Brigitte Le Normand

Brigitte Le Normand hat ihren Master in Russisch und Osteuropastudien 2002 an der University of Toronto abgeschlossen und 2007 an der University of California, Los Angeles im Fach Geschichte promoviert. Sie ist Autorin des Buches ‘Designing Tito’s Capital: Urban Planning, Modernism, and Socialism in Belgrade’ (University of Pittsburgh Press, 2014) und hat darüber hinaus zahlreiche Artikel und Buchkapitel zur Stadtplanung im sozialistischen Jugoslawien und zu jugoslawischen Arbeitsmigranten in Westeuropa veröffentlicht. Sie ist Assistenzprofessorin am Lehrstuhl Geschichte und Leiterin der urban studies an der University of British Columbia, Okanagan.


Brigitte Le Normand

Mein aktuelles Projekt erforscht die Beziehung zwischen Jugoslawien und seinen Wanderarbeitern in der Zeit zwischen 1965, als Arbeitsmigration als Phänomen an Signifikanz gewann, und der Auflösung Jugoslawiens in den frühen 1990er Jahren. Ich bin besonders an dem aufgeladenen Konzept des Migranten oder der Migrantin als „Subjekt“ interessiert. Dabei handelt es sich um den Migranten oder um die Migrantin sowohl als „Subjekt“ des jugoslawischen Staates als auch im Sinne eines autonomen Subjekts, das Entscheidungen über die Bedeutung seiner eigenen gelebten Erfahrungen und über seine Zukunft trifft. Ich bin insbesondere daran interessiert, wie der jugoslawische Staat Kulturpolitik (einschließlich Bildung) dazu nutzte, um seine Beziehung zu Migranten und Migrantinnen zu steuern und inwiefern die Migranten und Migrantinnen selbst ihre Beziehung zu dem, was sie als ihr Heimatland verstanden, wahrnahmen.

Während meines Aufenthalts am Georg-Eckert-Institut beschäftigte ich mich mit drei Bänden (für verschiedene Altersstufen) eines Schulbuchs, das 1983 in Jugoslawien herausgebracht wurde und für den „muttersprachlichen Zusatzunterricht“, der einmal wöchentlich Kindern von im Ausland lebenden jugoslawischen Migranten und Migrantinnen angeboten wurde, vorgesehen war. Ich war daran interessiert, was für Inhalte in diesen Schulbüchern enthalten waren. Welches Wissen über Jugoslawien und welche Werte sollten die Migrantenkinder nach dem Ermessen der Autoren und Autorinnen erhalten? Inwiefern sollte eine Verbindung zu ihrem jeweiligen Heimatland erzeugt werden? Auf welche Art und Weise wurden die Erfahrungen der Migrantenkinder aufgegriffen? Diese Schulbücher sind besonders wertvoll, da es sonst nur wenige Informationsquellen gibt, die darüber Aufschluss geben, was Kindern unterrichtet wurde.

Die Schulbücher haben sich als besonders wertvolle Quelle erwiesen. Sie hatten eine hohe Qualität mit festen Einbänden, farbigen Fotografien und schönen farbigen Illustrationen. Wissen und Werte wurden vornehmlich anhand von Literatur aber auch anhand von Reproduktionen einiger Kunstwerke vermittelt, die vereinzelt von kurzen Erklärungstexten begleitet wurden. Ich lernte viel über die Art und Weise, wie das Konzept der Heimat dargestellt wurde: überwiegend durch die Zwillingsmetapher von Land und Sippe. Der Tropus Landschaft ist besonders interessant, da er ein lokales Verständnis der Heimat vermittelt, das leicht in einem ethnonationalen Sinn verstanden werden kann. Gleichzeitig wurden Autoren und Autorinnen und Künstler und Künstlerinnen nur selten anhand ihrer Herkunftsrepublik identifiziert, vielmehr wurde Jugoslawien als Summe seiner Einzelteile dargestellt. Tito als Vorbild und das damit verbundene Thema des Partisanenkampfs waren die anderen zwei großen Themen, die in den Büchern thematisiert wurden. Dies ist besonders interessant, da Tito drei Jahre zuvor gestorben war. Die Analyse ist in Arbeit und ich bin sicher, dass sie weiterhin interessante Erkenntnisse hervorbringen wird.

Um ein konkretes Beispiel zu nennen war ich besonders fasziniert von Gedichten, die das Heimatland und die Heimaterfahrung so beschrieben, dass diese Konzepte für kleine Kinder greifbar gemacht werden konnten. Das Gedicht „Moja domovina“ (Mein Heimatland von Vladimir Andrić) beschreibt zum Beispiel: „Mein Haus und meine Mutter / Mein Vater und mein Schlafanzug […] Meine Küste meines Meeres / Meine Bank am Fenster […] und im Park ein Sandkasten voller Sand / und in dem Sandkasten meine Freunde und ich / das ist mein Jugoslawien.“ Hat dieses Gedicht die Kinder nicht gleichzeitig verwirrt, indem es erlebte Erfahrung mit dem Heimatland gleichsetzte, obwohl diese Kinder im Ausland lebten?

Meine Zeit am GEI war sehr produktiv. Die Nähe der Unterkunft zur Bibliothek ist sehr angenehm. Ich genoss es insbesondere, andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu treffen, die bei einer Konferenz zu Migration und Wissenschaft arbeiteten, die von der Forschungsgruppe Migration und Bildung organisiert wurde. Dabei hätte ich mir jedoch gewünscht, das mehr auf Englisch gewesen wäre, da mein Deutsch nicht ganz stark genug war, um die Vorträge vollständig zu verstehen. Außerdem hatte ich einige intensive Gespräche mit den anderen Stipendiaten und Stipendiatinnen. Ein Gespräch führte dazu, dass ich mir überlegt habe, ein Projekt, dass ich bereits 2001 begonnen habe, auf den neuesten Stand zu bringen. Dabei geht es um die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in kroatischen und serbischen Geschichtsschulbüchern. Es wäre interessant zu sehen, inwiefern sich diese Darstellung in den letzten 15 Jahren verändert hat.

Vielen Dank für diese wunderbare Möglichkeit.


‹ zurück zur Stipendiatenliste