Aleksandra Kolaković

Dr. Aleksandra Kolaković ist eine Historikerin und Research Fellow am Institute for Political Studies in Belgrad (Serbien). Aleksandras akademischer Forschungsschwerpunkt liegt in den Bereichen der Geistes-, Ideen- und Kulturgeschichte, Erinnerungskultur, des Schutzes kultureller Güter sowie des Geschichtsunterrichts. Sie ist Autorin einer großen Anzahl wissenschaftlicher Werke und von zwei Geschichtsschulbüchern. Außerdem hat sie an zahlreichen internationalen Tagungen teilgenommen. Aleksandra spricht Serbisch, Englisch, Französisch und etwas Deutsch.


Aleksandra Kolaković

Im September 2016 war ich Stipendiatin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Das Thema meines Forschungsprojekts war Erinnerungskultur und Geschichtsschulbücher in den ehemaligen jugoslawischen Ländern (20002015). Das Ziel war es, die Rolle der Geschichtsschulbücher bei der Herausbildung einer gemeinsamen Erinnerungskultur derjenigen Generation herauszukristallisieren, die nach der Auflösung Jugoslawiens geboren ist.

Anfang des 21. Jahrhunderts hinterließen die ehemaligen Staaten Jugoslawiens eine erschütternde Vergangenheit und waren besonders damit beschäftigt, Beziehungen zum restlichen Europa und zur entwickelten Welt aufzubauen. Die Themen der regionalen Kooperation sowie des “good neighbouring” waren in diesem Prozess von zentraler Bedeutung. Die Schullehrpläne in diesen Staaten wurden in Übereinstimmung mit der neuen soziopolitischen und wirtschaftlichen Ausrichtung aktualisiert und dies spiegelte sich im Aufbau und Inhalt der Schulbücher wider. Kriege und andere Konfliktsituationen (Balkankriege 19121913, Erster und Zweiter Weltkrieg, Bürgerkriege der 1990er Jahre) werden normalerweise mit starken und aussagekräftigen Bildern des kollektiven Gedächtnisses in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Genauigkeit und Herkunft mentaler Bilder zu untersuchen, da ihre Herausbildung durch Schulbücher begünstigt worden sein könnte.

Der Aufenthalt am GEI im Rahmen des Stipendiums war eine exzellente Gelegenheit, wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften zur Schulbuchforschung heranzuziehen. Während meiner Forschung lag mein Schwerpunkt besonders auf der Herkunft mentaler Bilder im Kollektivgedächtnis, der vergleichenden Analyse von Geschichtsschulbüchern und inwiefern eine Erinnerungskultur in diesen Staaten durch gemeinsame Erfahrungen konstruiert wurde, besonders durch Kriege und Krisen auf dem Balkan, sowie auf der Einstellung gegenüber europäischen Werten und dem Beitritt zur Europäischen Union. Die umfangreiche Bibliothek des GEI sowie der Kontakt zu den Experten und Expertinnen, die am GEI arbeiten, ermöglichte es mir meine Forschung auf diesem Gebiet zu erweitern und die Schulbücher zu analysieren, die in den ehemaligen Staaten Jugoslawiens zwischen 2000 und 2015 erschienen sind. Diese Forschung ist eine Weiterführung meiner früheren Forschung und Arbeit an der Erstellung von Schulbüchern und der Organisation von Seminaren für Geschichtslehrer und Geschichtslehrerinnen. Die Forschung verwendet vergleichende Methoden und nutzt Analysen des „Bilds des Anderen“ anhand der Theorien von Kultur, Modernisierung, Europäisierung, symbolischer Anthropologie und der Bildanalyse.

Meine Forschung ist einer vergleichenden Erforschung der Symbole der Erinnerungskultur gewidmet, die in Schulbüchern enthalten sind. Sie basiert auf der Analyse des erzählten Inhalts, der visuellen Identität und der Erforschung überprüfbarer wissenschaftlicher Quellen. Schulbücher definieren nicht nur „legitimes Wissen“ und wünschenswerte Fähigkeiten, sondern tragen dazu bei, national und sozial erwünschte Identitätskonzepte aufzubauen. Die Schlüsselfragen waren: Wie trägt die Darstellung von Monumenten, Gedenktafeln und historischen Stätten in Geschichtsschulbüchern dazu bei, in der Gegenwart die Erinnerung einer Nation zu erzeugen? Ich habe die respektvolle Art und Weise zur Kenntnis genommen, in der die Erinnerung an Jasenovac oder Srebrenica in serbischen, kroatischen und bosnischen Schulbüchern vermittelt wurde. Mein weiteres Ziel ist es, Fragen bezüglich der Entstehung neuer Beziehungen zwischen den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens zu beantworten, die während meiner Analyse des Schulbuchinhalts aufkamen.

Das GEI ist das führende Zentrum für die Analyse von Schulbüchern und anderen Bildungsmaterialien, die in Schulen verwendet werden und ich bin davon überzeugt, dass mein Aufenthalt es mir ermöglicht hat, mein Fachwissen zu erweitern und einen Einblick in moderne Zugänge zu allen Aspekten der Schulbuchforschung zu gewinnen. Das Ziel der Forschung, die ich am GEI durchgeführt habe und der Studie, die ich plane dazu zu verfassen, ist es, den Status und den Ort der kulturellen Erinnerung, das Konzept der Identitätsbildung und interpretatorischer Muster sowie die Methoden der Herausbildung eines „Selbst“- und „Fremdbildes“ in Geschichtsschulbüchern näher zu beleuchten. Diese Forschung soll als Grundlage für neue Forschung, Schulbuchanalysen, Vorlesungen, empirische Studien und Workshops für Geschichtslehrer und Geschichtslehrerinnen sowie für die Verbesserung bestehender Schulbücher in Serbien – besonders derjenigen, die ich selbst geschrieben habe – dienen.

Ich möchte mich herzlich bei den Bibliothekar(innen) und den Wissenschaftler(innen) (Imke Rath, Cornelia Hagemann, Zrinka Štimac and Eva Fischer) am GEI für ihre Hilfe bei der Führung durch die Bibliothek und für ihre intensiven Diskussionen danken. Das Kolloquium und die darauffolgende Diskussion mit anderen Kollegen (Divya Kannan, Germán Canale and Sergii Koniukhov) war darüber hinaus eine exzellente Gelegenheit für kulturellen und akademischen Austausch, der meinen Aufenthalt in Braunschweig angenehm und produktiv machte.


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