Burcin Cakir

Dr. Burcin Cakir studierte Englisch und Politikwissenschaft an der Bilkent-Universität und beendete dort an der geschichtswissenschaftlichen Fakultät ihr Masterstudium der Europäischen Politikgeschichte. Sie promovierte in Geschichte an der Universität Istanbul mit der interdisziplinären und transnationalen Studie “Gendered Nationalism: The discourse of modern women as citizens in Ottoman Empire/Turkey and Britain, 1860-1930”. Ihre Forschung befasste sich bisher mit einem vergleichenden und transnationalen Ansatz mit Krieg, Gender, Nationalismus und Imperien, wobei sie einen Schwerpunkt auf die osmanische und türkische Geschichte des späten 19. Jahrhunderts sowie des frühen 20. Jahrhunderts mit besonderem Fokus auf dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen legte. Ihre Forschungsinteressen decken die „untold histories“ bestimmter Gruppen im Mittleren Osten, die Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, sowie Erinnerung und Gedenken in Bezug auf Gender, Religion und den Geschichtsunterricht. Sie arbeitet zurzeit als post-doctoral fellow an der Glasgow Caledonian University.


Burcin Cakir

Im Juli 2016 hatte ich die Möglichkeit für vier Wochen am Georg-Eckert-Institut an meinem Projekt “Creating Myth and Memory: The National Narrative of the First World War and the Militarization of Education in Turkey” zu arbeiten. Basierend auf der Arbeit zahlreicher Theoretiker, darunter insbesondere Benedict Anderson und seinem Konzept der „imagined community“, hatte ich vor, türkische Schulbücher zu untersuchen, die direkt nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht wurden. Das Ziel dieses Projekts war es, Repräsentationen und Diskurse des Ersten Weltkriegs in türkischen Geschichtsschulbüchern zu sichten und die Militarisierung der Erziehung sowie ihre Auswirkungen auf die folgenden Generationen in der heutigen Türkei zu analysieren. Seit ihrer Entstehung wurde die Bildung auf allen Ebenen weitgehend als ein zentraler Mechanismus in der Herausbildung der heutigen Türkei betrachtet, da sie verpflichtend ist und Massenmythen und Erinnerungen des Ersten Weltkriegs und des Türkischen Unabhängigkeitskriegs reflektiert. Die Forschung deckt einen umfangreichen Zeitraum ab, um die sich verändernden Grenzen nationaler Identität und Militarisierung in Beziehung zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg in der türkischen politischen und sozialen Kultur aufzudecken. Die Analyse von Schulbüchern hinsichtlich nationaler Diskurse, Krieg und Militarismus wird zeigen, inwiefern diese Diskurse Vorstellungen von Vergangenheit und nationaler Identität entwerfen und eingrenzen, sowie inwiefern Interdependenzen zwischen diesen Vorstellungen bestehen.

Indem der Fokus auf öffentliche Bildung allgemein und insbesondere auf Schulbücher gelegt wird, soll diese Forschung einen Einblick in die Formierung und die sukzessiven Neukonfigurationen von Militarismus und nationaler Identität in der Türkei bieten. Die Forschungsziele werden daher Folgendes erforschen und untersuchen:

  • Die türkischen Stimmungen, die in den Schulbüchern über den Ersten Weltkrieg, Nationalismus, Militarismus und öffentlicher Bildung dargestellt werden und inwiefern, wann, warum, und durch wen diese Stimmungen konstruiert wurden.

  • Wie diese Stimmungen die heutigen Konstruktionen von nationaler Vorstellung und Identität in der Türkei beeinflussen.

  • Den Charakter und das Ausmaß von Archivbeständen zu vernachlässigten Themen des Ersten Weltkriegs und öffentlicher Bildung in der Türkei.

  • Wie das Narrativ des Ersten Weltkriegs die Innen- und Außenpolitik und ihre Diskurse in Geschichtsschulbüchern formte und wie diese Mythen und Erinnerungen auf nationaler Ebene beeinflussten.

  • Die Manifestierung von Mythen und Erinnerungen des Ersten Weltkriegs in türkischen Geschichtsschulbüchern, wie z. B. Bilder von Soldaten, Waffen und Flaggen.

  • Wie die Narrativbildung des Ersten Weltkriegs sowie Einstellungen zum Gedenken daran von den herrschenden politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren in der Türkei beeinflusst werden. Die Forschung wird auch versuchen herauszufinden, welche Faktoren bestimmend für die Formierung offizieller oder beliebter Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg und die Herstellung kreativer militärischer Rollen und nationaler Identitäten waren. Währenddessen wird untersucht wie letztendlich der Mythos und die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in türkischen Geschichtsschulbüchern das heutige Europabild türkischer Menschen beeinflussen.

Da Schulbücher offiziell vereinbartes oder manipuliertes Wissen übertragen, gehören sie zu den Quellen, die durch die Analyse der politischen und sozialen Ordnung, sowie durch die Bildung von Mythen und nationaler Erinnerungen, die dazu beitragen, den gesellschaftlichen Status Quo aufrechtzuerhalten, untersucht werden können. Die Vorgehensweise dieser Studie besteht daher aus einem diskursiven Ansatz und einer qualitativen Inhaltsanalyse; wir können sie als einfache Schulbuchstudie aus einem diskursanalytischen Blickwinkel zusammenfassen. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen repräsentieren die Hauptachse dieses Forschungsprojekts. Der theoretische Rahmen dieser Forschung ist verbunden mit Diskussionen um nationale Identität und kollektive Erinnerung.

Während meines Forschungsaufenthalts am Georg-Eckert-Institut war es mir möglich zu schlussfolgern, dass sich die frühe republikanische Ära in der Türkei in drei Zeitabschnitte hinsichtlich der Kontinuitäten und der diskursiven Vielfalt in den Schulbüchern gliedern lässt:

  1. Der dominante Diskurs in den Schulbüchern von 1924 bis 1931 basiert auf der Idee, dass der Islam und das Türkentum die zwei komplementären Komponenten sind, welche die Basis der nationalen Identität und des Nationalismus bilden.

  2. Im Widerspruch zu der vorherrschenden Vorstellung dieses Themas lässt sich nur in den Schulbüchern von 1931 bis 1939 ein strikter, säkularer Nationalismus finden.

  3. Im dritten und letzten Zeitabschnitt der Jahre 1939 bis 1950 lässt sich ein Anstieg an Religionsbezügen in den Schulbüchern verzeichnen.

…All diese Zeitabschnitte zeigen starke Tendenzen zur Militarisierung der Bildung auf, besonders in Bezug zu den zwei Weltkriegen, in denen die Türkei eine neutrale Rolle einnahm aber hoch politisiert war.

Während meines Forschungsaufenthalts nutzte ich intensiv die Sammlung türkischer Geschichtsschulbücher am GEI sowie auch besonders wissenschaftliche Literatur, die sich mit dem Thema von Krieg und Frieden in der Schulbildung auseinandersetzte. Ich las auch eine große Anzahl an Schulbüchern aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien und analysierte, wie die Autoren und Autorinnen sich den Themen von narrativer Diversität und historischer Wahrheit in Bezug auf Krieg und Frieden nähern. Das Ziel bestand darin, die Auseinandersetzung der Autoren und Autorinnen mit diesen Themen und das Ausmaß und wie sie konfliktträchtige Interpretationen der Vergangenheit darstellen.

Zu den vorläufigen Ergebnissen meiner Forschung gehören Indikatoren, die darauf hinweisen, dass der Geschichtsunterricht in der Türkei aus Frankreich übernommen worden ist, welches bedeutet, dass Kinder als Erben und Träger eines gemeinsamen Kollektivgedächtnisses verstanden wurden. Demnach waren sie nicht nur Staatsbürger, sondern wurden grundsätzlich als eine große Familie wahrgenommen, die Schutz bot und beschützt werden musste. Die Bücher wurden gemäß der Entscheidung des Zweiten Bildungsrats von 1924, Schulbücher zu veröffentlichen, die sich auf die Ideologie des neuen Regimes beziehen, verfasst. Sie sind eine Verkörperung militarisierter Ikonographie, Rhetorik und Erinnerung und konstituieren den gegenwärtigen historischen Rahmen, innerhalb dem Ereignissen eine Bedeutung beigemessen werden kann. Dies dient dazu, die Vergangenheit zu erklären, die Gegenwart zu sichern und die Zukunft herzustellen. Das Bild, das in diesen Schulbüchern erstellt wird, könnte zusammengefasst werden als „Die neue Türkei ist unzerstörbar und wird immer fortbestehen, da jeder Türke als Soldat geboren und zum Staatsbürger erzogen wird“.

Die Schulbücher sprechen die Schüler und Schülerinnen mit Ausdrücken wie „unsere“ Kraft, „unsere“ Werte, „unsere“ Trauer und „unsere“ Wiedergeburt als eine Nation, die aus der Asche eines (untergegangenen) Imperiums hervorgeht, direkt an. Dieses Narrativ betont, dass ein neuer, unabhängiger und starker Staat nur möglich ist, wenn die Türkei eine starke Armee besitzt. Frühe Republikaner befassten sich wiederholt mit dem Ersten Weltkrieg und dem Unabhängigkeitskrieg und trennten diesen (entfremdeten ihn sogar beinahe) von der Osmanischen Vergangenheit und erstellten ein Modell für eine aggressive Pädagogik, die den anatolischen Bauern zum modernen türkischen Staatsbürger, den Jungen zum Staatsbürger-Soldaten, das Mädchen zur patriotischen Mutter/Schwester und die Republik zu einer idealisierten Verkörperung der Prinzipien des modernen Europas machen sollte, wobei Schulen, und besonders das Schulfach Geschichte als mythisiert gelehrte Geschichte der Turkvölker, zu einem Instrument für die Sicherung der Ideologie und der sozialen Ordnung gemacht wurde. Schulbücher hatten normalerweise die Biographien militärischer Helden zum Inhalt, betonten die Leistungen der Republikanischen Regierungen, zelebrierten die türkisch-islamische Kultur und den Lebensstil, trauerten um die „Märtyrer“ vergangener Konflikte und betonten die allumfassende Solidarität unter türkischen Männern, die ihrer Darstellung nach ethnische und religiöse Unterschiede und Minderheitenrechte überwinden konnte.

Das Georg-Eckert-Institut hat sich als idealer Standort für die Durchführung meiner Forschung erwiesen, da es über die größte Sammlung internationaler Schulbücher verfügt. Die Bibliothek beinhaltet nicht alle türkischen Schulbücher, die seit 1900 in der Türkei veröffentlicht wurden, die Sammlung ist jedoch so umfangreich, dass ich vier Wochen lang vollständig mit der Sichtung der Bücher beschäftigt war. Ich war anschließend in der Lage mit dem Material, das ich während meines Aufenthalts am GEI zusammengetragen habe, einen Vortrag über das Thema Krieg und Geschichte in der Bildung zu verfassen, den ich 2017 bei der „International European Academic Conference on Education and Humanities“ vortragen werde. Es ist meine Absicht, mich im Rahmen meiner bevorstehenden Publikationen weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen und hoffe, das neu entdeckte Material aus den Archiven des GEI einbeziehen zu können. Während meines Aufenthalts in Braunschweig fand am GEI die jährliche „Georg Arnhold Summer School on Education for Sustainable Peace“ statt.  Freundlicherweise wurde ich von Martina Schulze eingeladen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, die sich mit Menschenrechtsbildung/human rights education (HRE) auf dem Niveau der Sekundarstufe befasste und an der brillante Vortragende aus der ganzen Welt teilnahmen. Die Veranstaltung war eine echte transnationale und interdisziplinäre Plattform, bei der ich es sehr genoss, mit den Forschern und Forscherinnen zu sprechen, die in verschiedenen thematischen und methodologischen Bereichen der Geisteswissenschaften arbeiten.

Ich möchte diese Möglichkeit nutzen, um mich herzlich bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des GEI, seinem Gästehaus sowie bei dem Bibliotheksteam für ihre Hilfe und Unterstützung während meines Aufenthalts zu bedanken. Die Bibliotheksmitarbeiter und -mitarbeiterinnen waren sehr hilfreich, indem sie mich durch die Bibliothek führten und mir bei der Suche nach Büchern helfend zur Seite standen. Ohne die Möglichkeit mit den digitalisierten Materialien der Bibliothek, den Manuskripten, gedruckten Büchern und dem Online-Zugang zu zahlreichen Zeitschriften zu arbeiten, hätte ich nicht das neue Material entdecken können, das es mir ermöglichen wird, einen Artikel zu schreiben, den ich bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichen möchte.

Ich möchte außerdem Martina Schulze, Imke Rath, Cornelia Hagemann und Kerstin Schwedes persönlich dafür danken, dass sie mir zahlreiche Möglichkeiten geboten haben, mit den akademischen Mitarbeitern und -mitarbeiterinnen des GEI sowie mit anderen Stipendiaten und Stipendiatinnen in Verbindung zu treten und dafür, dass sie mein Interesse für die Verbesserung meines Forschungsprojekts mit mir teilten. Diese kollegiale Unterstützung und Bereitschaft sich auszutauschen, die mir gegenüber durch die anderen Stipendiaten und Stipendiatinnen aus verschiedenen Teildisziplinen der Geisteswissenschaften, den Promovierenden sowie den Habilitanden entgegengebracht wurde, gepaart mit der Effektivität, dem Engagement und der Erreichbarkeit der Institutsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen führten dazu, dass ich mich schnell als ein Teil der Gemeinschaft am GEI fühlen konnte. Dieser Gemeinschaftsgeist hat sich am Ende meines Forschungsaufenthalts in andauernde Freundschaften gewandelt.

Auf beruflicher Ebene habe ich keinen Zweifel daran, dass mir dieses Programm geholfen hat, in meiner Karriere voranzuschreiten. Sicherlich gibt es viele qualifizierte Universitäten und Forschungszentren auf der Welt, an denen ich meine Forschung hätte durchführen können. Ich bin jedoch überzeugt, dass ich an keinem anderen Ort von einer derartigen Kombination aus intellektueller Inspiration, Freundschaft, Netzwerken und der Qualität und Quantität an historischem Schulbuchmaterial hätte profitieren können, auf die ich am GEI zugreifen konnte. Ich möchte mich daher nochmals bei dem GEI dafür bedanken, dass ich an diesem Stipendienprogramm teilnehmen konnte, das für meine gegenwärtige und zukünftige Karriere von größter Bedeutung sein wird.


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