Marharyta Fabrykant

Ich bin Sozialwissenschaftlerin, die sich aus einer vergleichenden Perspektive mit Nationen und Nationalismus beschäftigt, wobei mein Interessenschwerpunkt auf Mittel- und Osteuropa liegt und ich einen Fokus auf gesellschaftlich geteilte und neu entstehende nationale Geschichtsnarrative lege. Ich habe einige Artikel veröffentlicht, in denen aufgezeigt wird, wie das lange 19. Jahrhundert, oft als goldenes Zeitalter des Nationalismus bezeichnet, mit früheren Zeitperioden kontrastiert wird, um eine generelle Logik der Nationalgeschichte aufzubauen. Ich bewege mich zurzeit weg von einer Tiefenanalyse länderspezifischer Fälle hin zu transnationalen Geschichtsnarrativen über Ereignisse supranationaler Bedeutung.


Ein solches Ereignis ist der Erste Weltkrieg. Es ist interessant, weil es nicht nur das Ende des langen 19. Jahrhunderts und den Beginn der zeitgenössischen Geschichte markiert, sondern auch weil alle europäischen Staaten betroffen waren. Der Ausgangspunkt meiner Untersuchungen von Narrativen des Ersten Weltkriegs in zeitgenössischen europäischen Schulbüchern war die Frage danach, inwiefern und inwieweit es den ehemaligen Opponenten, die letztendlich zu Feinden wurden und heute Partner in der europäischen Integration sind, gelungen ist, ein gemeinsames Kriegsnarrativ zu konstruieren. Ich war nicht nur an ihrem Inhalt, sondern vor allem an der Struktur der Narrative interessiert und musste daher nicht nur besonders darauf achten, was in den jeweiligen Schulbuchkapiteln vermittelt wurde, sondern auch darauf, was nicht erwähnt wurde, obwohl es an anderer Stelle ausführlich behandelt worden ist.

Die vier Wochen, die ich am GEI verbringen durfte, waren fast in ihrer Gesamtheit dem Sammeln, Organisieren und Lesen von Quellen gewidmet. Ich fotografierte über 3000 Seiten aus 127 Schulbüchern, die aus 21 europäischen Ländern stammten. Ich war in der Lage mein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, das ich mir für meinen Forschungsaufenthalt gesetzt hatte, da mein Forschungsanliegen sich auf ein streng definiertes historisches Ereignis bezog und jeweils innerhalb eines Schulbuchkapitels behandelt wurde. Hätte ich ein abstrakteres theoretisches Thema gewählt, so wie humanitäre Krisen oder Kriegspropaganda, so hätte ich meinen Fokus auf eine kleinere Auswahl an Ländern legen müssen, um wirklich alle ausgewählten Schulbücher nach relevanten Inhalten durchforsten zu können. Außerdem hätte ich selbst, wenn ich alle Fremdsprachen der untersuchten Länder hätte lesen können, nicht einmal eine vorläufige Analyse der Quellen geschafft. Während meines Aufenthalts hatte ich jedoch genug Zeit, um eine Präsentation zu konzipieren, die sich allein auf neue Forschungsergebnisse stützte, die vollständig im Rahmen meiner Zeit am GEI gesammelt wurden.

Als ich mein Forschungsvorhaben plante, formulierte ich die Hypothese, dass es kein einziges gemeinsames europäisches, oder gar westeuropäisches, Narrativ über den Ersten Weltkrieg geben würde. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war, dass die länderübergreifenden Unterschiede zwischen Narrativen so groß und die verschiedenen Verlage innerhalb der jeweiligen Länder so einheitlich sein würden. Als Beispiel ist zu nennen, dass sich in deutschen Geschichtsschulbüchern die Kapitel über den Ersten Weltkrieg vor allem auf Kolonialismus und Imperialismus beziehen, der dem Krieg voranging, und auf die neue europäische Ordnung, die nach dem Ende des Krieges geschaffen wurde. Sie beinhalten jedoch überraschend wenig über den Kriegsverlauf selbst, wobei das Fehlen traditioneller Militärgeschichte besonders auffällig war. Der Inhalt und sogar die Auswertungen von Schlüsselereignissen und Akteuren scheinen im Ländervergleich recht ähnlich zu sein, das Verständnis der Kriegserzählung an sich unterscheidet sich jedoch so sehr, dass die Schulbücher der verschiedenen Länder eindeutig verschiedene Narrative vermitteln. Man könnte sagen, dass sich die verschiedenen europäischen Länder im Fall des Ersten Weltkriegs darüber uneinig sind, worüber sie sich eigentlich einig werden könnten.

Mein Aufenthalt am GEI war eine bereichernde und anregende Erfahrung. Es war seltsam und regte zum Nachdenken an, dass ich die Hälfte meiner Semesterferien als Universitätslektorin damit verbrachte, über Schützengräben, chemische Waffen und Revolutionen zu lesen – und das in der friedlichen Umgebung der wunderschönen Stadt Braunschweig. Die freundlichen Kolleginnen und Kollegen am GEI halfen mir dabei, alle nötigen Materialien zu finden und mich nicht hinsichtlich der riesigen Menge an zugängigen Ressourcen überfordert zu fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass ich die Ergebnisse meiner Forschung zu einem Buch herausarbeiten können werde. Für die Zukunft gab mir meine Arbeit am GEI die Idee, Narrative über andere Ereignisse aus der europäischen Geschichte zu vergleichen, in denen länderübergreifend ähnliche Inhalte aber andere Strukturen zu finden sind. Diese Fälle sind besonders interessant, da sie aufzeigen, dass für das Entstehen einer gemeinsamen Vorstellung der Geschichte das gemeinsame Einigen auf ein paar zentrale Punkte nicht ausreicht. Außerdem ist es notwendig herauszufinden, wie man diese Übereinstimmung als eine einzige einheitliche Geschichte präsentieren könnte.


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