Denis Larionov

Bericht über das Möllgaard-Stipendienprogramm am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung

Denis Larionov
Kandidat der Wissenschaften in Geschichte

Außerordentlicher Professor

Lehrstuhl für Gegenwarts- und Zeitgeschichte
Geschichtsfakultät

Belarussische staatliche Universität
Minsk, Belarus (Weißrussland)

Aufenthalt am GEI: 18. Oktober 2017 – 18. November 2017.

Projekttitel: Darstellungen des Katholizismus in russischen und belarussischen Geschichtsschulbüchern

Ich habe im Jahr 2003 erfolgreich meine Dissertation mit dem Titel „Zeitgenössische Sozialdoktrin der katholischen Kirche und ihre Anpassung an die Bedingungen Lateinamerikas” verteidigt. Ich arbeite an der Staatlichen belarussischen Universität in Minsk und gebe Vorlesungen zu verschiedenen Fachgebieten: Geschichte Lateinamerikas, Geschichte Asiens und Afrikas, Geschichte westlicher Zivilisationen, Quellenarbeit. Außerdem gebe ich Veranstaltungen zur besonderen Disziplin „Rolle der katholischen Kirche in der Geschichte der Moderne und Gegenwart”.

Zurzeit forsche ich zum katholischen Traditionalismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Ich hoffe, meine Forschung innerhalb der nächsten fünf Jahre abschließen zu können und diese als meine zweite Dissertation vorzustellen. Diese Forschung wird eine Analyse der Situation innerhalb der Kirche beinhalten und auf die Kontroverse zwischen modernistischen und traditionalistischen Strömungen eingehen. Unterschiedliche traditionalistische Gruppen – von moderat bis extrem – werden untersucht. Außerdem wird ein besonderer Fokus auf der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber der Kirche und von verschiedenen Gruppen innerhalb der Kirche gelegt werden, um mögliche Perspektiven dieser Gruppen zur Wiedererlangung/Erhaltung von Macht über die Gesellschaft bzw. die Möglichkeit eines weiteren Verlusts an kirchlichen Einflusses in post(christlichen) Gesellschaften herauszufinden.

Das Projekt, das 2017 auf der Basis meiner Forschung am GEI realisiert wurde, ist ein wichtiger Teil meiner Forschung, da ich nicht möchte, dass mein Thema sich auf rein theoretische Wissenschaft beschränkt, sondern eine Verbindung zur Realität und zur Implementierung in der Bildung hat. Auf diese Art kann die Darstellung der katholischen Kirche in Schulbüchern dazu beitragen, die Gesellschaft, ihre Erwartungen, Ängste, Mythen und Hoffnungen zu verstehen. Die katholische Kirche hat eine wichtige und umstrittene Rolle in der Menschheitsgeschichte allgemein und speziell in der Geschichte bestimmter Nationen gespielt. Katholizismus wird von verschiedenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen innerhalb unterschiedlicher Bildungs- und Ideologiesysteme erforscht und unterrichtet. Ihre Darstellung ist abhängig von einer Vielzahl an Faktoren: politische/ideologische und religiöse Einstellung, katholisch/protestantisch/orthodoxes Gegenspiel, religiöse/säkulare Werte usw.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) veränderte die Einstellung der Kirche gegenüber der modernen Welt, Ideologien, politischen Regimes, sozialen Problemen und anderen Religionen usw.

Russland und Belarus sind überwiegend orthodoxe Nationen. Aus diesem Grund sind sie in ihrer Einstellung gegenüber dem Katholizismus von einer orthodoxen Weltsicht geprägt. Einen Großteil des 20. Jahrhunderts verbrachten diese zwei Nationen unter dem sowjetischen atheistischen Regime, das streng gegen jegliche Religion eingestellt war und den Katholizismus als den natürlichen Gegner der Nationen darstellte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das religiöse Leben in der ehemaligen Sowjetunion zu neuem Leben erweckt, Russland und Belarus schufen eigene nationale Bildungssysteme auf der Basis ihrer Interessen und Werte. Es kommt zu einer Renaissance der orthodoxen Kirche und seiner Verbindung mit dem russischen Staat. Die katholische Kirche hat in Russland einen legalen Status, gehört aber zu den kleineren religiösen Institutionen des Landes und wird häufig als westlicher Agent wahrgenommen. In Belarus ist die Situation eine andere. Die katholische Kirche ist dort die zweitgrößte Religion nach der orthodoxen Kirche und 15% der Bevölkerung gehören ihr an. Aus diesem Grund ist sie eine wichtige Institution und übt Einfluss auf die Gesellschaft aus.

Westeuropäische Diskussionen bezüglich der EU-Verfassung des Jahres 2004 darüber, ob Gott und das Christentum im Text erwähnt werden sollten, schufen in der russischen und belarussischen Gesellschaft ein neues Interesse für die katholische Kirche (darunter Politiker und Politikerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Bildungspraktiker und Bildungspraktikerinnen). Sowohl russische als auch belarussische politische und religiöse Persönlichkeiten initiierten ihre eigenen Diskussionen sowohl über die christlichen Wurzeln Europas als auch über die Möglichkeiten und Grenzen einer orthodoxen und katholischen Zusammenarbeit innerhalb der säkularen und liberalen Gesellschaft, die eine Herausforderung für die christliche Gesellschaft darstellt. Diese Kontroversen können möglicherweise in den Schulbüchern zu finden sein, die in jenen Jahren und bis heute veröffentlicht worden sind. Die Einstellung der russischen und belarussischen Schulbücher kann zeigen, inwiefern die post-atheistische orthodoxe Gesellschaft dazu neigt, sich entweder mit einem katholischen oder säkularen Standpunkt zu vereinen. Diesbezüglich scheint es wichtig, russische und belarussische Schulbücher dahingehend zu analysieren, was und wie sie unterrichten, wie sie die Rolle des Katholizismus in der Weltgeschichte und in den Nationalgeschichten Russlands und Belarus darstellen und erklären, sowie ob nationale Geschichtsmythen stärker werden oder sich im Prozess des ideologischen Pluralismus und der Demokratisierung der Gesellschaft verändern.

Insgesamt wurden meine Hypothesen bestätigt – die allgemeine Einstellung der russischen und belarussischen Schulbücher gegenüber dem Katholizismus basiert auf ihrer vor allem orthodox geprägten Weltsicht. Einige Spuren der sowjetischen atheistischen Einstellung sind jedoch erhalten geblieben. Gleichzeitig gab es auch einige neue Erkenntnisse. Es wurden z. B. bestimmte Themen und Ereignisse aus der Weltgeschichte und den Nationalgeschichten Russlands und Belarus bestimmt, anhand derer eine spezifische Rolle und Relevanz der katholischen Kirche verdeutlicht wurde. Es konnte außerdem festgestellt werden, dass russische und belarussische Schulbücher in einigen Fällen verschiedene Standpunkte bezüglich einiger Situationen und zur Rolle der katholischen Kirche in diesen vertraten. Außerdem fand ich heraus, dass es einige Ereignisse gibt, bei denen der Kirche eine negative, positive oder neutrale/objektive Rolle beigemessen wird.

In einigen Fällen wird das negative Bild des Katholizismus noch in russischen und belarussischen Schulbüchern dargestellt. Gleichzeitig gibt es jedoch eine sichtbare Entwicklung zur Korrektur dieser emotionalen und manchmal abwertenden Einstellung gegenüber dem Katholizismus hin zu einer neutralen und objektiven Einstellung. Die Schulbücher zur Nationalgeschichte sind negativer gegenüber dem Katholizismus eingestellt, als die Schulbücher zur Weltgeschichte. Schulbücher zur belarussischen Nationalgeschichte bieten mehr Information zur katholischen Kirche als russische. In der Regel kann die Einstellung der belarussischen Schulbuchautoren und Schulbuchautorinnen zur katholischen Kirche in zwei Strömungen geteilt werden: eine positivere Einstellung in den 1990er Jahren; eine neutralere während des 21. Jahrhunderts. Währenddessen beeinflusst die persönliche Einstellung des Schulbuchautors oder der Schulbuchautorin stets das Bild des Katholizismus. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich das Buch mit Welt- oder Nationalgeschichte auseinandersetzt oder in welchem Jahr es veröffentlicht worden ist.

Insgesamt war der Aufenthalt als Stipendiat perfekt organisiert. Das Gästehaus in der Nähe der Bibliothek bietet sehr komfortable Arbeitsbedingungen.

Mein Projektbetreuer Dr. Robert Maier bot mir alle mir notwendigen Beratungsgespräche sowie Unterstützung während meines Aufenthalts am GEI an. Außerdem möchte ich Kaiyi Li und Matthias Springborn dafür danken, dass Sie mir mit der Vorbereitung der Dokumente für das Projekt halfen sowie Sabine Müller und Manuela Brunotte, die mich stets herzlich in das Gästehaus einluden und mir bei Alltagsfragen und Regelungen behilflich waren. Außerdem bin ich den Bibliothekarinnen Tatjana Kretschmer und Michaela Wetzel besonders dankbar, da sie immer bereit waren, mir zu helfen und alle Anfragen und Fragen sowohl zur Bibliothek als auch zum Leben in Braunschweig beantworteten.

Dies war nicht mein erster Aufenthalt am GEI (2002, 2016, 2017) und ich habe die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie die Arbeits- und Lebensbedingungen dort stets als ideal wahrgenommen.

Während des Aufenthalts im Rahmen meines Stipendiums habe ich viele neue Ideen entwickeln können. Ich werde mein Projekt fertigstellen und anschließend eine Publikation mit meinen Erkenntnissen und neuen Ideen zusammenstellen. Dabei werde ich die bemerkenswertesten Ideen in meine Dissertation aufnehmen. Ich hoffe, meine Zusammenarbeit mit dem GEI auch in Zukunft fortführen zu können und empfehle diese Institution als die führende unter Forschungs- und Bibliothekszentren.