Önder Çetin

Nach seinem Masterabschluss in Conflict Analysis and Resolution (2005) an der Sabancı Universität erhielt Önder Çetin 2011 seinen Doktortitel in den Geisteswissenschaften von der Universität Leiden für seine Forschung zur Rolle der bosnischen Ulama für den Wiederaufbau von Vertrauen und Zusammenleben in Bosnien-Herzegowina. Seit 2011 hat er bei mehreren Forschungsprojekten zu Geschichte und kollektivem Gedächtnis, Kurrikulumsrevisionen sowie zur Wahrnehmung von Einwanderern in der türkischen Gesellschaft mitgewirkt. Währenddessen lehrt er zu Ethnizität und Multikulturalismus, kulturellem Gedächtnis sowie zu Konfliktanalyse und -lösung.


Neue Betrachtungen des Kollektiven Gedächtnisses in der Türkei durch die Revision des Lehrplans: Entwurf eines Schulbuchs für die Sekundarstufe

Önder Çetin

Der Fokus meiner Forschung am GEI lag auf den Ergebnissen meines vorherigen Projekts zu “Erziehung zur Versöhnung: Der Wiederaufbau von sozialer Harmonie und kollektivem Gedächtnis in der Türkei durch die Revision des Curriculums“. Als diese Forschung im November 2014 beendet wurde, hatte ich Antworten zu der grundlegenden Frage, inwiefern offiziell anerkannte Kategorien des „Anderen“ diskursiv im türkischen Curriculum konstruiert wurden, erhalten. Das Projekt stützte sich auf eine dreiteilige Analyse der Nutzung bestimmter Inhalte, Argumentationsstrategien und Sprache bei der Konstruktion von inklusiven oder exklusiven Zugängen. Ich habe z. B. herausgefunden, dass die Wahl von Geschichte oder Religion als Hauptkontext der Darstellung bestimmter Inhalte des Curriculums dazu beitrug, die oben genannten Strategien durch die Nutzung bestimmter Topoi in der Argumentation wie Gerechtigkeit und Loyalität aufzunehmen.

Nichtsdestotrotz führte die Beantwortung der zuvor genannten „wie“-Fragen zu einer neuen Reihe von „wie“-geleiteten Fragen. Wie können Geschichts- und Sozialkundebücher revidiert werden, um im Sinne von Gleichheit und Respekt einen Beitrag zu interkommunalen Interaktionen zu machen? Wie können die Erfahrungen anderer Länder dazu beitragen, dass im türkischen Kontext Lösungsansätze gefunden werden können? Mein Forschungsaufenthalt am GEI im Januar 2016 war vorrangig darauf ausgerichtet, Lehrmaterialien zu entwerfen, die sich mit einem doppelten Zugang mit der ersten dieser Fragen auseinandersetzen würden. Dabei sollten nicht nur Elemente entfernt werden, die zur Verschärfung von Konflikten beitragen, sondern auch ein proaktiver Ansatz im Sinne transformativer Bildung gewählt werden, in dem Fälle eines geteilten Erbes vermittelt werden.

Das GEI hat mir eine inspirierende Möglichkeit gegeben, Antworten auf diese zwei entscheidenden Fragen zu formulieren, indem mir zwei besondere Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden: Arbeiten zur Friedenserziehung und Schulbuchanalyse für die erste Frage sowie Schulbücher und ergänzende Unterrichtsmaterialien aus zahlreichen Ländern für die zweite Frage. Die erste Ressource ermöglichte mir einen besonders integrierten Zugang zum Thema Versöhnung aus der Perspektive der Schulbuchrevision. Mein primärer Referenzrahmen griff zunächst auf einen „erinnernden“ Typ des kollektiven Gedächtnisses zurück, der durch die Nutzung nostalgischer Elemente funktioniert. Durch die Erforschung der Vor- und Nachteile gemeinsamer Geschichtsschulbücher und Initiativen zur Lehrplanrevision durch die detaillierte Analyse repräsentativer Werke, die in der GEI-Bibliothek zur Verfügung gestellt werden (Beispiele können Aktekin et al. 2009, Korestelina and Lässig 2013, Koulouri 2005, Köksal et al. 2012, Pingel 2010 sein), habe ich einen stärkeren Fokus auf den pädagogischen Rahmen eingenommen. Dies hatte vor allem auch mit der Beschäftigung mit multiperspektivischen Zugängen und Aktivitäten des interaktiven Lernens zu tun, die zur Ermöglichung und Förderung kreativen und kritischen Denkens entworfen worden sind.

Die oben genannten Werke lieferten mir ebenfalls exemplarische Fälle, mit denen ich den multidimensionalen Charakter meines Anliegens stärken konnte. Veränderung und Kontinuität im täglichen Leben in Albanien, Bulgarien und Mazedonien: 1945-2000 (Čepreganov, Kuševa and Papajani 2003) lieferte mir z. B. zahlreiche dokumentarische Fotografien und Texte während ich mir darüber Gedanken machte, wie ich mein Forschungsvorhaben durch den Fokus auf Alltagserfahrung umfangreicher und kreativer gestalten könnte. Andererseits bot mir Kindheit in der Vergangenheit (Ristović and Stojanović 2001) eine inspirierende Vorlage für die Art und Weise, in der eine solche Revision erfolgen könnte.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um der sehr hilfreichen Administration und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek des GEI zu danken, die alles ihnen Mögliche taten, um meinen Aufenthalt erfüllend und angenehm zu gestalten. Ihre Hilfe erleichterte mir während meines Aufenthalts als Stipendiat nicht nur die Nutzung umfangreicher Materialien für die Ausarbeitung meines Forschungstexts, sondern auch für die Zusammenstellung von Materialien, die ich in meinen aktuellen Vorlesungen und Seminaren zum Thema Kulturelles Gedächtnis und Migration und Transformation verwende. Außerdem war ich dank meiner Forschung am GEI in der Lage einen Kurs zur Soziologie des Krieges und der Gewalt zu konzipieren.


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