen Emigranten die Idee des Eurasianismus (auch: Eurasismus). Beeinflusst von den damals verbreiteten geopolitischen Theorien versuchten Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen nachzuweisen, dass die Gebiete, die vormals zum Zarenreich und nunmehr zur Sowjetunion gehörten, eine von der Natur und den historischen Zeitläuften determinierte Einheit mit einer eigenen Kultur bilden, die sich deutlich von der des Westens unterscheidet. Die daraus entwickelten politischen Forderungen trugen Züge einer totalitären Ideologie. Das Neue an der zugrundeliegenden Idee war aber, dass sie das „asiatische“ Element in Russland nicht mehr als barbarisch darstellte, sondern als einen konstituierenden und damit positiv konnotierten Bestandteil der eurasischen Kultur.

Nach dem Zerfall der eurasianistischen Bewegung Anfang der 1930er-Jahre griff in den 1960er-Jahren der sowjetische Historiker Lev Gumilev diese Idee auf, entwickelte sie weiter und versah sie mit einem pseudo-wissenschaftlichen, mystischen Überbau. Gumilev erhielt in der Sowjetunion Publikationsverbot. Erst in der Perestroika-Periode konnten seine Schriften erscheinen und wurden nun weithin rezipiert. Der Eurasianismus stellte sich als ein möglicher „dritter Weg“ zwischen westlicher Demokratie und sowjetischem Sozialismus dar. Obwohl der Eurasianismus eigentlich eine imperialistische Idee ist, fand er gerade bei den Turkvölkern in Russland und Zentralasien großen Widerhall, denn er macht diese zumindest theoretisch zu gleichwertigen Partnern der Russen. In dieser Hinsicht hat der Eurasianismus das Potential einer postkolonialen Integrationsidee. Dieser ideelle Hintergrund spielt auch eine Rolle bei der Schaffung der von Vladimir Putin 2011 vorgeschlagenen „Eurasischen Union“.

Der Eurasianismus hat im heutigen Russland viele Facetten. Sie reichen von extremistischen Vorstellungen aus dem Umfeld der „Neuen Rechten“ bis in den Mainstream von Politik und Gesellschaft hinein. Während die Forschung bislang vor allem den radikalen Strömungen Aufmerksamkeit widmete, fragt dieses Forschungsprojekt nach dem eurasianistischen Gedankengut im Mainstream. Schulbücher bilden dafür eine ideale Quelle. 1. Sie müssen für den Unterricht zugelassen werden und bewegen sich somit innerhalb des vom Staat akzeptierten Rahmens. 2. Schulbücher bieten exzellente Vergleichsebenen. Zum einen lassen sich Werke verschiedener Autoren oder Verlage miteinander vergleichen, zum anderen kann man anhand von Neuauflagen und Überarbeitungen Veränderungen diachron nachvollziehen. 3. Schulbücher haben einen vergleichsweise großen Wirkungsgrad, weil sie die Geschichtsbilder der nachwachsenden Generationen prägen.

Für die Materialsammlung bietet das GEI die besten Voraussetzungen. Zwar sind dort nicht sämtliche seit 1991 in Russland erschienenen Schulbücher und alle Auflagen vorhanden, doch ist die Sammlung so umfangreich, dass der vierwöchige Aufenthalt (zwei Wochen im Juni und zwei im August) gut mit der Sichtung der Bücher ausgefüllt war. Belastbare Forschungsergebnisse liegen jetzt noch nicht vor, dazu bedarf es noch einer gründlichen Analyse der zahlreichen Texte. Aber es lassen sich bereits einige Beobachtungen festhalten: Die russischen Geschichtslehrbücher zum Mittelalter sind inhaltlich weitaus vielfältiger als anfangs vermutet. Lehrbücher mit Ursprüngen in sowjetischer Zeit sind meistens nur von marxistischem Vokabular befreit worden und vertreten die traditionelle russisch-patriotische Sichtweise. Bücher aus den 1990er-Jahren, als Russland den Anschluss an den Westen suchte, beklagen besonders die Abkoppelung der Rusʼ von Europa während der Mongolenherrschaft. Bei den Neuauflagen eines anderen Lehrbuches lässt sich eine Modifikation der Terminologie beobachten. Der traditionelle Begriff „Tatarenjoch“ wird in der Ausgabe von 2010 durch „Joch der Horde“ ersetzt. Dadurch soll eine Gleichsetzung der mittelalterlichen Turko-Mongolen mit den heutigen Tataren vermieden werden. Manche Schulbücher erläutern explizit die Unterschiede zwischen den in den Quellen als „Tataren“ bezeichneten Mongolen zu den heutigen Tataren. Eine Lehrer-Handreichung empfiehlt, „äußerst feinfühlig“ an das Thema heranzugehen, denn man dürfe keine nationalen Konflikte schüren. Wieder andere Bücher verwenden den Begriff „Joch“ überhaupt nicht oder problematisieren ihn. Einige Schulbuchausgaben stellen verschiedene Interpretationen des „Tatarenjochs“, etwa von einem russischen Nationalhistoriker und von Lev Gumilev, gegenüber und fordern die Schüler auf, sich eine eigene Meinung zu bilden. Schließlich gibt es auch Lehrbücher mit eindeutig eurasianistischen Positionen. Sie stellen die positiven Einflüsse der turko-mongolischen Herrschaft auf die Rusʼ heraus, die den besonderen Charakter der „russländischen Zivilisation“ verfestigt hätten. Dabei wird auch auf die „vertikale“ Machtstruktur bei den Mongolen verwiesen, die die Rusʼ übernommen habe. Diese habe die Fürstenfehden beendet, das Land geeinigt und zum Aufstieg Moskaus geführt. Hier ist eine Analogie zu dem im Jahr 2000 formulierten Ziel Vladimir Putins, die „Machtvertikale“ zu stärken, unverkennbar. Mittelalterliche Geschichte ist eben mitunter hochaktuell und politisch.


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