Ramona Caramelea

Dr. Ramona Caramelea studierte Geschichte an der Universität Bukarest und der Universität Aachen (Erasmus-Socrates Stipendium 2003). Sie erhielt ihren Bachelorabschluss 2002, ihren Master 2004 und promovierte 2009 mit einer Doktorarbeit über Schulgebäude-Architektur im Rumänien des 19. Jahrhunderts. Sie arbeitet zurzeit als Lehrassistentin in der Abteilung für Lehrerausbildung der Nationalen Universität der Künste Bukarest. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Bildungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.


 

Eine Disziplin, die der Nation dient: Geographieschulbücher in Rumänien (1864-1947)

Ramona Caramelea

Die drei Wochen, die ich am Georg-Eckert-Institut verbrachte, waren für mich sowohl akademisch als auch persönlich sehr produktiv.

Meine Forschung zielt darauf, rumänische Schulbücher für die Sekundarstufe zu analysieren, die zwischen 1864 und 1947 veröffentlicht wurden, um die Beziehung zwischen Ideologie, nationaler Identität und dem Inhalt sichtbar zu machen. Im Jahr 1864 wurde die Geographie als eigenständiges Schulfach etabliert (davor war es immer in Verbindung mit Geschichte behandelt worden) und wurde daher sowohl in den Lehrplan der Grund- als auch der Sekundärschule eingeführt. Geschichte und Geographie waren beides Disziplinen, die für politische Zwecke genutzt wurden. Sie trugen zur politischen Atmosphäre der Zeit bei, nährten patriotische Gefühle und halfen, eine nationale Identität aufzubauen. Gleichzeitig trug das Fach Geographie zur Konstruktion verschiedener Bilder Rumäniens und des rumänischen Volks bei. Die Periode, die in meiner Analyse betrachtet wird (1864–1947), wurde aufgrund ihrer Verbindung mit dem politischen Prozess des Aufbaus des rumänischen Nationalstaats und der Konstruktion einer nationalen Identität (welches etwa zur gleichen Zeit stattfand) ausgewählt. Die geographischen und ethnischen Strukturen des Staates waren zu dieser Zeit radikalen Veränderungen ausgesetzt – Veränderungen, die in den Schulbüchern und in ihren politischen Inhalten reflektiert wurden.

Die Quellen, die für meine Forschung verwendet wurden, sind rumänische Geographieschulbücher, die zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts verfasst wurden. Ich habe meine Forschung auf Schulbücher für die Sekundarstufe begrenzt. Die Schulbücher haben eine gemeinsame Struktur, die verschiedene erdkundliche Zugänge verbinden: physische Geographie, historische Geographie, politische und ökonomische Geographie.
Die Kapitel sind jedoch ungleich gewichtet und werden nicht konsequent objektiv behandelt. Eine gemeinsame Eigenschaft ist auch die Art und Weise, wie das Wissen innerhalb der Schulbücher vermittelt wird – mit einem deskriptiven, enzyklopädischen Stil, in dem Zahlen und Fakten im Überfluss vorhanden sind. Erklärungen, kausale Beziehungen, Beobachtungen oder Untersuchungen tauchen nur in sehr wenigen Schulbüchern auf.

Die Theorien, die in den Geographieschulbüchern präsentiert werden, sind im geographischen nationalen Diskurs verwurzelt. Die Theorie der organischen Einheit des rumänischen Bodens (ein Nationalstaat, der über ein einheitliches geographisches Gebiet verfügt) und die Nationalisierung der Landschaft[1] (die Beschreibungen der rumänischen Landschaft betonen insbesondere nationale Eigenschaften und Tugenden) müssen innerhalb des politischen Kontexts der Zeit betrachtet werden. Die einzigen Kapitel, die auf unparteiische Art verfasst sind und in denen keine eindeutige Verzerrung der Realität erkennbar ist, sind diejenigen, die sich mit der politischen Geographie befassen. Indem sie Informationen über zeitgenössische politische Organisationen, die administrative Aufteilung des Landes und das Funktionieren der wichtigsten Institutionen liefern, spiegeln diese Kapitel die politischen Herausforderungen Rumäniens wider.

Ich verwende für meine Forschung sowohl Methoden der Diskurs- als auch der Textanalyse. Da Schulbücher die zentrale Informationsquelle für meine Forschung darstellen, bemühe ich mich darum, zu analysieren inwiefern sie durch ihre Gestaltung, Sprache und die dargestellten Bilder eine bestimmte politische oder kulturelle Botschaft vermitteln. Ich verwende die kritische Diskursanalyse, um die Beziehungen zwischen Texten und Diskursen zu untersuchen und nutze sozialstrukturelle Ansätze, um eine ideologische Dominanz zu erklären. Meine Forschung konzentriert sich außerdem auf das Schulbuch als Medium der visuellen Kommunikation, wobei besonders die Rolle von Bildern und Karten hinterfragt wird.

Das Stipendienprogramm des Georg-Eckert-Instituts hat mir die hervorragende Möglichkeit gegeben, wissenschaftliche Bücher und Aufsätze über Schulbuchanalyse zu nutzen, die anschließend eine Basis für meinen theoretischen Zugang bildeten. Ich konnte mich mit den zuverlässigsten Methoden und Instrumenten zur Untersuchung von Schulbuchquellen vertraut machen. Ein transdisziplinärer Zugang, die Rekonstruktion von Diskursen und das Aufgreifen von Konzepten, die von Schulbuchforschern vorgeschlagen wurden, haben es mir ermöglicht, mich kritisch mit den Perspektiven, Diskursen und Inhalten der Schulbücher auseinanderzusetzen.

Die Ergebnisse dieser Forschung werden auf zweierlei Weise verwendet: für Artikel, die in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht werden sollen und für eine Ausstellung mit dem Titel „Geographie in Rumänischen Schulen 1864–1947“, an der ich momentan arbeite.

Ich möchte mich herzlich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek bedanken, die mir bei der Literatursuche halfen und mich durch die Bibliothek führten. Außerdem möchte ich mich bei den Forscherinnen und Forschern und dem Personal des Gästehauses bedanken, die sich darum bemühten, mir eine angenehme und produktive Zeit in Braunschweig zu ermöglichen. Ich möchte auch Cristiana Murinha, Đorđe Stojanović und Helga Rietler und meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Gästehaus für die intensiven Diskussionen, den kulturellen Austausch und die schöne gemeinsame Zeit danken.


[1] Concept used by Oliver Zimmerman involving a symbolic analogy between landscape and nation. Kaufmann, E.; Zimmer, O., “In search of the authentic nation: landscape and national identity in Canada and Switzerland,” in: Nations and Nationalism, 4(4), 1998, pp.483-510, http://eprints.bbk.ac.uk/4214/1/4214.pdf.


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