Minna Suikka

Minna Suikka studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Helsinki und erhielt ihren Master of Arts-Abschluss 2013. Zurzeit ist sie Studentin in einem Masterprogramm der Europastudien der Universität Helsinki mit dem Studienschwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeschichte und wird dort einen Master of Social Science-Abschluss erlangen. Ihre Masterarbeit beschäftigt sich mit dem kollektiven Gedächtnis und Bild Russlands in tschechischen, finnischen und polnischen Geschichtsschulbüchen der Oberstufe. Minna Suikka interessiert sich für Fragen des kollektiven Gedächtnisses, der Historiographiegeschichte, der Geschichtstheorie, der vergleichenden Geschichte sowie Nationalismusstudien.


Erinnerung an Sie in Unserer Geschichte

Minna Suikka

Das Ziel meines Forschungsprojekts ist es, zu analysieren inwiefern das Russlandbild in der historischen Periode zwischen 1815–1922 in Schulbüchern der höheren Sekundarstufe der Tschechischen Republik, Finnlands und Polens, die zwischen 1993 und 2013 veröffentlicht wurden, zur Reflexion und Konstruktion des tschechischen, finnischen und polnischen Kollektivgedächtnisses beiträgt. Ich habe mich für die Analyse von Schulbuchdarstellungen entschieden, die sich mit dem Kollektivgedächtnis und nationaler Identität in diesen drei Ländern beschäftigen, da tschechische, finnische und polnische historische Erfahrungen sich in einigen Punkten ähneln, aber sich doch auf eine Art unterscheiden, sodass sie sich in dem größeren Kontext europäischer Geschichte verorten lassen. Es gibt viele parallele Wege, aber es gibt auch viele Unterschiede zwischen den jeweiligen Ländern.

Während der letzten 20 Jahre haben europäische Identitäten aufgrund des Zerfalls der alten Grenzen der Ära des Kalten Kriegs und der EU-Osterweiterung einen Umbruch erlebt. Als Ergebnis ist es besonders wichtig geworden, das europäische Selbstverständnis in einer Welt mit multiplen Identitäten neu auf Vorstellungen von “Wir” und “Sie” zu überprüfen. Unsere Beziehung zur Welt verändert sich und dementsprechend sollten wir die Vergangenheit aus neuen Blickwinkeln betrachten. Aus diesem Grund ist es eine interessante Frage, inwiefern sich Identitäten bezüglich kollektiver Gedächtnisse konstruieren und welche Rolle dabei Geschichte spielt, um zu definieren, wer wir sind. Diese Veränderung schafft den Hintergrund für diese Studie, die versucht, das Thema durch einen vergleichenden Ansatz zur zeitgenössischen europäischen Erinnerungskultur und zu dazugehörigen Identitäten zu beleuchten.

Der theoretische Rahmen für diese Forschung ist verbunden mit Diskussionen zur nationalen Identität und zum Kollektivgedächtnis. Die Methodologie dieser Studie besteht aus einem vergleichenden Ansatz und einer qualitativen Inhaltsanalyse. Ich bin daran interessiert, die nationalen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen tschechischen, finnischen und polnischen Schulbüchern bezüglich ihrer Russlanddarstellungen aufzudecken. Die Ergebnisse der Analyse werden entscheiden, ob die Narrative zur russischen Geschichte durch die Ängste und Traumata des Freiheitsverlusts und den jeweiligen Nationalgeschichten der drei Länder gezeichnet sind.

Das Kollektivgedächtnis befindet sich bezüglich der Beziehung zwischen dem „Wir“ und dem „Sie“ in einem ständigen Wandel. All diese Länder tragen die Erinnerung instabiler Zeiten mit sich, als sie noch nicht zu den unabhängigen Nationalstaaten zählten. Im Gedächtnis verankert ist die Erfahrung der Fremdherrschaft, gepaart mit der Angst, die Individualität zu verlieren und zum „Anderen“ zu werden. Das, was diese Länder verbindet ist, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt problematische Beziehungen zu Russland hatten: Finnland und Polen während der Zeit des Russischen Reichs und nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit. Während der Sowjetzeit waren ihre Beziehungen mindestens ungewiss, wenn nicht feindselig und auch die Tschechische Republik (oder Tschechoslowakei) hat zeitweise nach dem Zweiten Weltkrieg problematische Beziehungen zu der Sowjetunion unterhalten.

Was Identitätspolitik angeht, haben die Tschechen an dem zentraleuropäischen Projekt teilgenommen und ihre Zugehörigkeit zu Mitteleuropa (vom 20. Jahrhundert bis heute) bekräftigt, während die Finnen auf ähnliche Weise an dem nordeuropäischen Projekt Norden (besonders nach dem Zweiten Weltkrieg) teilgenommen haben. Interessanterweise haben die Polen sowohl danach gestrebt zu Mittel- als auch zu Nordeuropa zu gehören, während sie jedoch gleichzeitig unabhängig ohne eine jeweilige Zugehörigkeit existierten. Zusätzlich identifiziert sich das polnische Volk über die katholische Welt, wodurch ebenfalls eine Verbindung zu Südeuropa hergestellt wird. Tschechen, Finnen und Polen haben alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten das Leben zwischen deutscher und russischer Kultur erlebt (die Finnen womöglich mehr oder weniger zwischen schwedischer und russischer Kultur). Dies spiegelt ebenfalls ihr jeweiliges Kollektivgedächtnis bezüglich des Identitätsbildungsprozesses wider.

Ein Grund besonders auf das Russlandbild in der Tschechischen Republik, Finnland und Polen einzugehen, sind die problematischen und vielschichtigen Beziehungen, die zwischen Russland und diesen Ländern in der neueren Zeitgeschichte geherrscht haben (oder Sowjetrussland/Sowjetunion). Russlands Beitrag zu der heutigen internationalen Politik bleibt unbestritten. Es bleibt jedoch wichtig, mit einem vergleichenden Ansatz die Darstellung der „ehemaligen Feinde“ der Länder zu untersuchen, die sich durch „Europäisierung“ hervorzuheben suchten. Die Botschaft der Russischen Föderation ist und bleibt, dass sie als „Eurasische Macht“ mit vergleichbarem Einfluss wie die EU anerkannt werden möchte. Die Krise, die jedoch 2013–2014 in der Ukraine ausgebrochen ist, weist darauf hin, dass sich die alten Einflusssphären sowie das weiterhin bestehende Misstrauen zwischen Beteiligten weiterhin auf die internationalen Beziehungen auswirken. Daher ist es wichtig, das Kollektivgedächtnis sowie die Schulbuchdarstellungen der ehemaligen Feinde zu untersuchen. Der erste Schritt zur gegenseitigen Verständigung, der als Basis für freundschaftliche Beziehungen dienen kann, ist die Aufdeckung von Mechanismen zur Legitimierung nationaler Überlegenheit, einer kollektiven Opferrolle oder Feindseligkeiten innerhalb von Schulbuchdarstellungen.


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