Yvonne Behnke

Yvonne Behnke ist Diplom-Designerin für Visuelle Kommunikation und Doktorandin der Geographiedidaktik an der Humboldt-Uni Berlin bei Prof. Dr. Péter Bagoly-Simó (Erstbetreuer) und Prof. Dr. Anke Uhlenwinkel (Zweitbetreuerin). Als Kommunikationsdesigerin hat sie sich seit 2006 auf die Gestaltung von Schulbüchern speziell für das Fach Geographie spezialisiert. Die Wahl ihres Promotionsprojektes gründet auf ihrer Beschäftigung mit Fragen der Bildungs- und Lernforschung sowie bildungspolitischen Themen, zahlreichen Arbeits- und Studienaufenthalten im Ausland, und ihrem Interesse für geographische Themen und globale Zusammenhänge.


Innovative Schulbuchkonzepte für den Geographieunterricht

Yvonne Behnke

Während meines Forschungsaufenthaltes am Georg-Eckert-Institut untersuchte ich Geographie-Schulbücher aus Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland im Hinblick auf innovative gestalterische und konzeptionelle Ansätze. Dabei konzentrierte ich mich auf Ausgaben ab 2005, sowie einige Exemplare ab 2000.

Zu diesem Zweck entwickelte ich folgende Checkliste, anhand der ich die Bücher analysierte:

  1. Angaben zum Buch (Land, Titel, Autoren, Erscheinungsjahr, Seitenumfang)
  2. Struktureller Aufbau (Gliederung, Kapitelaufbau, Zusatzmaterial)
  3. inhaltliche + konzeptionelle Schwerpunkte, genaue Binnenstruktur
  4. Gestaltungs- + Strukturelemente, Lernhilfen (Art + Funktion)
  5. Layout + Typographie (u. a. Organisation des Layouts, typographische Hierarchie, Farbkonzept, Bild-Textverhältnis, Schriftmischungen)
  6. Verwendung + Gestaltung von Fotos, Grafiken, Tabellen, Schemata, Karten, Illustrationen
  7. inhaltlicher + ästhetischer Gesamteindruck

Ein Gegenstand der Untersuchung war, welche Alternativen es zu den deutschen Geographiebuchkonzepten gibt. Weitere Untersuchungsgegenstände waren: Gestaltung und Einsatz der Abbildungen, Organisation des Lesetextes, Bild-Text-Beziehungen sowie konzeptioneller Aufbau und gestalterische Struktur.  Auswahl und Aufbereitung der Themen wurden ebenfalls untersucht. Ein zusätzlicher Untersuchungsfokus bei Bänden aus Großbritannien waren die „geographical concepts“, bei Bänden aus Frankreich die „croquis et schémas“.

Beispielhafte Kurzzusammenfassung der Untersuchung englischer und französischer Bände:

In englischen Schulbüchern werden geographische Themen zum großen Teil anhand des Konzeptmodells der „geographical concepts“ bearbeitet (z.B.: eclipse –  Inspire your Geographers for the future, Heinemann, Oxford, 2006, This is geography, Hodder Education, London 2006-2009).  „Geographical Concepts“ sind ein Standardmodel der internationalen Geographiedidaktik, welches in Deutschland bisher noch wenig angewendet wird. Dieses Modell ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Schüler und daran anknüpfend das Stellen und Beantworten geographischer Fragestellungen.  Fragestellungen werden anhand der drei Schlüsselkonzepte „place“, „space“ und „scale“ und der drei Unterkonzepte „diversity“, „change“ und „interaction“ bearbeitet (siehe auch Anke Uhlenwinkel und Manfred Rolfes, Metzler Handbuch 2.0 Geographieunterricht, Westermann: Braunschweig, 2013, S. 174-224).

Im Band eclipse wird das Thema „Nahraum“ mit verschiedenen Aspekten des Schlüsselkonzeptes „place“ erarbeitet (What is place?, my place, same place – different place, a sense of place, linking places, changing places, representing place, forbidden place, emotional place).

Geographische Themen werden in ihren globalen Zusammenhängen mithilfe von komplexen Leitfragen erschlossen. Länderbeispiele fungieren als Case Studies anhand derer Zusammenhänge verdeutlicht werden. Viele Bücher sind in die Teile „Physische Geographie“ und „Humangeographie“ gegliedert. Sonderseiten, z. B. Methodenseiten gibt es nur in wenigen Bänden. Ein großer Teil des Buches wird dem Prüfungstraining gewidmet.

Zum Optischen ist anzumerken, dass in der Mehrzahl der Bände weniger gestalterische und typographische Sorgfalt erkennbar ist als in den verglichenen deutschen Bänden (z. B. Einzelseitenlayout, unklare typographische Hierarchie, Abgrenzung der einzelnen Kapitel lediglich durch Farbbalken, Doppelseiten wie Einzelseiten mit Marginalspalte links und Hauptspalte rechts gelayoutet).

In Frankreich wird Geographie nach einem zentralen Lehrplan unterrichtet. Alle untersuchten Bände sind pro Jahrgang gleich strukturiert. Die Titel der Bücher ebenso wie die Reihenfolge der Kapitel und die Themenbereiche sind identisch. Untersucht wurden Bücher für die Seconde (10. Klasse Lycee = Gymnasium) sowie ES/S (11. Klasse Gymnasium, wirtschafts- und sozialwissenschaftlich oder wissenschaftlich).

Der Hauptunterschied zu deutschen Schulbüchern ist, das Karten und Schemata („croquis et schéma“) bei der Bearbeitung der geographischen Themen im Focus stehen. Dem Training der Arbeit mit thematischen Karten, anhand derer geographische Fragestellungen bearbeitet werden, wird in französischen Geographie-Schulbüchern viel Platz (Sonderseiten) eingeräumt. Im Fokus steht die Arbeit mit Case Studies und Quellenmaterial. Dessen kritische Bearbeitung wird im umfangreichen Prüfungsteil geübt. Thematischer Fokus sind das Erkennen und Bewerten von systemischen Zusammenhängen, Umwelt- und Globalisierungsaspekten sowie Nord-Süd-Themen.

Layout und typographischer Aufbau aller untersuchen Bände ähneln sich bezüglich der verwendeten Stilmitteln (z.B. Zweispaltigkeit mit Haupt- und Marginalspalte, Typographie, Farbschema).

Beispielhaft ist der Aufbau des Bandes Tle L/ES/S Géographie. L’espace mondial (Bréal: Rosny, 2008). Das Buch ist in drei Teile gegliedert (Partie 1 – Une espace mondialisé, Partie 2 – Les trois grandes aires de puissance dans le monde, Partie 3 – Des mondes en quête de développement). Diese Teile sind wiederum in einzelne Kapitel untergliedert, die mit Doppel-Topics eröffnet werden und mit Leitfragen in den Themenbereich einführen. Danach folgt eine Doppelseite mit großformatigen thematischen Karten, die in die folgende Unterrichtseinheit einführen. Pro Doppelseite wird jeweils ein Thema (Cours) behandelt. Diese Themen sind im Buch laufend durchnummeriert. Auch hier wird der Unterrichtsinhalt mithilfe von Leitfragen erschlossen. Nach drei bzw. vier „Cours“-Seiten einer Unterrichtseinheit folgt eine Doppelseite mit erläuterten Fallbeispielen. Eine weitere Doppelseite mit thematischen Karten führt zur nächsten Unterrichtseinheit. Am Ende jedes Kapitels befindet sich eine Zusammenfassungsseite (Synthèse), welche die Leitfragen der einzelnen Unterrichtseinheiten sowie deren Beantwortung beinhaltet. Jedes Kapitel wird mit drei Methoden- und Prüfungstrainingsseiten (Méthode entraînément bac) abgeschlossen, auf denen die Bearbeitung der thematischen Karten sowie der Fallbeispiele eingeübt wird.

Zahlreiche Sonderseiten mit Fallbeispielen, thematischen Karten sowie ein ausführlicher Prüfungstrainingsteil kennzeichnen die untersuchten französischen Bände. Materialboxen mit Lernhilfen werden sparsam eingesetzt. Die inhaltliche und typographische Struktur aller untersuchten Bände ist in sich logisch und mit gestalterischer Sorgfalt umgesetzt.  Die in Deutschland übliche Gliederung durch unterschiedliche Kapitelfarben ist nicht zu finden.

Die Ergebnisse dieser Schulbuchanalyse sind ein wichtiger Baustein meines Promotionsprojektes, in deren Rahmen ich ein neues Schulbuchkonzept für den Geographieunterricht erarbeite. Dies geschieht sowohl auf wissenschaftlich-theoretischer Ebene als auch mit einem gestalterisch und inhaltlich konzipierten Prototypen.


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