Rūta Kazlauskaitė-Gürbüz

Rūta Kazlauskaitė-Gürbüz erhielt ihren Master of Social Science in Politikwissenschaft im April 2011 von der Helsinki University, wo sie zurzeit Doktorandin im Fachbereich für politische und ökonomische Studien ist. Ihr Projekt beschäftigt sich mit der Produktion historischen Wissens in der Schulbildung Polens und Litauens und seiner Beziehung zum historischen Gedächtnis der jeweiligen Minderheitengruppen in diesen Ländern. Rūta Kazlauskaitė-Gürbüz interessiert sich für Geschichtsbildung, kollektives Gedächtnis und die politische Geschichte Mittel- und Osteuropas.


Die umstrittende Erinnerung der geteilten Polnisch-Litauischen Vergangenheit und Geschichtsunterricht in Polen und Litauen

Rūta Kazlauskaitė-Gürbüz

Im März/April 2013 erhielt ich die Möglichkeit mit einem Stipendienprogramm drei Wochen am Georg-Eckert-Institut zu verbringen. Meine Promotionsforschung untersucht die Produktion historischen Wissens in der Schulbildung Polens und Litauens und inwiefern dieses Wissen sich auf das Kollektivgedächtnis der polnischen und litauischen Minderheiten in ihren zwei nationalen Umfeldern bezieht. Ein Teil der Arbeit ist die Analyse der Darstellung offizieller historischer Narrative in Geschichtsschulbüchern in Litauen und Polen hinsichtlich einer Diversität von Narrativen und historischer Wahrheit. Dieses Anliegen ist besonders relevant, da Unterschiede in den offiziellen Interpretationen polnisch-litauischer Geschichte bis heute existieren. Die im Konflikt miteinander stehenden offiziellen Geschichtsnarrative werden jedoch den abweichenden Variationen des kulturellen Gedächtnisses der polnischen Minderheit in Litauen sowie der litauischen Minderheit in Polen nicht ausreichend gerecht. Der Konflikt um die Definition der „historischen Wahrheit“ hat wichtige Auswirkungen im Feld des Geschichtsunterrichts, da dieser die Aufgabe hat, eine angemessene Interpretation der Vergangenheit zu vermitteln. Angesichts der entscheidenden Rolle professioneller Historiker und Historikerinnen als aktive Mitwirkende und Gestalter der staatlichen Bildungspolitik interessiere ich mich besonders für ihre Ansichten zum Wesen des historischen Wissens sowie für Zugänge und Ziele des Geschichtsunterrichts. Inwiefern lassen sich ihre jeweiligen beruflichen Identitäten, ihre Ansichten zur „politischen Wahrheit“, das Niveau ihrer Objektivität sowie der gewünschte Zweck des Geschichtsunterrichts in ein spezifisches Narrativ übersetzen, das innerhalb der Schulbücher zu finden ist? Wie nehmen sie diese Aktivität angesichts dessen wahr, dass Geschichtsschulbücher als wesentliches Instrument der staatlichen Erinnerungspolitik gelten? Die letzte und wichtigste Frage: Wie werden sie damit fertig, die Vielfalt der Interpretationen der geteilten polnisch-litauischen Geschichte im Geschichtsunterricht anzugehen?

Während meines Forschungsaufenthalts habe ich die Sammlung polnischer und litauischer Geschichtsschulbücher sowie wissenschaftliche Literatur zur Geschichtsschulbildung in der Bibliothek des GEI intensiv genutzt. Ich habe eine große Anzahl polnischer und litauischer Schulbücher gelesen und dahingehend analysiert, wie ihre Autorinnen und Autoren sich mit den Themen der Diversität von Narrativen sowie mit historischer Wahrheit auseinandersetzen. Außerdem interessierte ich mich dafür, welche historischen Recherche- und Analysepraktiken sie für angemessen im Umgang mit diesen Themen hielten und inwiefern sie gegensätzliche Interpretationen der Vergangenheit präsentieren. Besonders aufgefallen ist mir dabei, dass sich die Schulbücher deutlich für eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen aussprachen, die Unvermeidbarkeit einer Interpretationsvielfalt der Vergangenheit betonten und ferner aufzeigten, dass unsere Vergangenheit stets in den gegenwärtigen kulturellen Kontext eingebettet ist, während jedoch die unterschwellige Vorstellung historischer Objektivität (in der Form, in der sie bei der Mehrheit der Autorinnen und Autoren zu erkennen ist) sich kaum von Vorstellungen des 19. Jahrhunderts unterschied. Die Unterscheidung zwischen dem Wissenden und dem Wissen sowie zwischen Fakten und Werten wurde weiterhin unterstrichen. Das Hauptziel der Geschichtswissenschaft sei, laut der Darstellung in den Schulbüchern, die Bestimmung dessen, was „wirklich passiert sei“.

Treffen und Gespräche mit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des GEI boten mir die wertvolle Möglichkeit, Erkenntnisse gemeinsamer Forschungsinteressen zu diskutieren und miteinander zu teilen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek waren extrem hilfreich und halfen mir stets, das für mich relevante Material in der Sammlung der Bibliothek zu finden. Ich bin ihnen für ihren Beitrag zu einem sehr produktiven und akademisch anregenden Forschungsaufenthalt in Braunschweig dankbar.


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