Mikayel Zolyan

Ich bin ein Forscher aus Armenien, der sich mit ethnischen Konflikten, der Politik von Nationalismus und Ethnizität sowie mit Fragen von Demokratisierung und nation-building im post-sowjetischen Kontext beschäftigt. Zu meinen Forschungsinteressen gehören Fragen des kollektiven Gedächtnisses und historische Darstellungen sowie das Problem der politischen Instrumentalisierung der Vergangenheit. Ich habe einen Doktortitel der Geschichte von der Yerevan State University und einen Masterabschluss in Nationalismusstudien von der Central European University in Budapest. Zurzeit bin ich Assistenzprofessor an der Brusov Yerevan State Linguistic University am UNESCO Chair of Democracy und Gastdozent an der Fakultät für internationale Beziehungen und Politikwissenschaft an der Russisch-Armenischen Staatlichen Universität, Jerewan.


Mein Forschungsprojekt beschäftigte sich mit der Darstellung des Zerfalls der Sowjetunion in den Schulbüchern des post-sowjetischen Armeniens. Der Zeitabschnitt zwischen den späten 1980er und den frühen 1990er Jahren ist von besonderer Bedeutung für den neu hervorgegangenen armenischen Staat. Daher ist dieser auch das Subjekt von Debatten und widerstreitenden Interpretationen gewesen, die von Konzeptualisierungen der Ereignisse als eine demokratische Revolution hin zu Verschwörungstheorien reichen, welche die Ereignisse mit subversiven Aktivitäten außenstehender Kräfte in Verbindung bringen. Die Autoren und Autorinnen von Geschichtsbüchern wurden dahingehend vor eine schwierige Aufgabe gestellt: Einerseits war es aufgrund der ihrer zentralen Bedeutung für den armenischen Staat und sein politisches System unmöglich, die Ereignisse der 1980er und 1990er Jahre unerwähnt zu lassen, andererseits gab es in der Gesellschaft bezüglich dieser Ereignisse keinen Konsens, was in den letzten zwei Jahrzenten das Thema hitziger Debatten gewesen ist. Auf welche Art und Weise armenische Schulbücher sich mit diesem komplizierten Thema auseinandersetzen, wurde zum Objekt meiner Forschung.

Das Narrativ, das in Schulbüchern präsentiert wird, kombiniert in der Regel Elemente zweier Modelle miteinander, die beide allgemein als nationalistisch, jedoch mit unterschiedlichen Definitionen des Wortes, beschrieben werden können. Das „Narrativ des ethnischen Konflikts” konzentriert sich auf den aserbaidschanischen Konflikt um Karabakh und im Allgemeinen auf den Konflikt zwischen Armenien und den benachbarten Turkstaaten. Die meisten Schulbücher bezeichnen die Bürgerbewegung des Jahres 1988 als eine „nationale Befreiungsbewegung“. Beschreibungen des Konflikts, besonders von solchen Schlüsselereignissen wie den Massakern von Sumgait und Baku sowie des Beginns der bewaffneten Auseinandersetzungen in Karabakh, beinhalten Begriffe und Ausdrücke, die auf eine Analogie zum armenischen Genozid von 1915, einem Schlüsselereignis im armenischen Kollektivgedächtnis, hinweisen.

Bei dem anderen Modell handelt es sich um ein nation-building Narrativ, das sich auf den (Wieder)Aufbau der armenischen Staatlichkeit und der Gründung eines unabhängigen Nationalstaats fokussiert. Dieses Narrativ kann allgemein als Staatsnationalismus bezeichnet werden. Es ist auch in Schulbüchern erkennbar, wobei es im Gegensatz zum Karabakh-Narrativ eine untergeordnete Rolle spielt. Der Prozess der Erlangung von Unabhängigkeit wird überwiegend innerhalb des Kontexts der „nationalen Unabhängigkeitsbewegung“ Karabakhs und als logische Fortsetzung dieser dargestellt. Bis auf die recht irrationale Behauptung, die in Schulbüchern gefunden wurde, dass die Unabhängigkeit „ein uralter Traum des armenischen Volks“ sei, wird kaum darüber diskutiert, ob und warum die Unabhängigkeit notwendig oder wünschenswert war.

Es gibt jedoch einige Elemente, die sich zu einem dritten Narrativ entwickeln könnten. Diese sind jedoch kaum ausgeprägt. Erzählerische Elemente, die als „demokratisch“ beschrieben werden könnten, z. B. die Betonung der Rolle von Demokratie gegen das totalitäre sowjetische System, sind in den heutigen Schulbüchern am schwächsten vertreten. Demokratiethemen haben eine untergeordnete Rolle; sie werden meist beiläufig erwähnt oder bloß als Teil der Beschreibung eines Ereignisses. Demokratie als Errungenschaft und der Kampf um Menschenrechte werden nicht explizit als die Hauptziele der Bürgerbewegung benannt: Demokratie wird meist insofern erwähnt, als dass sie sich begünstigend auf andere Prozesse auswirkt. Demnach scheint der Kampf um Demokratie, der eindeutig in der Massenbewegung der späten 1980er Jahre eine Rolle spielte, kaum mehr für den heutigen armenischen Staat bezüglich der Erziehung seiner jüngeren Generation von Bedeutung zu sein.

Zusätzlich zu der Analyse armenischer Schulbücher waren Schulbücher anderer post-sowjetischer Länder, auf die ich am GEI zugreifen konnte, besonders interessant für mich. Wie bereits oben angedeutet, erwies sich ein Monat als eine zu kurze Zeit, um eine Tiefenanalyse dieser Schulbücher durchzuführen. Einige dieser hinterließen jedoch interessante Eindrücke. Zum Beispiel war ein bestimmtes Bild aus einem ukrainischen Schulbuch besonders einprägsam, da es, trotz seines fragwürdigen Designs, einen Einblick in die Bemühungen der Schulbuchautoren und Schulbuchautorinnen gewährte, die versuchten ein Bild eines Landes zu vermitteln, das sowohl in der Vergangenheit verwurzelt ist und zugleich nach vorne in Richtung Modernisierung blickt.


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